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Cybermobbing und Trolle: Was Internet-Pöbler antreibt

Es ist zum Verzweifeln: Online-Kommentatoren können einen fertig machen. Auch unsere Redaktion hat immer wieder mit Lesern zu kämpfen, die sich nicht an die Netiquette halten.

Es ist zum Verzweifeln: Online-Kommentatoren können einen fertig machen. Auch unsere Redaktion hat immer wieder mit Lesern zu kämpfen, die sich nicht an die Netiquette halten.

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Cello Armstrong/Fotolia

Im Internet kann es manchmal rau und herzlos zugehen. Die Studentin Isabel, 19 Jahre alt, hatte einfach nur eine Frage falsch beantwortet. Das kann bei einem Quiz schon mal passieren. Mutig war sie im TV-Studio von „Wer wird Millionär?“ aufgestanden, um sich als Publikums-Joker anzubieten.

Der ratlose Kandidat folgte ihrem Tipp, flog raus, ging aber immerhin noch mit 500 Euro Gewinn nach Hause. Isabel dagegen wurde im Internet für ihr falsche Antwort mit Häme überzogen. Jemand gründete sogar eine eigene Facebook-Seite, auf der ihr fremde Personen böse Kommentare hinterließen. Was treibt Menschen dazu, jemanden im Internet gegenstandslos fertigzumachen?

Man nennt es Alltagssadismus

Alltagssadismus nennen es Erin Buckels und ihre Kollegen von der kanadischen Universität Manitoba in Winnipeg. Ein Phänomen, das sich im Internet besonders gut beobachten lässt, denn hier hinterlassen die Alltagssadisten jede Menge schriftliche Spuren. Die Psychologen haben die Persönlichkeit von sogenannten Internet-Trollen untersucht. Im Netz fallen sie durch hässliche Kommentare auf. Sie motzen, beleidigen und pöbeln. Sie vergiften die Atmosphäre, indem sie sachliche Diskussionen mit unsachlichen Beiträgen sprengen. Die Netiquette interessiert sie nicht.

Um solche Trolle ausfindig zu machen, befragten die Psychologen zunächst 418 Personen, die regelmäßig auf eine Seite ansurften, auf der man über Kommentare mit anderen kommunizieren kann. 5,6 Prozent von ihnen konnten als Trolle identifiziert werden und durchliefen weitere Persönlichkeitstests. Die Wissenschaftler fanden vor allem sadistische Züge. „Trolle sind typische Alltagssadisten“, berichten Erin Buckels und ihre Kollegen im Fachmagazin Personality and Individual Differences.

Das Internet als Spielplatz

„Sie trollen, weil sie Spaß haben wollen, und das Internet ist ihr Spielplatz“. Sie tun es nicht, weil sie mal einen schlechten Tag haben und ihren Frust ablassen wollen, sondern, weil sie von ihrer dunklen Seite angetrieben werden. Es bereitet ihnen Vergnügen, wenn sie andere stressen, demütigen oder verletzen können.

Wer das Wort Sadist hört, hat gleich ein paar typische Figuren im Kopf – Hannibal Lecter, oder ein Marquis de Sade etwa. Doch sadistisch veranlagte Menschen müssen nicht gleich zum Serienkiller werden. Die Neigung kann mehr oder weniger stark ausgeprägt und Teil einer nach außen recht unauffälligen Persönlichkeit sein.

„In der Internet-Kultur gibt es einen Begriff, der genau dieses sadistische Vergnügen ausdrückt: Lulz“, berichten die Psychologen. Das Akronym ist eine Steigerung von Lol (Laughing out Loud, laut Lachen). So hinterlassen manche Hacker auf den Seiten, die sie unbefugt entern, gerne einen Gag und begründen ihre Aktion mit dem Kürzel Lulz:. War doch alles nur aus Spaß.

Auch Trolle nutzen die vier Buchstaben als Kommentar, um aufgebrachte andere User, die auf ihre Provokationen anspringen, am Ende als übertrieben emotional bloßzustellen: Reg dich doch nicht so auf, war doch bloß Spaß.

Lesen Sie im nächsten Teil: Griefer und die Dunkle Tetrade

Darüber hinaus hat die Netz-Kultur auch den Griefer hervorgebracht, der bei Online-Spielen versucht, anderen den Spaß zu verderben, indem er sich gegen das eigene Team richtet. Er stört andere Mitglieder am Spiel, verhindert zum Beispiel, dass sie bestimmte Aufgaben erledigen können. Er verhält sich wie ein Fußballspieler, der den Ball immer wieder bewusst aus dem Spielfeld herausbefördert.

Die virtuelle Welt bietet zudem Möglichkeiten, sozial unerwünschte Eigenschaften auf leichte Art in ganz anderer Form auszuleben. Am Computer kann man von Kollegen und Freunden unbeobachtet Fremde mit bösartigen Kommentare quälen – unter Pseudonym, ohne Namen, ohne Foto. Trotzdem weiß der Troll: Hinter dem Opfer steckt ein richtiger Mensch. Eine geschriebene Beleidigung wirkt außerdem anders als eine gebrüllte. Sie verhallt nicht. Sie bleibt stehen, wenn sie keiner löscht. Und das kann oft nur der Administrator einer Internetseite.

Unerwünschte Eigenschaften

Die Wissenschaftler entdeckten bei den Internet-Rüpeln neben dem Sadismus, der am stärksten ausgeprägt war, auch weitere Merkmale der Dunklen Tetrade. So nennen Psychologen ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil, das sich aus verschiedenen sozial unerwünschten Eigenschaften zusammensetzt. In der Vergangenheit hat man es besonders häufig bei Menschen gefunden, die als Jugendliche, aber auch als Erwachsenen andere schikanieren. Dazu gehört außer dem Sadismus der Narzissmus, der Machiavellismus und die Psychopathie.

Allen gemein ist, dass sie das eigene Wohl über das der anderen stellen, sich emotional kalt und selbstgerecht verhalten. Dem Narzisst geht es vor allem um Bewunderung und Aufmerksamkeit für seine Person, der Machiavellist nimmt keine Rücksicht, wenn es darum geht, seine Interessen durchzusetzen. Der Psychopath kann auf den ersten Blick charmant erscheinen, ist aber manipulativ und gewissenlos, um seine Ziele zu erreichen.

Auch andere Wissenschaftler haben sich bereits mit den Internet-Rüpeln beschäftigt. Dominique Brossard und Dietram Scheufele von der University of Wisconsin konnten im vergangenen Jahr zeigen, dass unsachliche Nutzerkommentare die Meinung der Leser erheblich beeinflusse. Die Forscher verfassten selbst Beiträge unter einem Artikel über Nanotechnologie.

Einmal fielen diese durchweg sachlich und objektiv aus, ein anderes Mal unsachlich, rüde und beleidigend, indem sie die Gegner der Technologie als Schwachköpfe und Idioten beschimpften. Die Gruppe von Probanden, die den Strang mit den rüpelhaften Kommentaren las, tendierte deutlich stärker dazu, die Meinung der Kommentare zu übernehmen, als eine andere Gruppe, die nur die neutral formulierten Beiträge gelesen hatte.

Claire Hardaker von der britischen University of Central Lancashire fand aber auch heraus, dass Internet-Communitys, die von einem Troll attackiert werden, einen deutlich stärkeren Zusammenhalt entwickeln. Einige Blogs und Foren nutzen mittlerweile einen eigenen Hinweis, der einem Verbotsschild gleicht: „Dont’t feed the Trolls“ oder „Trolle nicht füttern.“ Denn es hat sich gezeigt, dass es den Netz-Pöblern besonders gefällt, wenn man auf ihre Kommentare reagiert. Das stachelt sie erst richtig an.

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