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Eismumie aus den Alpen: Ötzi war vermutlich magenkrank

Ötzi: Die berühmteste Eismumie der Welt.

Ötzi: Die berühmteste Eismumie der Welt.

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dpa

Übelkeit? Völlegefühl? Bauchschmerzen? Wie sich Ötzi kurz vor seinem Tod tatsächlich gefühlt hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Immerhin ist es rund 5 300 Jahre her, dass der legendäre Gletschermann in den Ötztaler Alpen in Südtirol starb. Und obwohl das Gletschereis seinen Körper sehr gut konserviert hat, sind die Jahrtausende nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Der Magen zum Beispiel ist zusammengeschrumpelt, von seiner Schleimhaut nichts geblieben. „Wir können deshalb nicht mit Sicherheit sagen, ob Ötzi unter Magenproblemen gelitten hat“, sagt Albert Zink vom „Eurac-Institut für Mumien und den Iceman“ im italienischen Bozen.

Doch die neuesten Erkenntnisse, die er mit einem internationalen Forscherteam gewann, sprechen durchaus dafür. Demnach trug der Eismann das Bakterium Helicobacter pylori in sich, das Magenschleimhaut-Entzündungen, Geschwüre und Krebs auslösen kann. Der Befund ist nicht nur aus medizinischer Sicht interessant. Im Fachjournal Science erklären die Forscher, was Ötzis Magen über die Besiedlungsgeschichte Europas verrät.

„Eigentlich ist es keine große Überraschung, dass schon damals Menschen mit diesem Bakterium infiziert waren“, meint Thomas Rattei von der Universität Wien. Aus Erbgut-Analysen ist schließlich bekannt, dass die gemeinsame Geschichte von Mensch und Magenkeim schon vor mindestens 100 000 Jahren begann. Seither nisten die Erreger im menschlichen Verdauungstrakt und verbreiten sich vermutlich über Kot und Erbrochenes. Heutzutage trägt rund jeder zweite Mensch auf der Erde den berüchtigten Magenteufel in sich, ein Zehntel der Betroffenen bekommt Gesundheitsprobleme.

Chronische Beschwerden

Albert Zink und sein Bozener Kollege Frank Maixner hatten zunächst nicht viel Hoffnung, auch in Ötzis Körper fündig zu werden. Denn um den Keim bei heutigen Patienten nachzuweisen, entnehmen Mediziner meist eine Schleimhaut-Probe aus dem Magen und legen sie unter das Mikroskop. Das dazu nötige Gewebe aber ist bei der Gletschermumie nicht erhalten geblieben. Dafür fanden sich in Magen und Darm noch Reste von Ötzis letzter Mahlzeit, die unter anderem aus Steinbockfleisch bestand. „Also sind wir auf die Idee gekommen, die gesamte DNA aus dem Mageninhalt herauszuholen“, sagt Frank Maixner. Diese sollte schließlich nicht nur Erbgut-Teile von Ötzi und den von ihm verspeisten Tieren und Pflanzen enthalten, sondern auch die genetischen Spuren seiner bakteriellen Magenbewohner.

Tatsächlich stießen die Forscher auf DNA-Abschnitte, die für Helicobacter pylori typisch sind. Diese Schnipsel haben sie dann mit dem Erbgut eines modernen Bakteriums verglichen. So konnten sie die Bruchstücke im Computer wieder richtig zusammensetzen – auf ihren Bildschirmen erstand fast das komplette Erbgut eines 5 300 Jahre alten Magenteufels wieder auf.

Nun gibt es unter diesen Bakterien viele verschiedene Linien, von denen wohl nicht jede ihren Wirt krankmachen kann. Ötzis Bakterien aber hatten offenbar teuflische Talente. Genetisch ähnelten sie einem Helicobacter-Typ, der erwiesenermaßen Magenschleimhaut-Entzündungen auslösen kann. Und das Immunsystem des Gletschermannes hatte offenbar auch schon auf den Eindringling reagiert. So fanden die Forscher in Ötzis Magen 22 Proteine, die Mediziner auch von heutigen Infizierten kennen. Diese Eiweiße werden vor allem von speziellen weißen Blutkörperchen gebildet und spielen eine wichtige Rolle bei Entzündungsreaktionen.

Vielleicht passen ja sogar die beiden Birkenporlinge ins Bild, die der steinzeitliche Alpenwanderer in seiner Gürteltasche trug. Immerhin verwendet das Volk der Samen im Norden Skandinaviens noch heute einen Sud aus diesen Pilzen, um Magenprobleme zu behandeln. Einiges spricht dafür, dass Ötzi die Beschwerden heutiger Magengeplagter kannte. „Das aber würde bedeuten, dass solche chronischen Erkrankungen nicht erst durch die moderne Ernährung entstanden sind“, sagt Thomas Rattei. Magengeschwüre wären demnach keine Zivilisationskrankheit, sondern ein uraltes Leiden.

Das ist aber nicht das einzige spannende Detail aus der Menschheitsgeschichte, das die Forscher aus Ötzis Magen zutage gefördert haben. Helicobacter pylori ist nämlich ein ebenso anhängliches wie vielseitiges Bakterium, von dem Wissenschaftler weltweit rund 370 verschiedene Stämme kennen. Da es vor allem innerhalb der Familie oder zwischen spielenden Kindern weitergegeben wird, haben die Bewohner verschiedener Regionen jeweils ihre eigenen, typischen Varianten im Magen.

Europäischer Bakterien-Mix

Der Keim kann deshalb helfen, die Wanderungsbewegungen der Menschheit nachzuvollziehen. Das für Spanien und Portugal typische Helicobacter-Erbgut findet sich zum Beispiel auch in Südamerika. Und die bakteriellen Eigenheiten in nordamerikanischen Mägen verraten heute noch, dass die dortigen Ureinwohner ursprünglich aus dem Osten Asiens stammen und über die Beringstraße eingewandert sind. Was aber hat sich in Europa getan? „Wenn man bei uns heute das Erbgut eines Magenbakteriums untersucht, findet man darin ein ziemlich kompliziertes genetisches Patchwork“, sagt Thomas Rattei. Offenbar hat sich im Laufe der Jahrtausende ein Helicobacter-Stamm aus Asien mit einem aus Nord-Afrika vermischt, um den modernen europäischen Magenteufel zu schaffen. Wann und wie das genau passiert ist, wusste bisher niemand so genau. Nun aber kann Ötzis Mitbewohner mehr Licht ins Dunkel bringen.

„Wir hatten eigentlich erwartet, dass er zur selben Linie gehört wie die Bakterien von heutigen Europäern“, sagt Thomas Rattei. Doch zur Verblüffung der Forscher enthielt die alte DNA fast gar keine afrikanischen Anteile. Vielmehr ähnelte sie dem Erbgut jener Mikroben, die heute vor allen in Zentral- und Südasien verbreitet sind.

War der Wanderer in den Alpen also ein weit gereister Fremder? Diese Erklärung hält Thomas Rattei für sehr unwahrscheinlich. „Mit etwa 45 Jahren war er für seine Zeit ungewöhnlich alt, und er hatte eine sehr wertvolle Ausrüstung dabei“, sagt der Forscher. „Das spricht dafür, dass er gut integriert in einer Gemeinschaft gelebt hat.“ Verschiedene Indizien verraten zudem, dass er sich vor seinem Tod schon längere Zeit in der Region aufgehalten hatte. Hinter dem ungewöhnlichen Befund aus seinem Magen muss also etwas anderes stecken. Offenbar hatten Menschen aus Asien zu seiner Zeit ihre Bakterien bereits nach Europa eingeführt, die Nord-Afrikaner aber nicht. Es muss also später noch eine Einwanderungswelle aus Afrika gegeben haben. Deren Spuren liegen bisher noch im Dunkeln.