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Hirnforschung in Berlin: Wie frei ist der Wille des Menschen wirklich?

Ein Gehirn des Menschen.

Ein Gehirn des Menschen.

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dpa

Ist der Wille des Menschen frei? Für die Meisten ist diese Frage schnell beantwortet: Das eigene „Ich“ fällt bewusst Entscheidungen – und nicht das unkontrollierbare Unterbewusstsein. Für Philosophen und Theologen ist das aber nicht so einfach. Immer wieder diskutierten Gelehrte wie Aristoteles, Martin Luther und Immanuel Kant, ob der Mensch in seinen Entscheidungen frei ist. Doch nicht nur die Geisteswissenschaft, auch die Medizin forscht intensiv zu diesem Thema. So wie der Hirnforscher John-Dylan Haynes, Professor an der Berliner Charité, der mit einem neuen Experiment bewiesen hat, dass der menschliche Wille freier ist, als seine Kollegen bislang dachten.

In den frühen 1980er-Jahren machte der US-amerikanische Physiologe Benjamin Libet eine aufsehenerregende Entdeckung. Er wollte herausfinden, was im Gehirn vor sich geht, wenn der Mensch eine freie Wahl trifft. Dazu forderte er seine Probanden auf, ihren Arm zu heben. Den Zeitpunkt konnten sie selbst bestimmen. Währenddessen zeichnete Libet die Hirnaktivitäten mit einer Elektroenzephalografie (EEG)-Kappe auf.

Das Ergebnis: Der bewussten Entscheidung gingen Gehirnaktivitäten voraus, die sich offenbar im Unterbewusstsein abspielten. Forscher nennen das ein Bereitschaftspotenzial. Libet schlussfolgerte daraus, dass das Unterbewusstsein die Entscheidungen trifft und eine Bewegung dann zwangsläufig folgen muss. Das Bewusstsein, so schien es, folgt diesem Entschluss lediglich – denkt aber, es hätte eine Wahl gehabt. „Der freie Wille wäre demnach nur eine Illusion“, sagt Haynes, „eine Farce.“

Neue Erkenntnisse zum freien Willen

Allerdings hatte Libets Experiment eine entscheidende Schwachstelle. Es untersuchte lediglich, was passiert, wenn ein Proband eine Bewegung wie geplant ausführen kann. Doch was würde geschehen, wenn die Versuchsperson eine Entscheidung blitzschnell ändern müsste? Wäre das noch möglich, obwohl sich das Unterbewusstsein bereits entschieden hat? Diese Fragen beschäftigten Charité-Forscher Haynes. Mehrere Jahre tüftelte er an einem Experiment, das endlich Klarheit schaffen sollte. Nun ist es geschafft: Kürzlich veröffentlichte er im Fachmagazin PNAS seine neuen Erkenntnisse zum freien Willen.

Haynes und sein Team hatten Versuchsteilnehmer vor einen Bildschirm gesetzt, der abwechselnd Grün oder Rot leuchtete. In den Grünphasen sollten die Probanden mit ihrem Fuß auf ein Pedal drücken, bei Rot nichts tun. Die Hirnaktivitäten wurden während des Experiments, wie auch schon bei Libet, mit einer EEG-Kappe gemessen. Im ersten Teil wechselten die Farben auf dem Bildschirm zufällig. Der Computer analysierte in dieser Zeit die Hirnsignale der Probanden und lernte, sie zu deuten. In Phase zwei nutzte er das erworbene Wissen darüber, wann eine Bewegung erfolgt. Er schaltete nun immer dann auf Rot, wenn anhand der Gehirnströme absehbar war, dass der Proband sich bewegen will. Damit waren die Teilnehmer gezwungen, die im Unterbewusstsein getroffene Entscheidung zu stoppen.

Bewußtsein kann nicht mehr stoppen

Und das gelang tatsächlich. In mehr als 40 Prozent aller Fälle konnte eine Bewegung ganz und gar verhindert werden – und das obwohl sich das Unterbewusstsein bereits entschieden hatte, sie auszuführen. Das Bewusstsein hat damit tatsächlich eine Art Vetorecht, und somit das letzte Wort. Dabei ist es völlig unerheblich, ob die Versuchsperson weiß, welches Spiel der Computer mit ihr treibt. Als die Teilnehmer in der dritten Phase des Experimentes über alles aufgeklärt wurden, zeigte sich das Bereitschaftspotenzial dennoch genauso häufig wie in den beiden ersten Phasen des Experiments.

Auch das Verhindern der Bewegung gelang wie zuvor nur in 40 Prozent aller Fälle. Bei den restlichen 60 Prozent kam das Vetorecht zu spät. Entweder drückten die Teilnehmer trotz der roten Lampe das Pedal, oder sie konnten die Bewegung zwar noch unterbrechen, aber nicht mehr verhindern.

Das liege wahrscheinlich an der Zeit, die das Gehirn braucht, um die Informationen zu verarbeiten, vermutet Haynes. Bei grünem Licht zeigte sich das Bereitschaftspotenzial etwa 1000 Millisekunden, also eine Sekunde, vor der Bewegung. Etwa 300 Millisekunden, bevor die ersten Muskeln zucken, wird das Bewusstsein informiert. Es hat dann noch 100 Millisekunden Zeit, die Bewegung zu verhindern. Schaltet das Licht danach auf Rot, kann der Proband nicht mehr rechtzeitig reagieren – und drückt aufs Pedal. „Denn ab einem bestimmten Zeitpunkt kann auch das Bewusstsein die Bewegung nicht mehr abbrechen. Zu dieser Zeit sind die Bewegungssignale bereits in den motorischen Hirnregionen angekommen und können nicht mehr gestoppt werden“, erklärt der Hirnforscher.

Jeder Gedanke prägt das „Ich“

Das Bewusstsein kann eine unbewusst getroffene Entscheidung also stoppen – auch wenn es dafür nur begrenzt viel Zeit hat. „Das Libet-Experiment zählt damit in der Diskussion um den freien Willen einfach nicht mehr“, sagt Haynes. Die Argumentation, die auf den Experimenten aus den 1980er-Jahren beruht, sei damit hinfällig. Ist das also der Beweis, dass wir Herr über unsere Entscheidungen sind?

Haynes hat darauf eine nüchterne Antwort: Nein. „Trotz unserer Experimente glaube ich nicht an den freien Willen – allerdings aus anderen Gründen als Libet“, sagt der Hirnforscher. Jede Erinnerung, jede Entscheidung und auch jeder Gedanke spiegele sich physisch im Hirn wieder. Sei es durch die Vernetzung der einzelnen Hirnzellen oder durch die chemischen und elektrischen Signale, die zwischen ihnen ausgetauscht werden. Das Bewusstsein hänge also von dem aktuellen Hirnzustand ab. Dieser wiederum setzt sich aus allen Umwelteinflüssen, denen der Mensch bis dahin ausgesetzt war, aus all seinen Erfahrungen, die er im Laufe des Lebens gemacht hat, aus seinen Genen sowie aus seinen Gedanken, die er bis dahin hatte, zusammen.

Würde man die Hirnzustände bis zur Geburt und davor zurückverfolgen, würde man irgendwann an einen Punkt gelangen, an dem es noch keine eigenen Gedanken gab – und der Hirnzustand sich nur aus den Genen, den Umwelteinflüssen und gegebenenfalls aus Erfahrungen im Mutterleib zusammensetzt. Das eigene Denken, welches sich erst später entwickelt, wäre also in seiner Entstehung durch die drei anderen Faktoren bestimmt. Haynes ist sich sicher: „Diese Argumentation ist wesentlich standfester als die von Libet.“