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Bemannte US-Raumfahrt: Taxi ins All

Boeing will seinen Transporter CST-100 weiterentwickeln. Die Nasa zahlt dafür 4,2 Milliarden Dollar.

Boeing will seinen Transporter CST-100 weiterentwickeln. Die Nasa zahlt dafür 4,2 Milliarden Dollar.

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NASA

Cape Canaveral -

Ganz ohne Pathos geht es in Amerika nicht ab, wenn etwas Besonderes ankündigt wird. So standen dem Nasa-Chef Charles Bolden Tränen in den Augen, als er am Dienstag – hierzulande war es die Nacht zum Mittwoch – mitteilte, dass die Vereinigten Staaten wieder in die bemannte Raumfahrt einsteigen werden. Vor der Pressekonferenz am Raketenstartplatz Cape Canaveral in Florida hatte die Nasa bereits getwittert: „Wir bringen die Starts von bemannten Raumflugzeugen zurück nach Amerika.“ Bolden verkündete, es werde das „aufregendste und ehrgeizigste Kapitel in der Geschichte der Nasa und der bemannten Raumfahrt“.

Eigentlich wird das, was jetzt so triumphal verkündet wurde, schon seit längerem entwickelt. Bereits im Dezember 2013 sprach der russische Weltraum-Experte Juri Karach im Radiosender Stimme Russlands davon, dass die USA an einem neuen Raumschiff bauten, das „Dragon“ heiße und vom US-Privatunternehmen SpaceX stamme. Die ersten bemannten Raumflüge könnten im Jahre 2017 stattfinden. Außerdem würden weitere Raumschiffe entwickelt: unter anderem das Modell „CST-100“ von Boeing.

Genau das hat die Nasa jetzt offiziell verkündet. Für die ab 2017 geplanten bemannten Raumflüge entschied sich die Behörde zur noch engeren Zusammenarbeit mit den Unternehmen SpaceX und Boeing. Beide zusammen erhalten 6,8 Milliarden Dollar, der Luftfahrt-Gigant Boeing allein 4,2 Milliarden. Das Unternehmen Sierra Nevada, das mit im Rennen war, ging leer aus.

Der Mars ist das Ziel

Bereits 1,4 Milliarden Dollar hat die Nasa seit 2010 ausgegeben, um die Privatwirtschaft bei der Entwicklung neuer bemannter Raumfähren zu unterstützen. Dahinter steht eine neue Strategie, die Nasa-Chef Charles Bolden am Dienstag in Florida verkündete. Verkürzt gesagt, besteht sie in Folgendem: Die USA wollen endlich wieder unabhängig von Russland werden. Zugleich sollen die Bemühungen gesplittet werden. Private Firmen übernehmen das Alltagsgeschäft der Raumfahrt. Dafür mietet die Nasa Raumkapseln von ihnen. Sie selbst konzentriert sich derweil auf ehrgeizigere Vorhaben.

Unter anderem arbeitet sie an einem Transportfrachter namens „Orion“, der eines Tages Menschen zu einem noch zu entwickelnden großen Mars-Raumschiff bringen soll, das in der Erdumlaufbahn parkt. Der Flug zum Mars – das ist das wirklich ehrgeizige Ziel der Nasa. Auch Präsident Obama steht dahinter. Bis Mitte der 2030er-Jahre sollten Menschen in die Umlaufbahn des Mars vordringen, sagte er – und später gar dort landen. „Ich beabsichtige, das zu erleben.“

Das Alltagsgeschäft hingegen betrifft vor allem die Flüge zur Internationalen Raumstation ISS, die in einer Höhe von 400 Kilometern um die Erde kreist. Seitdem 2011 das Space-Shuttle-Programm nach dreißig Jahren aus Kostengründen eingestellt wurde, sind die USA auf russische Technik angewiesen, um Astronauten zur ISS zu bringen.

Etwa 70 Millionen Dollar zahlen sie für einen Platz im Sojus-Raumschiff. Man würde diese Abhängigkeit lieber heute statt morgen beenden. Doch das geht nicht. Als Russland im April 2014 die Krim annektierte, stoppte Nasa-Chef Charles Bolden die Zusammenarbeit mit der russischen Behörde Roskosmos – ausgenommen die Starts zur ISS. Schon damals kündigte die Nasa an, spätestens 2017 wieder selbst Astronauten ins All schicken zu wollen. Am liebsten hätte man den Wettbewerb in der bemannten Raumfahrt schon 2015 wiederbelebt. Doch dafür war nicht genügend Geld da.

Seit Jahren streicht das US-Repräsentantenhaus der Raumfahrtbehörde die Mittel, aus Spargründen. Allein 2013 musste die Nasa 727 Millionen Dollar kürzen. Davon waren unter anderem Tests mit den neuen Raumkapseln betroffen. Offenbar sehen viele Politiker kaum mehr einen großen Sinn in der Raumfahrt, angefangen bei den kaum noch durchschaubaren internationalen Forschungsprojekten auf der ISS. Mit aufrüttelnden Tönen will die Nasa deshalb neue Aufbruchsstimmung erzeugen.

Pragmatische Bastler-Lösungen

Ins selbe Horn stößt auch Elon Musk, der Gründer der Firma SpaceX. Zu den neuen Verkündungen der Nasa sagt er: „Das ist ein wichtiger Schritt auf einer Reise, die uns letztlich zu den Sternen führen und die Menschheit zu einer Spezies auf mehreren Planeten machen wird.“ Elon Musk, ein 1971 in Südafrika geborener Unternehmer und Visionär, gehört zu den Nutznießern der neuen Nasa-Strategie. Geschichte schrieb seine 2002 gegründete Firma, als sie im Mai 2012 mit der ersten privaten Raumkapsel überhaupt an der ISS andockte. Mit ihren „Falcon 9“-Raketen brachte sie von Cape Canaveral aus bereits mehrere Satelliten ins All. Im Auftrag der Nasa liefert sie Nachschub zur ISS.

Auch andere Privatfirmen übernehmen schon seit längerem solche Frachttransporte. Zu ihnen gehört Orbital Sciences, die ihre „Antares“-Raketen auf Wallops Island im Bundesstaat Virginia startet. Ihre Versorgungskapseln namens „Cygnus“ sehen aus wie überdimensionale Getränkedosen und werden im italienischen Turin hergestellt. Die Raketen wiederum besitzen aufbereitete russische Motoren und Teile aus der Ukraine.

So sieht die Zukunft der Raumfahrt aus: Pragmatische Bastler-Lösungen statt teurer Eigenentwicklungen. Serviceleistungen sollen möglichst billig sein. „Unsere Preise sind die günstigsten auf der ganzen Welt“, sagte SpaceX-Gründer Elon Musk. Genau darauf setzt die Nasa, wenn sie ankündigt, ab 2017 von Cape Canaveral wieder Astronauten ins All zu schicken. Dafür entwickelt zum Beispiel SpaceX eine neue „Dragon“-Version und Boeing seine „CST-100“.

Beide Firmen sollen zwischen zwei und sechs Einsätze mit bis zu sieben Astronauten vorbereiten, teilte die Nasa-Programmchefin Kathy Leuders am Mittwoch mit. Nach Auskunft der Nasa bleiben die Firmen Eigentümer der Raumkapseln. Sie sollen damit auch eigene Einsätze durchführen können – und unter anderem Weltraumtouristen ins All schicken.