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Wikirating: Standard & Poor's bekommt Konkurrenz von unten

Note AA - davon ist Deutschland im Wikirating weit entfernt.

Note AA - davon ist Deutschland im Wikirating weit entfernt.

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dpa

Anfang 2010 stellte sich Dorian Credé erstmals die folgenschwere Frage: "Wie kann es sein, dass drei Unternehmen, die auf Profit aus sind und alle an einem Ort sitzen, in solchem Ausmaß über die Geschicke der Weltwirtschaft bestimmen?" Die Finanzkrise nach dem Lehman Brothers-Crash war noch nicht ganz abgeklungen, die Schuldenkrise war am kommen, und Credé war nicht der einzige, der die Macht der Ratingagenturen in Frage stellte. Und der nach einer Alternative für jedermann suchte.

Die Antwort des Schweizers, der als Mathematiker für eine IT-Firma arbeitet: Eine Agentur als Online-Community, in der Internetnutzer über die Kreditwürdigkeit von Staaten und Unternehmen urteilen. Weil Credé seit 2002 als freier Autor für die Internetenzyklopädie Wikipedia arbeitet, war ihm deren System bestens vertraut - und konnte als Vorbild dienen.

1000 Stunden Arbeit

Wikirating heißt die basisdemokratische Alternative zu staatlichen Agenturen oder Wirtschaftsunternehmen. Mehr als ein Jahr haben Credé, 37, und sein Kollege Erwan Salembier, 34, in ihrer Freizeit an der Seite gearbeitet, 1000 Stunden investiert, seit dem 3. Oktober ist sie online.

Die Nutzer können sowohl Länder als auch Unternehmen bewerten. Dabei kommen unterschiedliche Modelle zum Einsatz. Beim "Polling" vergibt der Nutzer einfach eine Note für die Kreditwürdigkeit. Die Skala reicht von der Bestnote "AAA" bis "D" - ähnlich wie bei den klassischen Agenturen. Dabei können die Nutzer für jedes Land oder jede Firma nur eine Stimme abgeben, diese Einschätzung jedoch jederzeit verändern.

Auffällig ist, die Wikirating-Nutzer bewerten die Industrieländer deutlich schlechter, als die etablierten Agenturen: Die Bestnote "AAA" gibt es nur für Luxemburg und Hongkong, Deutschland bekommt nur ein schlappes "BB+", die USA erhalten nur ein "BBB-". Dafür schneiden manche Schwellenländer wie Brasilien und Argentinien besser ab. Aus Credés Sicht ist der internationale Input ein großer Vorteil. "Für die großen Ratingagenturen sind manche arme Länder gar nicht existent - aus ökonomischen Gründen. Bei uns kann jedes Land beurteilt werden."

Transparente Methoden

Eine andere Methode ist der "Sovereign Wikirating Index", bei dem ökonomische Basisdaten wie Wachstumsrate, Schuldenquote und Arbeitslosenquote in die Bewertung einfließen. "Weitere Bewertungsmodelle, die von Usern vorgeschlagen wurden, sollen dazukommen", erzählt Credé. Wie bei Wikipedia stimmen die Nutzer über die Inhalte ab, und müssen ihre Bewertungen mit Quellen belegen. "Uns geht es nicht darum, dass jeder Besucher jede Einschätzung teilt", sagt Credé. "Wichtig ist nur, dass für jeden nachvollziehbar ist, wie sie zustande kommen."

Transparenz und Unabhängigkeit - das ist das Pfund, mit dem die Wikirating-Gründer wuchern wollen. Schließlich stehen Standard & Poor's, Moody's und Fitch, die den Markt dominieren, seit der Finanzkrise 2008 in der Kritik: ihre Entscheidungen seien kaum nachvollziehbar, ihr Blickwinkel einseitig, ihre Einschätzung von ökonomischen Interessen geleitet. Und auch die geplante staatliche Agentur in Europa muss sich dem Vorwurf der Einseitigkeit stellen, noch bevor sie ihre Arbeit aufgenommen hat.

Viele Nutzer aus der Finanzwelt

In drei bis fünf Jahren, so hoffen Credé und Salembier könnte Wikirating eine "ernstzunehmende Alternative" zu den Großen werden. Der Anfang ist aus ihrer Sicht vielversprechend. Inzwischen haben mehr als 20.000 Menschen aus 111 Ländern die Seite besucht, mehr 150 Nutzer sind registriert. Credé zufolge sind die meisten Nutzer aus der Finanzbranche, von großen Banken wie UBS, Deutsche Bank und Commerzbank - oder von der Konkurrenz. "Standard & Poor's, Moody's, Fitch - die waren alle schon auf unserer Seite", sagt Credé. Inzwischen hätten auch mehrere Universitäten ihre Mitarbeit angekündigt.

Doch bis Wikirating etabliert ist, ist es noch ein weiter Weg. Dazu muss auch aus Problem der Finanzierung geklärt werden. Bisher arbeiten die Macher unentgeltlich in ihrer Freizeit, auf Profit wollen sie auch weiterhin verzichten. Denkbar ist aus Credés Sicht ein non-kommerzielles Stiftungsmodell, Auch hier könnte Wikipedia als Vorbild dienen.



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