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Hygiene-Preis für Charité: Überwachungssystem gegen Krankenhauskeime

Petra Gastmeier, Charité Berlin

Petra Gastmeier, Charité Berlin

Foto:

Robert-Koch-Stiftung

Jährlich sterben schätzungsweise 10 000 bis 15 000 Patienten an Infektionen, die sie sich im Krankenhaus zugezogen haben. Petra Gastmeier, Leiterin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Berliner Charité, arbeitet seit Jahren daran, die Situation zu verbessern. Sie hat ein Überwachungssystem namens Kiss entwickelt – in Fachkreisen wird sie daher auch als Miss Kiss bezeichnet. Am Montagabend erhielt die 58-jährige Medizinerin im Festsaal des Berliner Rathauses den diesjährigen Preis für Krankenhaushygiene. Die von der Robert-Koch-Stiftung vergebene Auszeichnung ist mit 50 000 Euro dotiert und würdigt herausragende Leistungen für die Krankenhaushygiene.

Frau Professor Gastmeier, wie funktioniert das Kiss-System?

Kiss steht für Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System. Die Krankenhäuser erfassen und melden ihre Infektionsdaten. Sie können anhand von Referenzdaten vergleichbarer Stationen das eigene Infektions- und Hygieneniveau einordnen und vorbeugend eingreifen. Vor zwanzig Jahren haben wir begonnen mit Kiss, inzwischen beteiligen sich 1 400 der 1 700 Akutkrankenhäuser hierzulande.

Wie wirksam ist die Überwachung?

Die Kliniken strengen sich an, besser zu werden, wenn sie sehen, dass sie in puncto Hygiene zum Beispiel nur im hinteren Mittelfeld liegen. Wir haben festgestellt, dass sich im Durchschnitt 20 bis 30 Prozent der nosokomialen, also im Krankenhaus erworbenen, Infektionen vermeiden lassen.

War es schwierig, die Kliniken zur Teilnahme an Kiss zu bewegen?

Nein, das System hat schnell breiten Anklang gefunden. Es wird dabei ja auch niemand an den Pranger gestellt. Die Ergebnisse werden vertraulich gehandhabt. Veröffentlicht werden anonymisierte Daten: die von den besten und den schlechtesten Kliniken sowie Mittelwerte.

"Infektionen lassen sich nicht vollständig vermeiden"

Nehmen die Krankenhausinfektionen ab hierzulande?

Studien zeigen, dass sich die Zahl der Krankenhausinfektionen von 1994 bis 2011 kaum verändert hat. Wenn man bedenkt, dass die Bevölkerung altert und es immer mehr Eingriffe gibt, die infektionsträchtig sind, ist das ein Erfolg.

Trotz Kiss kommt es immer wieder zu Ausbrüchen – bei Ihnen an der Charité zum Beispiel im Mai, als sich Neugeborene mit Serratien infizierten. Lässt sich noch besser vorbeugen?

Vollkommen vermeiden lassen sich Infektionen im Krankenhaus nicht. Bei den Serratien war es so, dass sich ein Frühgeborenes bei der Mutter während der Geburt angesteckt hatte. Es geht vor allem darum, Infektionen rasch zu erkennen und sie dann zu bekämpfen. Das ist uns letztendlich auch in diesem Fall gelungen. Alle Kinder sind inzwischen gesund, der Ausbruch endete.

Wo kommen die Keime her?

In den meisten Fällen bringen die Patienten die Keime selbst mit. Es sind Keime, die jeder Mensch auf der Haut oder im Darm hat. Beim Legen eines Katheters können sie ins Blut oder die Harnwege gelangen. Der kleinere Teil der Fälle sind Übertragungen von Patient zu Patient.

Sollte man als Patient bei geplanten Operationen darauf achten, ob sich eine Klinik an Kiss beteiligt?

Es ist sicher ein guter Indikator, der zeigt, ob ein Krankenhaus an der Infektionsprävention Interesse hat. Im Qualitätsbericht von Kliniken lassen sich Informationen darüber finden. Das nationale Referenzzentrum verleiht auch Kiss-Zertifikate.


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