02.02.2012

Elite-Schüler: Hochbegabt und keiner merkt's

Von Katja Irle
Tiefere Einblicke für Hochgegabte:   Ob aus Kindern, die besonders schnell lernen der nächste Einstein wird, ist nicht garantiert.
Tiefere Einblicke für Hochgegabte: Ob aus Kindern, die besonders schnell lernen der nächste Einstein wird, ist nicht garantiert.
Foto: dpa/Ralf Hirschberger

Besonders talentierte Schüler gelten als problematisch, dabei sind die meisten unauffällig. Eine Förderung brauchen sie trotzdem - eigentlich. Denn bei der Einschätzung liegen sowohl Pädagogen als auch Eltern oft falsch.

Fragt man Lehrer, welches ihrer Kinder sie als ganz besonders begabt einschätzen, dann liegen die Pädagogen oft falsch. Zwar können sie die Fleißigen und Einserschüler problemlos identifizieren. Aber die Besten nach Noten sind nicht immer die Begabtesten. Und die Begabtesten sind nicht automatisch diejenigen mit den besten Schulleistungen.

Das stellte bereits einer der Pioniere der Begabtenforschung, der US-amerikanische Psychologe Lewis M. Terman, Anfang des 20. Jahrhunderts fest. Ein Junge namens William Shockley wurde ihm vom Lehrer zwar als besonders begabt vorgeschlagen. Doch er verfehlte den für Termans Studie vorgegebenen Intelligenz-Quotienten (IQ) nach dem Stanford-Binet-Test. 1956 erhielt der für die Studie Ausgemusterte (und später wegen seiner Ansichten zum Thema Rasse und Intelligenz umstrittene) Naturwissenschaftler Shockley den Nobelpreis für Physik.

Begabungen fördern

Das Erkennen von Stärken und Schwächen gehört - völlig unabhängig von standardisierten und teils umstrittenen IQ-Messungen- zu den zentralen Aufgaben von Pädagogen. Besonders talentierte Kinder werden jedoch häufig nicht erkannt oder nur unzureichend gefördert, weil besondere Begabung nicht immer mit guten Schulleistungen einhergeht.

Hochbegabung spiele in der Lehrerausbildung bislang fast keine Rolle, kritisiert der Begabungsforscher Ernst Hany von der Universität Erfurt. Zwar hätten viele Pädagogen „einen erstaunlich guten Blick“ für die Talente ihrer Schüler. Aber von einer systematischen Förderung besonders Begabter sei man in Deutschland noch weit entfernt.
Kritiker der Hochbegabtenförderung führen unter anderem an, dass diese Kinder „es sowieso schaffen“ - und deshalb keine Förderung bräuchten.

Doch Wissenschaftler bestreiten diesen Effekt. Der Glaube, dass besonders begabte Kinder sich in jedem Fall ohne fremde Hilfe und gegen widrige Umstände durchsetzten, sei häufig ein Irrtum, heißt es in dem vom Bundesforschungsministerium 2010 herausgegebenen Ratgeber über begabte Kinder: „Fähigkeiten, die nicht in Anspruch genommen werden, entwickeln sich nur unvollkommen und können auch verkümmern.“

Modellprojekte wie etwa die „Impulsschulen“ der Karg-Stiftung in Frankfurt wollen das ändern. Es gebe keinen Anlass, zwischen der Förderung benachteiligter und begabter Kinder einen Gegensatz zu sehen, so die Experten. Allerdings räumen auch sie ein, dass durch Personalknappheit in der schulischen Praxis daraus durchaus Gegensätze entstehen können.

Jene Schüler, die es in Termans Hochbegabtengruppe geschafft hatten, erreichten später solche Spitzenleistungen nicht. Allerdings waren auch sie beruflich außerordentlich erfolgreich.

Trotz zahlreicher methodischer Mängel und Kritik am Auswahlverfahren der Probanden, gilt die Terman-Studie bis heute als „goldene Datenbank“ für die Forscher, denn der Psychologe war einer der ersten, der Hochbegabung in einer Langzeitwirkung erforschte. Termans Ausgangsthese jedoch, dass Intelligenz der ausschlaggebende Faktor für Erfolg oder Misserfolg im Leben sei, wurde durch seine eigenen Daten und spätere Forschungen klar widerlegt: Hohe Intelligenz allein führt nicht automatisch zu Höchstleistungen oder Kreativität. Mindestens ebenso wichtig sind Motivation, Selbstvertrauen, das soziale Umfeld sowie eine angemessene Förderung.

„Begabung ist wie ein Muskel, der ständig trainiert werden muss“, sagt Dr. Michael Wolf, Psychologe am Hoch-Begabten-Zentrum Rheinland in Brühl. Es ist eines von zahlreichen Förderstellen, die in den vergangenen Jahrzehnten bundesweit entstanden sind – Tendenz steigend.

Das Brühler Zentrum hat keine elitären Wurzeln oder Anliegen, wie es der Begabtenförderung von Kritikern oft unterstellt wird. Das Zentrum ging aus der Regionalen Schulberatungsstelle und dem Schulpsychologischen Dienst des Rhein-Erft-Kreises hervor. Seit mehr als zehn Jahren berät und fördert es Kinder mit besonderen Begabungen. Für seine Bemühungen um die sogenannten „Minderleister“, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen können, hat das Zentrum kürzlich einen Preis der Frankfurter Karg-Hochbegabten-Stiftung erhalten.

In seiner Einzelberatung arbeitet das Brühler Psychologenteam hauptsächlich mit jenem kleineren Teil der Hochbegabten, die in Schule oder Familie negativ auffallen und die deshalb in den Medien besonders präsent sind. Doch die zahlreichen Berichte über die sozial unverträglichen Sonderlinge mit dem Einstein-IQ verzerren das Bild: „Die meisten hochbegabten Kinder und Jugendlichen sind unauffällig – und melden sich deshalb auch nicht in unserer Beratung“, sagt Wolf.

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