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Der Schatz in der Elbmündung

Abb. 3b

Die Zeichnungen der Mumiensärge stammen aus dem Kaufangebot, das dem Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung in Wiesbaden im Jahr 1839 gemacht wurde.

Der Sturm in der Nacht zum 12. März des Jahres 1822 fegt unerbittlich über die Nordsee in die Mündung der Elbe. Der Kapitän Heinrich Jacob Riesbeck auf dem dänischen Frachtensegler „Gottfried“ kann in Wellen und Wind den Kurs auf Hamburg nicht halten. Der Zweimaster läuft auf eine Sandbank, bricht auseinander und sinkt. Acht Besatzungsmitglieder, darunter auch Kapitän Riesbeck, verlieren ihr Leben. Nur  der schwedische Matrose Johannes Skutte wird gerettet. In den Fluten geht auch die wertvolle Fracht  des Schiffs unter.

Es handelt sich um altägyptische Artefakte, die die „Gottfried“ in Triest – im damaligen Österreich-Ungarn, heute italienische Großstadt – geladen hatte. Ein schwerer Sarkophag aus rotem Granit sowie Grabstelen, Büsten, Statuen, Vasen, Altäre, Säulen, Türfassungen  und die Spitze einer Pyramide  aus der altägyptischen Begräbnisstätte Sakkara sinken auf den Grund. Acht Mumiensärge sowie  zahlreiche Tiermumien   schwimmen im Meer –  insgesamt transportierte das Schiff mehr als tausend Einzelobjekte. Sie waren  in 97 Kisten verpackt und für Preußens König Friedrich Wilhelm III. bestimmt. Bis heute suchen Forscher nach den Stücken.

MAG-Schiffsroute

Der Frühjahrssturm im März 1822 war eines der schwersten Unwetter des 19. Jahrhunderts. Fünf Tage wütete der Orkan. Die Ladung der „Gottfried“ war aber nur  Teil einer größeren altägyptischen Sammlung, die der preußische Offizier Heinrich Menu von Minutoli  in Ägypten zusammengetragen hatte. Minutoli hatte die Objekte im Dezember 1821 von Alexandria nach  Triest verschickt. Dort wurde die Ladung geteilt.  Der zweite, wesentlich kleinere  Teil der Sammlung bestand aus 23 Kisten mit eher leichten Objekten und wurde mit Kutschen auf dem Landweg nach Berlin gebracht. Es handelte sich um fein gezeichnete Sonnenlitaneien und  Jenseitsführer auf Papyrus, Särge aus Holz, Figuren aus Bronze sowie  Uschebtis – kleine Mumienfiguren –  aus feiner ägyptischer Fayence-Keramik.

Viele Stücke in Berlin

Von diesem Teil der Sammlung befinden sich laut Klaus Finneiser, wissenschaftlicher Angestellter am Ägyptischen Museum in Berlin, heute noch viele Objekte im Magazin des Hauses auf der Museumsinsel. Einige werden auch in der Dauerausstellung gezeigt. Finneiser sagt: „Der Ankauf der Objekte war eine der ersten großen Erwerbungen des Berliner Ägyptischen Museums.  Er bildete einen Grundstock unserer Sammlung.“ Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), hatte vor ein paar Jahren in einer TV-Dokumentation gesagt, wenn die „Gottfried“ mit dem anderen Teil der Sammlung  Hamburg erreicht hätte, hätte Berlin ganz schnell gleichziehen können mit den großen Museen in Europa – allen voran mit denen in London und Paris.

Joachim Karig ist ehemaliger stellvertretender Leiter des Ägyptischen Museums in Berlin. Er sucht seit 1972 nach der „Gottfried“, auch wenn er seit ein paar Jahren im Ruhestand ist. Karig  sagt, dass Minutolis Sammlung zur damaligen Zeit für Preußen von entscheidender Bedeutung gewesen wäre. Für die heutige Museumslandschaft hätte sie jedoch keine beträchtliche Relevanz mehr. „Inzwischen sind die Museumsbestände weltweit so angewachsen, dass mögliche Funde zwar interessant, aber wohl nicht umwerfend sein würden“, sagt er.
Wenn auch die einzelnen Objekte  für die Wissenschaftler nur wenige neuen Erkenntnisse bringen würden, wäre ein Hinweis auf den Verbleib der „Gottfried“ als solche eine Sensation. Karig sagt: „Wir geben die Hoffnung nicht auf.“

Die Suche als Lebensaufgabe

Für Karig wurde die Suche nach der „Gottfried“ eine Art Lebensaufgabe. Aber nicht nur für ihn. Seit Jahrzehnten begleitet ihn der Geschichts- und Küstenforscher Rainer Leive. Leive ist von Beruf Hydrologe und Wasserbauer. Er lebt in Basdahl, einem Dorf  nördlich von Bremen. Er forscht seit Anfang der 70er-Jahre über Wasserstände, Sturmfluten und Küstenverläufe an der Elbe und der Nordsee.  Leive sagt, dass ihn Karig an einem Tag im Jahr 1989 ansprach, als er im Staatsarchiv von Stade an der Niederelbe saß und  seinen Forschungen nachging. Plötzlich stand Karig da, sagt Leive, und fragte ihn, ob er nicht Interesse hätte, für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz  an einem Forschungsbericht zur Sammlung Minutoli mitzuwirken. Karig sagt heute: „Da die Sammlung Minutoli praktisch den Grundstein für das Ägyptische Museum Berlin darstellt, war es für uns im Zuge einer Darstellung der Geschichte des Museums interessant, auch nach dem Schicksal des verschollenen Teils der Sammlung zu suchen.“ Den Tipp, sich an Leive zu wenden, bekam er damals vom Direktor des Stader Archivs. Leive sagt: „Wenn man zum ersten Mal von einer Geschichte hört, weiß man  nie, wie sie endet.“    Auszüge des Berichts wurden 1993 im Jahrbuch der Stiftung veröffentlicht, die Suche nach der „Gottfried“ und deren Ladung dauert bis heute an.

Das Arbeitszimmer von Leive in seinem Haus in Basdahl ist bis unter die Decke mit Notizen, Zeitschriften, Karten und Büchern gefüllt. Bilder und Textbeispiele findet er mit sicherem Griff in eines der Regale. Leive  sagt, um die Position des Sturms in der Märznacht zu bestimmen, wertete er die Wetteraufzeichnungen in den Archiven in Hamburg, Stade und Kiel sowie in England, Dänemark und Schweden  aus. Hilfreich waren vor allem die Aufzeichnungen über einen Robbenfänger, der vor der jütischen Küste strandete, und die Berichte von Georg Wilhelm  Schmeelke aus dem Jahr 1822. Schmeelke stand  als Schultheiß im Dienst des Herzogs von Bremen und Verden. Zuständig war er  für Otterndorf Wester-Ende, unweit von Cuxhaven, und übte dort auch die Tätigkeit des Deichgrafen aus. Er war somit verantwortlich für die  sturmflutgefährdeten Gebiete  in der Region. Schmeelke fertigte eine Liste mit Fundsachen an.

Straußenei am Elbufer

Laut Schmeelkes Aufzeichnungen wurden  am linken Elbufer östlich von Cuxhaven zunächst ein Straußenei, Widderhörner, mumifizierte Fische, Korallen sowie  zwei Kisten mit diversen Büchern, Briefen, Landkarten und Tagebüchern gefunden. Später   tauchte noch ein arabisches Prunkzelt auf, das Minutoli vom Gouverneur der osmanischen Provinz Ägypten, Mehmed Ali Pascha, geschenkt bekommen hatte. Und schließlich wurden sieben der acht Mumiensärge angespült. Die Menschen in den Dörfern hatten Angst vor der Pest, die zuvor  in Ägypten und an der Levante ausgebrochen war,  und vergruben die sieben  Mumien in der Erde. Ein Gericht ordnete jedoch an, sie wieder auszugraben und  zu verwahren. Dabei wurde eine Mumie gestohlen.

MAG-Elbemündung

Darüber hinaus markierte Schmeelke die Fundorte.  In Verbindung mit den  Wetteraufzeichnungen über die Sturmnacht im März und dem Verlauf der Tiden  versuchte Leive die Strömungen  zwischen den ständig wandernden Sandbänken in der Flussmündung nachvollziehen. Zusätzlich las er die Notizen, die sich Elblotsen über die Nacht gemacht hatten. Dem Lotsenkommandeur Christopher Jansen war die Lage des untergegangenen Schiffs offenbar bekannt. Er schrieb, die „Gottfried“ sei „gestrandet in den Nordergründen am Eingang zur Eider“. Das Problem war nur, dass die Eider rund 60 Kilometer nördlich der Sandbank mit Namen Nordergründe in die Nordsee fließt. Leive sagt jedoch, das sei zu erklären. Man müsse nur die Sprache der Lotsen  interpretieren. Die Priele im Nordsee-Watt seien von der Eider bis in die Mündung der Elbe verlaufen. Das Ende eines solchen Priels habe Jansen vermutlich mit dem Eingang zur Eider gemeint.

Trotzdem bleibt es ein Rätsel, wie genau die Beschaffenheit des Wattbodens in der Elbmündung im frühen 19. Jahrhundert ausgesehen hat. Sandbänke, Priele und auch der Flusslauf verschieben sich ständig. Die Ladung liegt mittlerweile wahrscheinlich unter meterdicken Sandschichten. 1992 und zuletzt 2012 haben Karig und Leive versucht, den Standort des Wracks und der Ladung  mithilfe von Forschungsschiffen und Unterwasserarchäologen des Schleswig-Holsteinischen Landesamtes für Bodendenkmalpflege zu orten – der Erfolg blieb jedoch aus. Es war ein letzter Höhepunkt der Suche, die nach den ersten Presseberichten Anfang der 1990er-Jahre  einen  regelrechten Rausch unter Schatzsuchern ausgelöst hatte.   Der Blick von Karig und Leive auf die Suche nach der „Gottfried“ war jedoch nüchtern.  „Auf das herausragende Ereignis warten wir immer noch. Es wäre der Tag, an dem das erste Fundstück vom Untergang, sei es von der ‚Gottfried‘, sei es ein noch so kleiner Teil der Ladung, geborgen würde“, sagt Karig.

Hinweise in Museen und Archiven

Die Suche vor der Küste ist aber nur eine Möglichkeit, auf Funde aus dem Wrack zu stoßen. In den Archiven und Museen tauchen immer wieder Hinweise auf. Eine Liste der in Triest verschifften Kisten ist erhalten. Darüber hinaus sichtete Leive Verkaufs- und Auktionsberichte in norddeutschen Städten sowie in Merseburg und Wiesbaden sowie Minutolis Briefe. „In jedem Brief, den Minutoli schrieb, beklagte er sich über den Verlust eines neuen Stückes“, sagt Leive. So fügten sich mehrere Teile zusammen – ein komplettes Bild ergaben sie bislang jedoch nicht.

Minutoli hatte die Ladung versichert. Er bekam 27 000 Mark ausgezahlt. Zum Vergleich: Für die 23 Kisten, die Berlin erreichten, zahlte Friedrich Wilhelm III. 1823 laut Leive 22 000 Goldmark. Die Assecuradeure hatten ein Interesse daran, so viele der verloren gegangenen Objekte  wie möglich zu finden. Um zumindest einen Teil der Versicherungssumme zu finanzieren, wurden die Funde aus der Elbe im Auftrag der Versicherung am 4. September desselben Jahres in Hamburg versteigert. „Dort verliert sich die Spur der Ladung“, sagt Leive. Was genau verkauft wurde, lasse sich nicht sicher feststellen. Die Ankündigung der Auktion liste lediglich das Zelt sowie  diverse menschliche  Mumien und Tiermumien auf.

Man kann jedoch davon ausgehen, dass an anderen Stellen des Elbufers weitere  Objekte angespült wurden. Zumindest stieß die Ägyptologin Renate Germer im Jahr 2003 im  Magazin des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe auf einen konkreten Hinweis. Dort fand  sie ein Kästchen mit der Aufschrift „Minutoli“, in dem sich die Locke einer Mumie sowie eine Mumienbinde befanden. Es seien die ersten greifbaren Belege auf die Ladung der „Gottfried“, sagte Germer damals. Leive hatte schon 1991 im selben Museum eine bis dahin unbekannte Mumienhand sowie eine Kindermumie und einen vergoldeten Mumienkopf entdeckt. Er ist der Meinung, dass der Kopf ebenfalls aus der Ladung stammen könnte. Ein solches Objekt wird zumindest auf der Triester Ladeliste geführt. Minutoli hatte ihn in der Stufenpyramide von Sakkara (ungefähr  2650 v. Chr.) zusammen mit zwei vergoldeten Fußsohlen neben einem kleinen Geierkopf gefunden. Von dort stammte auch die Spitze einer Pyramide sowie der Granitsarg, die in der Elbmündung untergingen. Die Hamburger Ägyptologen zweifelten damals jedoch an einem Zusammenhang zwischen Mumienkopf und der Ladung der „Gottfried“.
Einen möglichen Hinweis auf die Ladung hat Leive zuletzt im hessischen Staatsarchiv in Wiesbaden  gefunden. Dort entdeckte er vier Lithografien, die zwei Mumiensärge zeigen. Die Drucke stammen aus einem Angebot, das ein Kaufmann aus Hamburg dem Wiesbadener Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung im Jahr 1839 unterbreitete. Mittlerweile gilt es jedoch als sicher, dass die beiden filigran bemalten Holzsärge nicht aus der Sammlung Minutoli stammen. Die zeitliche Nähe zwischen Untergang der „Gottfried“ sowie Wasserschäden an den Särgen und Kaufangebot drängten eine solche Vermutung zunächst auf. Der Verein kaufte die Särge damals aus Kostengründen nicht.

Abb. 3c

Die Zeichnungen der Mumiensärge stammen aus dem Kaufangebot, das dem Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung in Wiesbaden im Jahr 1839 gemacht wurde.

Es scheint so, als verlaufe  jede vielversprechende Spur im Sand. Trotzdem wollen Karig und Leive in diesem Jahr noch einmal eine Suche  in der Elbmündung  starten. „Wir haben die Hoffnung, dass – gutes Wetter vorausgesetzt – von einem Sponsor die ersten Suchgänge durchgeführt werden. Im besten Fall hätten wir dann einen Hinweis, dass sich an der bezeichneten Stelle eine intensivere Suche lohnen dürfte“, sagt Karig. Würde tatsächlich ein Teil der „Gottfried“ oder deren Ladung gefunden werden, hätte das Ägyptische Museum in Berlin jedoch keinen Anspruch auf den Besitz. Laut Gesetz würden sie dem Land Schleswig-Holstein gehören, da die „Gottfried“ auf diesem Territorium gesunken ist. Das ist für Karig und Leive aber eher nebensächlich.