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Ernährung Öko-Bilanz: Vegan ist am grünsten

Eine gesündere Ernährung geht auch mit einer deutlich geringeren Umweltbelastung einher.

Eine gesündere Ernährung geht auch mit einer deutlich geringeren Umweltbelastung einher.

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Imago

Was gab es gestern zum Mittagessen? Vielleicht ein Schnitzel mit Gurken- und Kartoffelsalat, zum Dessert etwas Obst und einen Schokoriegel? Das Menü ließe sich auch anders beschreiben: Ein paar Quadratmeter Acker und Weideland, gedüngt mit einer Prise Phosphor, dazu ein halber Liter Erdöl, vielleicht auch ein Stück Regenwald, frisch gerodet. Und darüber schwebt eine Wolke aus Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen sowie Ammoniak.

Appetitlich klingt das nicht. Aber so ist es eben: Was auch immer ein Mensch sich auf den Teller lädt – noch bevor er sich ans Verspeisen macht, hat er damit Spuren auf dem Planeten hinterlassen. Weil wir davon normalerweise nichts bemerken, haben Wissenschaftler Methoden entwickelt, den Verbrauch an Ressourcen und Nutzflächen und den Ausstoß an Treibhausgasen zu ermitteln, den die Erzeugung von Nahrungsmitteln mit sich bringt.

Erfreulich ist: Eine gesündere Ernährung geht auch mit einer deutlich geringeren Umweltbelastung einher. Das ist das Fazit einer aufwändigen Untersuchung des Agrar- und Ernährungswissenschaftlers Toni Meier von der Universität Halle, die jetzt auch als Buch erschienen ist („Umweltschutz mit Messer und Gabel“, Oekom Verlag, 24,95 Euro).

Wie die Studie zeigt, wäre es besser für die Erde und die nachkommenden Generationen, wir äßen weniger Rind- und Schweinefleisch, weniger Butter und fettreiche Milchprodukte wie Käse, dafür mehr Hülsenfrüchte, Gemüse, Nüsse sowie pflanzliche Öle und Fette. Würde sich die Bevölkerung Deutschlands ausschließlich pflanzlich ernähren, also vegan, und würden keine Lebensmittel mehr auf dem Müll landen, ließe sich der Flächenverbrauch der Landwirtschaft um gut die Hälfte gegenüber heute reduzieren – oder mit der gleichen Fläche doppelt so viele Menschen ernähren. Der Ausstoß des Luftschadstoffs Ammoniak ginge sogar um 95 Prozent zurück.

Frauen essen umweltfreundlicher

Toni Meier und seine Kollegen haben für ihre Berechnungen nicht nur einzelne Produkte, sondern Ernährungsgewohnheiten insgesamt auf sechs bedeutsame Umweltwirkungen hin analysiert. So lassen sich die ökologischen Spuren der tatsächlichen Ernährung heute und vor zwanzig Jahren sowie von besonderen Ernährungsweisen wie Vegetarismus vergleichen.

Was sich die Deutschen wirklich in die Mägen füllen, konnten die Hallenser Forscher zwei Nationalen Verzehrstudien entnehmen. Bei der ersten gaben 1985 bis 1989 fast 25.000 Befragte im Alter zwischen 4 und 94 Jahren Auskunft darüber, was bei ihnen auf den Tisch kommt. Die zweite Verzehrstudie erfasste im Jahre 2006 detailliert die Essgewohnheiten von rund 20.000 Personen zwischen 14 und 80 Jahren.

Toni Meier und sein Team sortierten die darin vertretenen Produkte in 26 Gruppen, die sie nach ihrem tatsächlichen Anteil am Gesamtverzehr gewichteten. Aus Datenbanken berechneten sie deren Rohstoffverbrauch und Umwelteffekte im Herstellungsverlauf, von der landwirtschaftlichen Erzeugung über Verarbeitung, Verpackung und Transport bis zur Verkaufsstelle. Dabei flossen auch die Werte für im Ausland erzeugte Lebensmittel ein.

So ließ sich bilanzieren, welche Mengen an Treibhausgasen und Ammoniak für unsere Ernährung übers Jahr in die Atmosphäre entweichen, wie viel Land dafür nötig ist, wie viel Phosphor zum Düngen verbraucht wird, in welchem Ausmaß künstlich bewässert werden muss und schließlich, wie viel Erdöl oder andere Energiequellen zum Einsatz kommen.

Positiv ist, dass die Deutschen im Vergleich zu früher erkennbar weniger Fleisch zu sich nehmen, aber mehr Gemüse, Obst und Getreide. Dabei haben sich vor allem die Frauen schon deutlich an die Empfehlungen der Ernährungsexperten angenähert. Somit leben die Frauen nicht nur gesünder, sondern auch doppelt so umweltfreundlich wie die Männer.

Der Bedarf an Fläche, die notwendig ist, um den Appetit der Deutschen im Laufe eines Jahres zu stillen, hat sich gegenüber den 80er-Jahren um 12 Prozent vermindert. Die Ammoniak-Emissionen, die hauptsächlich aus der Tierhaltung und zu einem kleinen Teil aus der Anwendung von Mineraldünger rühren, sanken um fast 30 Prozent.

Negativ schlägt zu Buche, dass der Verbrauch an blauem Wasser um rund ein Drittel höher ausfällt als bei der ersten Verzehrstudie. Damit ist Wasser gemeint, das im Gegensatz zu grünem nicht vom Himmel fällt, sondern aus der Tiefe hochgepumpt oder aus Fließgewässern in die Felder geleitet wird. „Dieser Anstieg kommt dadurch zustande, dass mehr Obst, Gemüse und Nüsse gegessen werden, die häufig aus dem sonnenreichen, aber trockenen Süden kommen“, sagt Toni Meier.

Viel Wasser für Südfrüchte

Süßwasser ist dort knapp, die künstliche Bewässerung kann zu Versalzung der landwirtschaftlich genutzten Böden und zu verschärfter Dürre im Umfeld führen. Besser für die Ökobilanz ist es, vermehrt Erzeugnisse aus den niederschlagsreichen heimischen Breiten zu wählen.

Am besten für die Umwelt ist es, generell wenig tierische Erzeugnisse zu essen. Meiers Berechnungen zufolge ließen sich allein beim Flächenverbrauch 27 Prozent gegenüber heute einsparen, wenn sich die Durchschnittsdeutschen vegetarisch, also fleischlos, aber mit Eiern und Milchprodukten ernähren würden. Damit müsste die Gesamtbevölkerung 48.000 Quadratkilometer weniger Land nutzen, eine Fläche von der Größe Niedersachsens. 6000 Quadratkilometer davon ließen sich im Ausland einsparen.

Je nachdem, welche Ernährungsweise und welchen der sechs untersuchten Umweltindikatoren man betrachtet, fällt das Einsparpotenzial unterschiedlich aus. Würde sich die Bevölkerung vegan ernähren, entfielen die heutigen Ammoniakemissionen fast ganz, der Ausstoß an Treibhausgasen würde sich um 25 Prozent reduzieren und der Endenergieverbrauch immerhin noch um 15 Prozent.

Das sind beeindruckende Zahlen. Aber fallen sie überhaupt ins Gewicht, wo doch Autos, Kraftwerke und Industrie weit mehr Treibhausgase in die Atmosphäre blasen und mehr Energie verbrauchen als die Nahrungsproduzenten? Meier weist auf die Klimaschutzziele der Bundesregierung hin: Bis 2020 soll Deutschland 40 Prozent weniger Kohlendioxid und andere Treibhausgase als 1990 ausstoßen, bis 2050 sogar 80 Prozent.

Das bedeutet, dass Konsumenten und Produzenten insgesamt dann nicht mehr als 250 Millionen Tonnen dieser Gase jährlich freisetzen dürfen. Heute sind es noch über 800 Millionen Tonnen. Landwirtschaft und Ernährung tragen dazu etwa 280 Millionen Tonnen jährlich bei – also mehr als bis 2050 insgesamt für Unternehmen, Haushalte und Verzehr zulässig sind. Mit ihrer Wahl im Supermarkt oder in der Kantine könnten Verbraucher mithin entscheidend dazu beitragen, das gesellschaftliche Ziel Klimaschutz zu erreichen.

Das ist nicht alles. In puncto Flächenverbrauch lassen die Ess- und Wegwerfgewohnheiten noch einigen Spielraum nach unten offen. Beim Ammoniak-Ausstoß sind es fast 100 Prozent. „Würden die Menschen heutzutage noch so sorgsam mit Nahrungsmitteln umgehen wie vor 20 Jahren“, sagt Toni Meier, „dann wäre der Umwelt schon deutlich geholfen.“