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Berliner Zeitung | Erneuerbare Energien: Sonne tanken
30. May 2012
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Erneuerbare Energien: Sonne tanken

Die Batterie eines Elektroautos aufzuladen dauert an einer Haushaltssteckdose acht bis zehn Stunden, an einem Hochvoltanschluss (Foto) nur vier bis sechs Stunden.

Die Batterie eines Elektroautos aufzuladen dauert an einer Haushaltssteckdose acht bis zehn Stunden, an einem Hochvoltanschluss (Foto) nur vier bis sechs Stunden.

Foto:

Jean Pierre Bassenge

Ob Günther Jauch wohl weiß, dass seine Talkshow allwöchentlich als schlechtes Beispiel dient? Mehrere hundert Kilowattstunden an Strom verbrauchen Scheinwerfer, Kameras und anderes Fernseh-Equipment jeden Sonntag. Das Studio im alten Gasometer in Schöneberg ist – wie die meisten Fernsehstudios – ein Energiefresser. Nur dass am alten Gasometer der Energieverbrauch so genau überwacht wird, wie wohl bei kaum einem anderen Studio der Republik.

In direkter Nachbarschaft des Gasometers befindet sich nämlich das Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel, kurz InnoZ. Genau wie das Fernsehstudio ist das Zentrum Mieter auf dem Schöneberger Euref-Campus. In einem Eckraum des InnoZ-Gebäudes, Luftlinie dreißig Meter von dem stählernen Gerüst des Gasometers entfernt, steht Christian Balint vor einem Tisch, in dessen Oberfläche ein großer Touchscreen eingelassen ist.

Auf dem Bildschirm fliegen rote und grüne Punkte zwischen verschiedenen Stationen hin und her. „Die roten Punkte repräsentieren Energie, die das Gelände von außen, aus dem städtischen Stromnetz bezieht“, erläutert der InnoZ-Mitarbeiter. „Die grünen stehen für nachhaltig produzierten Strom aus Solaranlagen und Windkraftwerken, den wir auf dem Gelände selbst erzeugen.“

Dass Balint und seine Kollegen so genau über Jauchs Energieverbrauch Bescheid wissen, ist nur ein Nebeneffekt ihrer Arbeit. Ihr eigentliches Interesse gilt der Frage, wie sich erneuerbare Energien in Zukunft dafür nutzen lassen, um die täglichen Wege der Berliner klimafreundlicher zu gestalten. Dazu betreibt das Zentrum einen Parkplatz mit einem Dutzend Zapfsäulen, aus denen kein Benzin kommt, sondern Strom für Elektroautos.

Der Großteil der dafür benötigten Energie kommt von einem schwenkbaren Solarpanel auf dem Hof des InnoZ, das der Sonne hinterhergeführt wird, sowie von mehreren Feldern mit Solarzellen auf dem Dach der Gebäude. Die Solarenergie wird in einer gigantischen Batterie zwischengespeichert, an die die umliegenden Gebäude und die Zapfsäulen angeschlossen sind. Der Parkplatz auf dem Gelände des Euref-Campus ist dabei nur eine von derzeit weit mehr als hundert Tankstellen für Elektroautos in Berlin.

Lange Zeit galt die geringe Reichweite als größtes Manko von Elektroautos. Eine Studie namens BeMobility unter Leitung von Frank Wolter vom InnoZ zeigt nun, dass diese zumindest für Großstädter kaum ein Problem darstellt. Berlin und Potsdam sind eine von acht Modellregionen, in denen in den vergangenen Jahren der testweise Einsatz von Elektrofahrzeugen vom Bundesverkehrsministerium mit insgesamt 130 Millionen Euro gefördert wurde.

Im Rahmen dieser Förderung haben 135 Berliner im vergangenen Jahr drei Monate lang ein Kombiticket getestet. Der Fahrschein ermöglichte ihnen die Benutzung von BVG und S-Bahn im Tarifbereich ABC sowie das kostenlose Ausleihen von Elektroautos der Flinkster-Flotte der Deutschen Bahn sowie von Elektrofahrrädern und klassischen Call-a-Bike-Rädern. Dafür zahlten die Testpersonen 78 Euro pro Monat.

Vier von fünf Teilnehmern gaben im Nachhinein an, dass sie ihren täglichen Mobilitätsbedarf komplett mit dem Pauschalticket decken konnten. Studienleiter Frank Wolter wundert das wenig: „Die meisten Elektroautos schaffen inzwischen mehr als hundert Kilometer mit einer Ladung. Im Schnitt fahren die Deutschen pro Tag jedoch lediglich 40 Kilometer“, sagt Wolter.

Um die Kombination aus öffentlichem Nahverkehr mit Mietfahrrädern und Elektroautos zu erleichtern, hat das InnoZ in Zusammenarbeit mit Informatikern der Technischen Universität (TU) Berlin eine Smartphone App entwickelt. Die BeMobility-Suite ist eine Art Navigationssystem, das die Standorte der nächsten Elektrotankstellen und Ausleihpunkte für Fahrräder und Autos kennt. Zugleich ermöglicht es Anfragen zu Fahrzeiten von BVG und S-Bahn. So lassen sich individuelle Routen mit verschiedenen Verkehrsmitteln planen.

Für Pendler, die täglich große Strecken zurücklegen, sei dieses Modell natürlich nichts. Alle anderen können Frank Wolter zufolge flexibel wählen, welches Elektroauto sie gerade brauchen: einen Kleintransporter oder Kombi zum Einkaufen, einen Kleinwagen für die Innenstadt oder ein sportliches Cabrio für den Ausflug am Wochenende.

Da Autos in Deutschland im Schnitt nur etwa eine Stunde am Tag tatsächlich in Bewegung sind, scheinen auch die langen Ladezeiten kein ernstes Problem zu sein. Wird ein Elektroauto zum Beispiel in der heimischen Garage an eine Haushaltssteckdose angeschlossen, dauert der Ladevorgang je nach Modell zwischen acht und zehn Stunden. An öffentlichen Elektro-Tankstellen kommen spezielle Anschlüsse mit einer Betriebsspannung von 400 Volt zum Einsatz, die die Ladezeit auf vier bis sechs Stunden reduzieren.

Die langen Standzeiten könnten künftig auch eines der größten Probleme bei dem Übergang zu erneuerbaren Energien lösen, hoffen Frank Wolter und seine Kollegen. Solaranlagen und Windparks liefern je nach Wetter ungleichmäßig viel Strom. Industrie und andere Großkunden müssen sich jedoch auf kontinuierliche Stromversorgung verlassen können. „Daher werden gigantische Speicherkapazitäten benötigt, in denen überschüssige Energie aus sonnen- und windreichen Tagen zwischengelagert wird“, sagt Wolter.

Die Idee: Der Strom könnte in den Akkus von Elektroautos gespeichert werden, die gerade am Netz hängen. Wer etwa weiß, dass er am nächsten Tag nur dreißig Kilometer fahren will, könnte dem Stromnetz drei Viertel der Speicherkapazität seines Autos als Reserve zur Verfügung stellen – und dafür Geld bekommen, weil er den Strom teurer abgibt, als er ihn getankt hat.

Um dieses System zu erproben, hat das InnoZ auf seinem Parkplatz auch eine von der TU entwickelte Spezial-Zapfsäule installiert. Sie ermöglicht es, die Elektroautos nicht nur zu laden, sondern auch Strom aus ihrem Akku zurück ins Netz zu speisen.

Jetzt braucht das Zentrum für seine Tests nur noch einen Großabnehmer, der zu bestimmten Zeiten besonders viel Strom auf einmal braucht. Kein Problem: Schließlich gibt es ja ein Fernsehstudio in der Nachbarschaft. So hilft Günter Jauchs Talkshow also indirekt, die Verbreitung erneuerbarer Energien in Deutschland voranzutreiben. Noch mal Glück gehabt.

Vernetzte Energie: Besichtigung der Elektrotankstelle und Schaltzentrale des InnoZ. Tests von Elektrofahrzeugen. Euref-Campus in Schöneberg.

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