image001
Nachrichten aus Berlin und der ganzen Welt

Wirtschaftswachstum: Der Osten wächst nicht mehr

Insgesamt haben aber die ostdeutschen Länder zwischen 2000 und 2011 mehr als eine halbe Million Menschen durch Wegzug verloren.

Insgesamt haben aber die ostdeutschen Länder zwischen 2000 und 2011 mehr als eine halbe Million Menschen durch Wegzug verloren.

Foto:

dpa

Die ostdeutsche Wirtschaft kommt nicht in Tritt: Im laufenden Jahr wird es kein Wirtschaftswachstum in den neuen Bundesländern geben, die Konjunktur stagniert. Zu diesem Schluss kommt das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) in seiner aktuellen Prognose. Ostdeutschland bleibt damit erneut hinter der Entwicklung im Westen zurück.

Für Deutschland insgesamt erwarten die Konjunkturexperten des Instituts – trotz der Krise in Europa – immerhin noch ein Wachstum von etwa 0,7 Prozent. Damit setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort: Der Osten kann nicht zur gesamtwirtschaftlichen Produktion aufschließen, sondern fällt weiter zurück. Eine Ausnahme ist Berlin: Das Wirtschaftswachstum in der Hauptstadt wird wie im Vorjahr über dem bundesdeutschen Schnitt liegen.

Als einen Grund für die wirtschaftliche Schwäche im Osten nennen die Forscher die Strukturen und die Absatzgebiete der ostdeutschen Firmen. Die schwächere Dynamik sei auch dadurch begründet, dass die Firmen weniger gut gegen die Rezession in den europäischen Nachbarländern abgeschirmt seien als Unternehmen in Westdeutschland, sagt IWH-Konjunkturchef Oliver Holtemöller. Denn diese bedienten weit umfangreicher Absatzmärkte außerhalb der Europäischen Union, dagegen sei für ostdeutsche Firmen der rückläufige europäische Markt wichtiger.

Über die Krise in Europa hinaus gebe es aber noch andere Gründe für die stagnierende Wirtschaftsentwicklung, so das IWH: Die ungünstigere Bevölkerungsentwicklung bremst ebenfalls die ostdeutsche Wirtschaft. Die Zahl der erwerbsfähigen Personen (zwischen 15 und 64 Jahren) ist im vergangen Jahr um 85.000 unter den Vorjahresstand gefallen. Zwar hat es in den Jahren seit 2010 einen Zustrom von Ausländern nach Ostdeutschland gegeben. Diese Migration ist auf den geöffneten Arbeitsmarkt für Personen aus neuen EU-Ländern und auf Probleme in den südeuropäischen Krisenländern zurückzuführen.

Insgesamt haben aber die ostdeutschen Länder zwischen 2000 und 2011 mehr als eine halbe Million Menschen durch Wegzug verloren. Langfristig sei das Angebot an Arbeitskräften „aufgrund der schwachen demografischen Entwicklung die Achillesferse der ostdeutschen Wirtschaft“, betont IWH-Experte Holtemöller.

Schon jetzt werden künftige demografische Effekte von privaten und öffentlichen Haushalten vorweggenommen, warnt das IWH: Unter anderem zwinge die schrumpfende und alternde Bevölkerung die ostdeutschen Länder zu einem schärferen Konsolidierungskurs, was den finanziellen Spielraum unter anderem für Investitionen einschränkt. Außerdem könnten Investitionen von Unternehmen aus gleichem Grund schon jetzt ausbleiben. Aus diesem Grund plädiert Holtemöller dafür, private Investitionen in Forschung und Innovationen zu stärken.

Die wirtschaftliche Stagnation in Ostdeutschland in diesem Jahr vermindert erneut die Chancen, den Rückstand zu den alten Bundesländern zu verringern. Zum letzten Mal hatte der Osten (ohne Berlin) im Jahr 2004 ein höheres Wirtschaftswachstum erreicht – abgesehen vom Krisenjahr 2009, als der Schrumpfungsprozess nur etwas geringer ausfiel. Seitdem holen die neuen Bundesländer nicht mehr auf, trotz der Milliarden, die dem Förderprogramm für Ostdeutschland zufließen. Der Solidarpakt läuft 2019 aus. Derzeit wird überlegt, danach einen Deutschlandfonds aufzulegen, der schwächeren Regionen bundesweit und nicht nur im Osten helfen soll.