18.02.2012

Forschungsprojekt: Sonnengruß unter dem Hakenkreuz

Von Torsten Harmsen
Trug die Bhagavad Gita bei sich: Heinrich Himmler.
Trug die Bhagavad Gita bei sich: Heinrich Himmler.
Foto: dapd

Zum ersten Mal beschäftigt sich ein Forschungsprojekt mit dem Yoga im Nationalsozialismus. Es zeigt, dass sich sogar die SS aus alten Quellen bediente und damit Verbrechen rechtfertigte.

Wer an Yoga denkt, sieht Menschen vor sich, die den Lotussitz oder den Sonnengruß üben, um dem Stress des Alltags etwas entgegenzusetzen. Er assoziiert seelisches Gleichmaß, Suche nach Weisheit und innerem Frieden. Nicht Gewalt oder Verfolgung. Und dennoch gibt es auch diese Seite in der Geschichte des Yoga.

Wege ZU WEISHEIT und LIEBE

Yoga ist eine philosophische Lehre, die eine Vielzahl körperlicher und geistiger Übungen umfasst. In Westeuropa wird heute vor allem Hatha Yoga betrieben, eine Form, bei der das Gleichgewicht zwischen Körper und Geist durch Körperhaltungen (Asanas) oder Atemübungen (Pranayama) erreicht werden soll.

Zu den vier klassischen Wegen des Yoga gehört der Raja Yoga, in dem die stufenweise Beherrschung des Geistes angestrebt wird. Jnana Yoga bedeutet „Yoga des Wissens“, das Streben nach der Erkenntnis der letzten Wahrheit. Karma Yoga ist der „Yoga der Tat“. Er bedeutet Handeln, „ohne Anhaftung an seine Taten“. Und Bhakti Yoga bezeichnet den Weg der liebenden Hingabe an Gott.

Der Berliner Yogalehrer und Autor Mathias Tietke beschäftigt sich als Erster ausführlich mit der Rolle des Yoga im Nationalsozialismus. Er wertete dazu Zehntausende Originaldokumente,
Zeitschriften, Bücher, Akten und Erinnerungen aus, die unter anderem in der Staatsbibliothek sowie im Bundesarchiv Berlin und Koblenz lagern.

Geplant sind in nächster Zeit Yoga-Ausstellungen, in denen auch der Nationalsozialismus eine Rolle spielt. So soll in der Berliner Topographie des Terrors eine eigene Ausstellung zu Yoga in der NS-Zeit
gezeigt werden. Der Termin ist noch offen. Als nächstes Projekt bereitet der Autor eine „Geschichte des Yoga in der DDR und im Ostblock“ vor.

„Yoga im Nationalsozialismus“ heißt eine 220-seitige Publikation des Yoga-Experten Mathias Tietke. Den Impuls für dieses Projekt gab ihm nach eigenen Aussagen der Stuttgarter Religionswissenschaftler Christian Fuchs. Zugleich ließ sich Tietke von seinen eigenen Erfahrungen mit der Yogaszene bewegen. Denn die Zeit des Nationalsozialismus spiele in der Literatur über Yoga-Geschichte keine Rolle, sagt er. Sie werde einfach ausgeklammert. Lediglich eine Autorin, die Berliner Yogalehrerin Anna Trökes, habe in zwei ihrer Veröffentlichungen die NS-Zeit erwähnt. Sie behaupte, Hitler habe Yoga verboten, und die Nazis hätten die Verbreitung unterbunden, weil Yoga „den Geist des Menschen frei und unabhängig macht“.

Von einer Verfolgung des Yoga durch das NS-Regime könne keine Rede sein, behauptet Mathias Tietke nach langem Quellenstudium. Im Gegenteil. Tietke zeigt in seiner sorgfältig gegliederten Studie, dass Yoga im Dritten Reich intensiv betrieben wurde. 1937 entstand in Berlin sogar ein Yogazentrum, aus dem sich eine Yogaschule entwickelte – die erste Institution dieser Art in Deutschland, für die es Belege und Zeitzeugen gibt.

Ihr Gründer, der Exilrusse Boris Sacharow, unterrichtete dort mitten im Krieg Yoga und „indische Körperertüchtigung“, bis er 1943 ausgebombt wurde. Und noch bis 1945 verschickte er Lehrbriefe in 50 deutsche Städte. An Sacharow kann man auch sehen, wie sich Yoga an die Nazi-Ideologie anpasste. Sacharow sah in der aus Indien kommenden Lehre eine „urarische Weisheit im Dienste unserer Zeit“. Yoga bot ihm „Wege zum kommenden Großraum-Menschen“.

Himmler trug Schriften des Hinduismus mit sich

Ist das alles nur ein großes Missverständnis? Hat man Yoga missbraucht, falsch verstanden? Zum Teil ja, wie Tietke in seiner Studie zeigt. Andererseits boten die jahrtausendealten indischen Quellen, aus denen sich Yoga speiste, durchaus Ansätze, um sogar Verbrechen bis hin zum Völkermord zu rechtfertigen.

Heinrich Himmler, Reichsführer SS, habe, wie sein Physiotherapeut Felix Kersten aussagte, ständig ein Exemplar der Bhagavad Gita mit sich geführt. Himmler sah darin den „hohen arischen Gesang“. Die mehr als 2 200 Jahre alte Bhagavad Gita, 1802 zum ersten Mal ins Deutsche übertragen, gilt als eine der zentralen Schriften des Hinduismus. Sie hat die Form eines spirituellen Lehrgedichts. Krishna, die achte Inkarnation des Gottes Vishnu, belehrt darin den am Sinn des Krieges zweifelnden Krieger Arjuna über seine Pflichten.

Heinrich Himmler nutzte das Wort „Karma“ im Sinne von „Schicksal“ oder „Vorsehung“. Er identifizierte sich und die SS mit der alten indischen Kshatriya-Kaste und ihrer propagierten Haltung des skrupellosen Tötens für einen „höheren“ Zweck. „Doch kann mein Werk mich nimmermehr beflecken“, heißt es etwa in einem Vers der Bhagavad Gita.

Tietke zeigt, dass sich deren Prinzipien bis in die berüchtigte Rede niederschlugen, die Himmler 1943 in Posen vor hohen SS-Führern hielt. Himmler nehme dort „für sich in Anspruch, für höhere Werte zu morden: kühl, nüchtern und innerlich unbeteiligt, so wie es Krishna verlangt“. Dies alles, ohne sich an die Folgen des eigenen Handelns gebunden zu sehen. Ghandi habe dies „Yoga des Desinteresses“ genannt.

Himmler interessierte sich auch für andere frühe religiöse Schriften Indiens, unter anderem die „Rigveden“. Diese feierten den Rassismus der aus Zentralasien nach Indien einwandernden „Arier“, das Töten und Vertreiben der als minderwertig bezeichneten sesshaften Gegner.

Yoga wirkte tief in den Nationalsozialismus

Tietke betont aber zugleich, dass in der SS kaum jemand Himmlers Literaturvorlieben geteilt habe. Auch fänden sich in keiner anderen Schrift des Yoga Textstellen, in denen Gewalt gerechtfertigt werde. Die Maxime des „klassischen, nicht-religiösen Yoga“ heiße Gewaltlosigkeit.

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