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WSI-Studie: Der Mindestlohn ist ein Segen für die Niedriglohnbranche

Vor einem Jahr ist der Mindestlohn in Kraft getreten.

Vor einem Jahr ist der Mindestlohn in Kraft getreten.

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dpa

Der gesetzliche Mindestlohn hat die Bruttoverdienste in einigen Branchen Ostdeutschlands um mehr als zehn Prozent ansteigen lassen. So lagen die Stundenentgelte in der ostdeutschen Fleischverarbeitung im dritten Quartal 2015 durchschnittlich um 11,1 Prozent über denen des Vorjahrszeitraums. Im Einzelhandel stiegen die Löhne um 11 Prozent, im Wach- und Sicherheitsgewerbe um 10,4 Prozent.  Zugleich nahm die Beschäftigung in diesen und anderen Niedriglohnbereichen deutlich zu. Die steigenden Löhne führten also nicht zu einem Job-Abbau, sie gingen vielmehr mit einem Stellenplus Hand in Hand. Das geht aus einer Erhebung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts  (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor.

Keine Spur von gefürchtetem massivem Stellenabbau

Von einem massiven Stellenabbau, vor dem 2014 noch Wirtschaftsverbänden wie dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag und Forschungseinrichtungen wie dem Münchner Ifo-Institut  gewarnt hatten, kann den aktuellen Daten zufolge keine Rede sein. Auch und gerade in den Niedriglohnbranchen ist offenbar genau das Gegenteil eingetreten. Ein Beispiel ist das Gastgewerbe. In den ostdeutschen Ländern stiegen die Bruttostundenverdienste zwischen dem jeweils dritten Quartal 2014 und 2015 um durchschnittlich 8,6 Prozent. Dieses Plus ist zum allergrößten Teil dem Mindestlohn zu verdanken, der die Entgelte in den vielen kleinen und mittleren Betrieben ohne Tarifbindung kräftig ansteigen ließ. Parallel dazu wuchs auch die Beschäftigung: Im Oktober 2015 waren im ostdeutschen Gastgewerbe 14500 Menschen oder 6,7 Prozent mehr beschäftigt als im Vorjahresmonat.

Als sich dieser Trend im vergangenen Sommer  abzuzeichnen begann, argumentierten Arbeitgeberverbände, der Stellenzuwachs sei der guten Konjunktur zu verdanken und wäre ohne Mindestlohn noch viel stärker ausgefallen. Doch auch diese Behauptung lässt sich anhand der nun vorliegenden Daten nicht aufrecht erhalten. Westdeutschlands Gastgewerbe  verzeichnete 2015 ein Lohnplus von nur 2,1 Prozent. Demnach hätte der Beschäftigungsaufbau dort deutlich kräftiger ausfallen müssen als im Osten mit einem viermal so starken Lohnanstieg.  Das Gegenteil  war aber der Fall: Im Westen entstanden in Hotels, Restaurants und Kneipen zwar auch neue Arbeitsplätze, die Zuwachsrate von 6,6 Prozent blieben aber knapp unter der des Ostens.

Beschäftigungsaufbau in vielen Branchen

Eine solche Entwicklung hatten selbst optimistische Mindestlohnbefürworter nicht vorher gesagt. Dass vom Mindestlohn insbesondere gering qualifizierte Beschäftigte profitieren würden, war dagegen absehbar.  Das höchste Plus unter den  vom WSI untersuchten Arbeitnehmergruppen erzielten ungelernte Frauen im Osten mit 8,5 Prozent, ostdeutsche Männer ohne Berufsausbildung kamen auf 8,0 Prozent.

Überdurchschnittlich stark stiegen die  Bruttostundenlöhne laut WSI zudem im ostdeutschen Baugewerbe (plus 5,6), für personenbezogene Dienstleistungen wie Friseursalons und Wäschereien (7,0) sowie im Garten- und Landschaftsbau (7,2 Prozent). In den westlichen Bundesländern lagen die Zuwachsraten aufgrund des schon zuvor höheren Lohnniveaus durchweg niedriger:  Dort erhielten Beschäftigte in Fleisch- und Fisch verarbeitenden Betrieben 4,2 Prozent mehr pro Stunde, bei Wach- und Sicherheitsdiensten waren es 2,8 Prozent, im Gartenbau 2,5 und im Einzelhandel 2,2 Prozent.

Bundesweit fand in all diesen Branchen ein Beschäftigungsaufbau statt. Insgesamt entstanden 2015 rund 713 000 sozialversicherungspflichte Beschäftigungsverhältnisse zusätzlich.  Einen geringfügigen Stellenabbau gab es nur in wenigen Branchen: Im Bergbau, der Entsorgung  sowie bei  Finanz- und Versicherungsdienstleistungen gingen zwischen Oktober 2014 und 2015 insgesamt 4200 Arbeitsplätze verloren. Dabei spielte der Mindestlohn aber keine Rolle, denn die Stundenentgelte in diesen Zweigen liegen ohnehin über 8,50 Euro.

Kommission entscheidet über neuen Mindestlohn-Betrag

Allerdings gingen auch im Niedriglohnbereich Stellen verloren, wenn auch nur in einer einzigen Branche, und nur im Osten: Dort wurden im Oktober 2015 in der Land- und Forstwirtschaft 1000 Arbeitsplätze weniger gezählt als ein Jahr zuvor.  Also doch Jobverluste durch den Mindestlohn? Nicht wirklich. Die Branche zählt zu den wenigen Ausnahmen, in denen ein Tarifvertrag mit Übergangslöhnen unter 8,50 Euro vereinbart wurde: 2015 mussten im Osten somit nur mindestens 7,20 Euro gezahlt werden, seit 1. Januar 2016 sind es 7,90 Euro. Mithin ist die einzige Niedriglohnbranche, in der Jobs verloren gingen, zugleich jene, in der der Mindestlohn von 8,50 Euro noch gar nicht greift.

Über die Höhe des Mindestlohns von 2017 an wird in den kommenden Monaten eine neunköpfige Kommission mit Wissenschaftlern sowie je drei Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern entscheiden. Das WSI spricht sich für mindestens neun Euro aus. Über dieser Marke liege der Mindestlohn bereits heute in Luxemburg (11,12 Euro), Frankreich (9,67), den Niederlanden (9,36), Großbritannien (9,23), Irland (9,15) und Belgien (9,10).