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Genversuche an Embryonen: Wie gefährlich sind Genexperimente?

Großbritannien erlaubt erstmals zu wissenschaftlichen Zwecken Genmanipulationen an Embryos.

Großbritannien erlaubt erstmals zu wissenschaftlichen Zwecken Genmanipulationen an Embryos.

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dpa

Britische Forscher dürfen genetische Veränderungen an Embryonen vornehmen. Weltweit zum ersten Mal hat eine Behörde Forschern solche Versuche genehmigt. Auch wenn ein Ethik-Komitee noch zustimmen muss, sorgt diese Meldung vom Montag in der Fachwelt für größte Beunruhigung und ethische Debatten. Und nicht nur dort. Denn wenn man an einem Embryo gezielt genetische Veränderungen vornimmt, wäre es theoretisch möglich, diesen in eine Gebärmutter einzupflanzen. Schnell fällt das Stichwort vom Designer-Baby, das von krankmachenden Genen befreit und vielleicht noch durch einige Wunsch-Eigenschaften „bereichert“ wird.

Besteht diese Gefahr wirklich? Die Forscher um die Genetikerin Kathy Niakan vom Londoner Francis Crick Institute weisen solche Absichten zurück. Es gehe nur um Grundlagenforschung, sagen sie. Die zuständige britische Behörde erlaube den Wissenschaftlern, genetische Versuche in der Petrischale vorzunehmen, und zwar an Embryonen im Alter von bis zu sieben Tagen – einer Zeitspanne, in der durch Zellteilung bis zu 256 Zellen entstehen. Als Grundlage sollen von Paaren gespendete, befruchtete Eizellen dienen. Diese dürften hinterher keiner Frau mehr eingepflanzt werden, lautet die Auflage der Behörde. Die Embryonen sollen vernichtet werden. Die Londoner Forscher wollen in ihren Versuchen unter anderem Gene finden, die menschliche Embryonen benötigen, um sich erfolgreich zu entwickeln. Möglicherweise ließen sich auch Gene ausschalten, die eine Rolle bei Fehl- und Totgeburten spielen. Es gehe darum, die genetischen Mechanismen zunächst einmal zu verstehen, sagte Kathy Niakan.

Ein Ja zur Grundlagenforschung

Die Forscher nutzen bei ihren Versuchen ein gentechnisches Verfahren, das den sperrigen Namen Crispr/Cas9 trägt (siehe Grafik). Es wird oft als Genomchirurgie bezeichnet. Dabei werden bestimmte Genabschnitte gezielt ausgeschaltet oder eingefügt. Bisher wird die Methode unter anderem eingesetzt, um resistente Bakterienstämme für die Milch und Weinindustrie zu erzeugen. In der Medizin versucht man damit zum Beispiel Immunzellen zu verändern, um Patienten resistent gegen HIV zu machen.

Eine der Erfinderinnen der Crispr-Technik ist Emmanuelle Charpentier, die seit Oktober 2015 als Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin arbeitet. Sie hat sich bereits klar gegen Forschungen ausgesprochen, wie sie jetzt in London betrieben werden sollen. Charpentier forderte gar ein generelles Verbot von Keimbahn-Experimenten, also von Versuchen an Zellen, die sich später zu Eizellen oder Spermien entwickeln. „Ich finde das nicht gut“, sagte sie. „Welchen Zweck hat es, menschliche Keimbahnzellen zu manipulieren?“

"Nachdenken und Diskurs ermöglichen"

In Deutschland ist die rechtliche Lage klar. „Versuche an Embryonen sind in Deutschland eindeutig verboten“, sagt der Medizinjurist Jochen Taupitz, Professor an der Universität Mannheim und Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Allerdings erlaube das deutsche Embryonenschutzgesetz sehr wohl, Veränderungen an Keimzellen durchzuführen, also an Ei- und Samenzellen, solange sie im Labor verblieben und nicht zur Befruchtung verwendet würden. Verboten sind Versuche an Embryonen – ganz konkret ab dem Moment der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Von diesem Moment an entwickelt sich ein Mensch.

Der Deutsche Ethikrat hat zur aktuellen Entscheidung in London bisher noch keine Stellungnahme abgegeben. Doch sein Stellvertretender Vorsitzender Jochen Taupitz hält zweierlei Dinge für wichtig: „Grundlagenforschung sollte stattfinden“, sagt er. Was die Engländer machten, sei zunächst auch nur Grundlagenforschung. „Anwendungen beim Menschen aber sollten verboten bleiben.“ Er meint damit, dass in der Petrischale künstlich veränderte Keimzellen nicht für eine mögliche Schwangerschaft verwendet werden dürften. „Das wären unverantwortliche Menschenversuche im Hinblick auf die Kinder, die daraus entstehen.“

Taupitz plädiert für ein Moratorium, eine zeitweilige Aussetzung, so wie es Forscher in den USA im vergangenen Jahr angeregt hatten. Auch eine Arbeitsgruppe der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in der Taupitz Mitglied ist, gab als eine der ersten in Deutschland eine Stellungnahme zur sogenannten Genomchirurgie ab. Sie setzte sich dabei ebenfalls für ein Moratorium ein, in dem Taupitz allerdings kein Denkverbot sieht. Sondern man sollte die Fragen offen nach allen Richtungen ausloten und dabei sowohl die Chancen als auch die Risiken betrachten, sagt er. „Moratorium heißt für uns nicht, dass solche Verfahren ein für allemal verboten bleiben. Sondern man soll nachdenken und einen gesellschaftlichen Diskurs ermöglichen, unter welchen Voraussetzungen es vertretbar ist, sie zuzulassen.“

Wo liegt die Grenze?

Wenn die englischen Versuche langfristig dazu dienten, Embryonen überlebensfähiger zu machen, Fehl- und Totgeburten zu vermeiden, sei das „ethisch ein richtiges und gutes Ziel“. Ebenso, wenn es darum gehe, durch eine genetische Manipulation schwere Erbkrankheiten zu verhindern. „Die Frage ist allerdings: Wo liegt da die Grenze? Eine Gesellschaft muss sich selbst Rechenschaft ablegen, wie weit sie gehen will, wenn sie ein Verfahren überhaupt zulässt.“

Das aktuell angewandte Verfahren Crispr/Cas9 ist für den Medizinjuristen längst noch nicht sicher genug, um wirklich zielgerichtet in menschliche Erbanlagen eingreifen zu können. Diese Erfahrung machten unter anderem im April 2015 chinesische Forscher, die das Erbgut von 86 Embryonen veränderten, um das Gen für eine seltene Blutkrankheit auszuschalten. Die Versuche scheiterten. „Die Probleme sind die sogenannten Off-Target-Effekte“, sagt Jochen Taupitz. Man könne zwar zielgenau an einer ganz bestimmten Stelle der DNA schneiden und reparieren, aber derselbe Schnitt könne sich unter Umständen an anderen Stellen auswirken. Man wisse noch zu wenig. „Und selbst, wenn man das Verfahren beherrschen würde: Was ist, wenn es sich um eine Erbkrankheit handelt, die man lange nach der Geburt vielleicht auch noch behandeln kann? Darf man dann ins Erbgut hinein manipulieren? Oder müsste man dem später geborenen Menschen nicht, wenn er erwachsen ist, selbst die Entscheidung überlassen?“

Taupitz geht davon aus, dass das Verfahren in absehbarer Zeit nicht auf den Menschen angewendet werden kann. „Da sagen auch die einschlägigen Naturwissenschaftler. Es ist noch zu unsicher. Aber wir müssen in der Gesellschaft rechtzeitig darüber diskutieren, damit wir auf zukünftige Entwicklungen vorbereitet sind und von den Naturwissenschaften nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden.“