Neuer Inhalt

Deutsche Sprache im Wandel: Der Genitiv darf ruhig schwächeln

Auch der Duden bleibt vom "Shitstorm" nicht verschont.

Auch der Duden bleibt vom "Shitstorm" nicht verschont.

Foto:

dpa

Berlin -

Blau wie die Augen frisch Verliebter leuchten die Blüten der Vergissmeinnichte auf den Wiesen. So zumindest erzählt es die romantische Namensgeschichte der kleinen Blume. Gleichzeitig verrät sie, zwischen den Zeilen, auch ein bisschen von der Geschichte des Genitivs. Denn im Mittelalter säuselten sich die Verliebten zu: „Vergiss mein’ nicht.“ Heute wäre es ein gehauchtes „Vergiss mich nicht“. Das Verb „vergessen“ verlangte vor 500 Jahren nach einem Genitiv, mittlerweile würde sich das gestelzt oder gar falsch anhören.

Wie sich der Genitiv im Deutschen, Englischen und anderen germanischen Sprachen verändert hat, erklären deutsche und internationale Wissenschaftler ab dem heutigen Donnerstag. Auf einer dreitägigen Konferenz gehen sie Fragen zu Unterschieden, Gemeinsamkeiten, Neuerungen und sprachlichen Phänomenen der Genitive in den einzelnen Sprachen nach.

Sprache ändert sich wie Frisur

Der Genitiv gilt als Sorgenkind im Deutschen. Für den Sprachwissenschaftler Horst Simon gibt es dafür aber keinen Grund. „Der Verfall der Sprache wird schon immer beklagt. Der Mensch hat diesen Grundimpuls in sich, dass alles so bleiben soll, wie es ist“, erklärt der FU-Professor. In Deutschland werde seit einigen Jahren verstärkt davor gewarnt, dass die Sprache verkomme. „Aber unsere Kommunikation ist ebenso im Wandel wie Musik und Frisuren“, sagt Simon. Dabei steht es gar nicht so schlecht um den Genitiv, wie oft propagiert wird. „Da gibt es andere Sprachen, wie Englisch oder Afrikaans, in denen der Genitiv noch stärker geschwunden ist“, vergleicht der Linguist. Deutsch liegt seiner Meinung nach im Mittelfeld, was die Veränderung betrifft. So wurden einige Genitive im Laufe der Jahrhunderte ersetzt, aber nicht wenige sind geblieben.

„Heidis Buch oder Peters Haus – solche Formen bleiben uns erhalten“, ist sich Wissenschaftler Simon sicher. „Oder auch solche Wortgruppen wie: die Zerstörung der Stadt.“ Das Besondere an all diesen Beispielen ist, dass sie Substantive beinhalten. Anders sieht es bei den Verben aus. Nicht nur „vergessen“, eingangs erwähnt, verwenden die Deutschen nun mit anderen Wörtern. „In unserem modernen Sprachgebrauch würde sich ,wir gedenken der Toten‘ sehr altertümlich anhören“, erläutert der Linguist. „Da sagen wir eher ,wir denken an die Toten‘.“

Falsch, aber besser lesbar

Der Sprachwissenschaftler und seine Kollegen forschen auch selbst zum Genitiv. Bei ihrer aktuellen Studie, deren Ergebnisse sie zur Tagung erstmals vorstellen, mussten Testpersonen Texte lesen. Wie schnell – das haben die Linguisten gemessen. Zentral war die Frage, welche Schreibweise schneller verstanden wurde: die Gefahren des Internets oder die Gefahren des Internet? „Die Genitiv-Endung wäre zwar normgerecht, ist für den Leser aber schwerer zu verarbeiten“, beschreibt Simon. Vor allem bei Fremdwörtern, Abkürzungen und Eigennamen tendiere man zur Schreibung ohne -s. Schließlich weise der Artikel „des“ schon auf den Genitiv hin.

Für den Forscher beweist das Experiment, dass die falsche Schreibweise einen Vorteil hat: Die Wörter werden schneller erfasst. Der Linguist wirkt angesichts dieser sprachlichen Entwicklung gelassen. Auch den sogenannten Deppen-Apostroph, also einen falsch verwendeten Apostroph, empfindet er nicht als Bedrohung der Sprache. „Wenn jemand schreibt ,der Reifen des Lkw’s‘, hilft der Apostroph auch hier wieder, das Wort schneller zu erkennen“, argumentiert Simon. Das sei doch eine nett gemeinte Hilfe.

Tagung „Germanic Genitives“: vom 22. bis 24. Mai, Beginn 9 Uhr, Seminarzentrum der FU Berlin in der „Silberlaube“, Otto-von-Simson-Straße 26, Raum L 115. Eintritt ist frei, keine Anmeldung erforderlich.

Programm unter:www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/germanic-genitives/programme


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?