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Berliner Zeitung | Forscher finden Humor-Formel: Lachen nach Zahlen
21. January 2016
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Forscher finden Humor-Formel: Lachen nach Zahlen

Lachen tut gut!

Lachen tut gut!

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imago/Westend61

Humor ist bekanntlich sehr speziell und regional verschieden. In Großbritannien gehört Selbstironie zum guten Ton, in Berlin geht es lakonisch-frech zu, in Bayern eher derb und krachledern. Humor ist vor allem auch persönlich. Doch wie ist es zu erklären, dass wir manche Dinge witzig finden und andere nicht? Damit haben sich Wissenschaftler der kanadischen University of Alberta und der Universität Tübingen beschäftigt. In ihrer im Fachmagazin Journal of Memory and Language veröffentlichten Studie legen sie eine mathematische Theorie des Humors dar.

Die Idee kam Studienleiter Chris Westbury bei einer früheren klinischen Studie, in der Probanden mit Aphasie, einer schweren Störung sprachlicher Fähigkeiten, Buchstabenreihen darauf überprüfen sollten, ob sie ein korrektes Wort bildeten. Der Psychologieprofessor beobachtete, dass die Versuchsteilnehmer bei zusammengesetzten Nonsense-Wörtern wie „snunkoople“ anfingen zu lachen. Das warf die Frage auf, inwieweit Nichtwörter inhärent witzig sein können.

Westbury stellte daraufhin die These auf, dass der Grund in der Entropie des Wortes liegt – eine mathematische Messung, wie geordnet oder vorhersagbar etwas ist. In der Physik bezeichnet Entropie ein Maß für die Unordnung eines Systems, in der Informationstheorie ein Maß für den Informationsgehalt. Pseudowörter wie „finglam“ mit einer in den Ohren für englische Muttersprachler ungewöhnlichen Buchstabenkombination haben eine geringere Entropie als „clester“, das wie „cluster“ klingt.

"Snunkoople"

Verblüfft von den Reaktionen auf das Wort „snunkoople“, versuchte Westbury herauszufinden, ob es mithilfe der Entropie möglich ist, vorherzusagen, ob Leute ein Wort lustig finden oder nicht. In einem ersten Teil der Studie sollten die Teilnehmer zwei Nichtwörter vergleichen und dasjenige auswählen, das aus ihrer Sicht am lustigsten erschien. In einem zweiten Teil sollten die Probanden ein Pseudowort auf einer Skala von 1 bis 100 bewerten. Das Ergebnis: Je unwahrscheinlicher die Buchstabenfolge, desto komischer wurde sie empfunden.

Humor hat auch immer etwas mit einer Durchbrechung des Erwartbaren zu tun. Für den Philosophen Arthur Schopenhauer hatte Lachen seine Ursache in der „plötzliche(n) Wahrnehmung einer Inkongruenz zwischen einem solchen Begriff und dem durch denselben gedachten realen Gegenstand, also zwischen dem Abstrakten und dem Anschaulichen“. In seiner „Theorie des Lächerlichen“ schrieb er: „Je größer und unerwarteter in der Auffassung des Lachenden diese Inkongruenz ist, desto heftiger wird sein Lachen ausfallen.“

Westbury konnte diese Theorie mit komplexen Gleichungen verifizieren. Ist Humor also doch nur Mathematik? „Ich denke, es kommt darauf an, wie man es betrachtet“, sagt der Psychologe. „Unsere Probanden stellten keine mathematische Kalkulation an. Sie trafen eine emotionale Entscheidung – zum Beispiel, wie lustig sie ein Wort fanden.“

Emotion als Wahrscheinlichkeitsrechnung

Es gebe aber eine interessante implizite Schlussfolgerung, nämlich, dass der Mensch eine Kreatur sei, die die Emotion nutzt, um Wahrscheinlichkeitsrechnungen anzustellen. „Das klingt zunächst etwas seltsam“, sagt Westbury. „Aber eine der Hauptfunktionen von Emotion ist es, uns vor unüblichen, gefährlichen und unvorhersehbaren Ereignissen, die uns schaden können, zu schützen.“ Ungewöhnlichkeiten und Unvorhersehbarkeiten seien statistische Konzepte, die durch Ausnahmen von der Norm definiert sind. Für ihn ist es plausibel, dass Emotionen und Wahrscheinlichkeiten zusammenhängen. „Emotion ist somit eine Art Mathematik“, sagt Westbury.

Warum aber finden wir diese Inkongruenz witzig? Dazu gibt es verschiedene Theorien, die in dem Paper diskutiert werden. Eine Erklärung ist, dass das Belohnungssystem, das mit Humor einhergeht – beim Lachen wird Dopamin ausgeschüttet – eine evolutionäre Anpassung ist. Der Mensch steigert dadurch seine kognitiven Fähigkeiten.

Hirnscans belegen, dass Humor keine monolithische psychologische Funktion ist. Viele Faktoren spielen eine Rolle. Gleichwohl sind die Ergebnisse keine Betriebsanleitung für Stand-up-Comedians. Ein paar lustige Wörter bringen das Publikum noch nicht zum Lachen.

Der Befund könnte nützlich für die Werbeindustrie sein. Wenn man weiß, was lustig klingt, kann man damit Verbraucher ködern. Westbury zufolge sind für neue Produktnamen ungewöhnliche Wörter besonders geeignet. Gut möglich, dass sich bald die eine oder andere Marketingabteilung bei dem kanadischen Forscher melden wird.


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