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Ernährung: Warum die Steinzeit-Diät nicht funktioniert

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Was unsere steinzeitlichen Vorfahren an Nahrung zu sich nahmen, versuchen Forscher auch anhand von Knochen- und Kieferresten herauszufinden.
Was unsere steinzeitlichen Vorfahren an Nahrung zu sich nahmen, versuchen Forscher auch anhand von Knochen- und Kieferresten herauszufinden.
Foto: REUTERS

Überflüssige Pfunde nach Weihnachten loswerden? Unter den Begriffen „Steinzeit-Diät“ und „Paläo-Power“ macht ein neuer Trend die Runde: Essen soll man gemäß der menschlichen Evolutionsbiologie. Die Theorie geht nur leider von falschen Grundlagen aus.

Sollten wir uns am besten alle ernähren wie Steinzeitmenschen? Diese Frage beantworten Anhänger der „Steinzeit-Diät“ mit einem klaren „Ja“. Der Hintergrund: Die „Evolutionäre Ernährungswissenschaft“ (EEW) postuliert, dass für die altsteinzeitlichen Gene des Menschen, nur altsteinzeitliche Nahrung in Frage kommt.

Getreide und Milchprodukte sollten nach dieser Theorie gemieden werden, der Körper sei noch nicht genügend daran angepasst. Auch der Umkehrschluss wird klar formuliert: Nahrung die vom steinzeitlichen Muster abweicht, muss ungesund für den Menschen sein. So erkläre sich die Häufung moderner Krankheiten wie beispielsweise Nahrungsmittelallergien, Laktose-Intoleranz und sogar Krebserkrankungen. Was die Evolutionäre Ernährungswissenschaft (EEW) verspricht ist nichts Geringeres als ein Allheilmittel gegen diese Leiden.

Falsche Grundlagen

Die Fachzeitschrift Skeptiker hat sich ausführlich mit dem Thema beschäftigt. Das Magazin, das von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) herausgegeben wird, hat die Grundlagen der Evolutionären Ernährungswissenschaft (EEW) unter die Lupe genommen und mit bekanntem Datenmaterial zur Ernährung des Steinzeitmenschen verglichen. Dabei entdecken die Autoren Alexander Ströhle und Andreas Hahn: Die Theorie der EEW geht von verkehrten Grundlagen aus.

Das fängt schon bei der Datenlage an. Die EEW geht davon aus, dass wir heute genau wüssten, welche Nahrungsmittel Steinzeitmenschen zu sich nahmen. Ströhle und Hahn stellen dazu fest: „Folgt man den populärwissenschaftlichen Ausführungen zur Beschaffenheit der altsteinzeitlichen Ernährungsweise, so gewinnt man den Eindruck, die jeweiligen Autoren seien damals dabei gewesen“.

Zwei Drittel der Nahrung habe aus pflanzlichen, ein Drittel aus tierischen Produkten bestanden. Das Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie kommt zu der ernüchternden Feststellung, dass es sehr schwer sei, „die“ typische altsteinzeitliche Ernährung zu charakterisieren. Man redet immerhin von einem Zeitraum von 2,6 Millionen Jahren.

Hinzu kommt, dass die Kost des Steinzeitmenschen sehr abwechslungsreich gewesen sein muss. Je nachdem was Umwelt und Jagdglück gerade zu bieten hatten. Jäger und Sammler musste allen voran eins sein: anpassungsfähig.

Hier liegt schon das nächste Problem in der Theorie der EEW. Optimal soll demnach nur die Nahrung für uns sein, an die wir uns genetisch angepasst haben. Damit wird ein sehr komplexer Vorgang sehr vereinfacht. Es stimmt, dass der Mensch sich auch genetisch an seine Umweltbedingungen angepasst an.

Es ist allerdings genauso richtig, dass ein wichtiger Erfolgsfaktor für die menschliche Entwicklung, unsere Fähigkeit ist, unsere Umwelt zu unserem Vorteil zu beeinflussen. Wir sind übrigens nicht der einzige Organismus der seine Umwelt seinen Bedürfnissen anpasst. Blattschneideameisen betrieben „einfachen Ackerbau“ und züchten in ihren Bauten ausgedehnte Pilzgärten um ihren Speiseplan zu erweitern. Viele Ameisenarten halten sich Blattläuse quasi als „Milchkühe“ und melken deren zuckerreiche Exkrete.

Der Mensch ist in dieser Hinsicht ein noch viel ausgeprägterer Generalist. Die meisten kulturellen Errungenschaften der letzten 10.000 Jahre waren auch im Bereich der Ernährung von Vorteil für den Menschen. Unsere Fitness hat sich enorm gesteigert, wir haben uns über den gesamten Planeten, auch in den unwirtlichsten Winkeln der Welt, ausgedehnt. Nie hat der Mensch länger gelebt, nie war unsere Nahrungsmittelgrundlage besser gesichert als heute. Mit einer kompletten Fehlentwicklung in unserer Ernährung wäre das schlichtweg nicht möglich gewesen.

Heutige Kulturen widerlegen die These

Große Probleme sieht die EEW in Produkten, die aus Milchviehhaltung, Ackerbau und Gartenbau stammen. Bei all diesen Produkten lässt sich wissenschaftlich allerdings kein gesundheitlicher Nachteil feststellen. Ganz im Gegenteil: In vielen heutigen Kulturen müssten ganze Landstriche entvölkert sein, wäre die Theorie richtig. So ernähren sich ostafrikanische Massai zu 60 – 90 Prozent von Zeburindmilch – ohne erhöhte Krebsrisiken oder Lebensmittelallergien aufzuweisen. Dafür leiden sie selten unter Karies.

Tarahumara-Indianer ernähren sich als traditionelle Ackerbauern fast ausschließlich von Hülsenfrüchten und Getreide. 90 Prozent ihrer Kost besteht daraus. Auch hier lassen sich die postulierten Probleme der EEW nicht nachweisen.

Sicher: Dass ein BigMac nicht den Weg zur gesündesten Ernährung ebnen wird, ist klar. Dass viele Probleme unserer modernen Gesellschaft von einem zu hohen Konsum fettreicher und zuckerhaltiger Ernährung stammen - auch damit wird man bei den meisten Experten Zustimmung finden. Ströhle und Hahn stellen richtig fest: „Sollte die Botschaft lauten, Obst, Gemüse, Nüssen, magerem Fleisch und Fisch den Vorzug vor Junk Food zu geben, wird wohl keine Ernährungsfachkraft etwas dagegen einwenden.“ Ein Großaufgebot an Evolutionsbiologen, Ethnologen und Paläoanthropologen bedarf es dafür jedoch nicht.

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