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Interview: „Schnee im März ist kein Argument“

Wintereinbruch: Eis taut von einem Ast am Starnberger See.

Wintereinbruch: Eis taut von einem Ast am Starnberger See.

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dpa

Weißer März statt weiße Weihnacht. Schnee und Rodeln perfekt, melden die großen Skigebiete in den Alpen. In der Schweiz türmen sich in dieser Saison bis zu fünf Meter der weißen Pracht auf. Und ein Ende der Schneefälle ist nicht in Sicht. Sind das Anzeichen für eine neue Eiszeit? Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif widerspricht dieser These im Gespräch mit dieser Zeitung.

Herr Professor Latif, wie oft hat man Sie in den letzten Tagen gefragt, wo denn der Klimawandel bleibt – angesichts der Kälte und der Schneemassen?
Das kann man kaum noch zählen. Auf der Straße und im Zug bin ich angesprochen worden, und es kamen jede Menge Mails. Ist ja auch verständlich, dass die Leute fragen. Aber es waren auch böse Schmäh-Mails dabei. Jetzt sei doch klar, der Klimawandel sei nur Schwindel.

Die aktuelle Wetterlage ist schon außergewöhnlich für Mitte März.
So viel Schnee im März kommt uns ungewohnt vor, weil es das in den vergangenen zwei Jahrzehnten so selten gab. Aber ich erinnere mich noch gut: Als ich Kind war, in den 60er-Jahren, hatten wir manchmal noch an Ostern Schnee. Wir haben inzwischen wirklich vergessen, wie ein Winter normalerweise aussieht – und dass es auch in Zeiten der globalen Erwärmung noch richtige Winter geben kann. Die Erwärmung ist mit 0,7 bis 0,8 Grad im weltweiten Durchschnitt bisher noch klein. Da können die natürlichen Klimaschwankungen immer noch voll zuschlagen.

Sie haben im Jahr 2000 vorausgesagt: „Winter mit starkem Frost und viel Schnee wie noch vor 20 Jahren wird es in unseren Breiten nicht mehr geben.“ Bleiben Sie dabei?
Ich habe damals gesagt: So kommt es, wenn die Menschheit in diesem Jahrhundert nicht beherzt mit Klimaschutzmaßnahmen gegensteuert. Dabei bleibe ich auch. Es wird 2050 oder 2100 in der Tat keine kalten Winter mehr geben, falls die mittleren Temperaturen dann um mehrere Grad höher liegen sollten.

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Es scheint einen Trend zur Verlagerung der Kälte und des Schneefalls in den späten Winter zu geben. Also: weißer März statt weiße Weihnacht?
Von einem solchen Trend kann man bisher nicht sprechen. Es gibt aber zwei Erklärungsmuster für die Wiederkehr des Winters in den letzten Jahren. Einige Klimaforscher sagen: Es liegt am starken Rückgang des Eises in der Arktis, wodurch Wetterlagen verstärkt werden, die kalte Strömungen vom Norden nach Mitteleuropa bringen. Bei noch stärkerer Erwärmung der Arktis und nahezu komplettem Eisverlust würde dieses Phänomen allerdings wieder verschwinden. Dann würden die europäischen Winter deutlich wärmer. Die andere Gruppe führt die kalten Phasen in Europa und Nordamerika auf Veränderungen in den Strömungen in der Stratosphäre zurück. Meine Hypothese ist: Ursache ist das ganz normale Chaos im Wetter.

Die Kurve der globalen Erwärmung ist in den letzten Jahren nicht weiter angestiegen. Klimaskeptiker sehen das als Widerlegung des Klimawandels.
Diese Schlussfolgerung ist Quatsch. Ich selbst habe 2008 vorausgesagt, dass wir in eine Phase kommen, in der die Temperaturen global nicht weiter ansteigen. Das wird vermutlich auch noch einige Jahre so bleiben. Das steht aber nicht im Widerspruch zur globalen Erwärmung. Es gibt natürliche wärmere und kältere Zyklen im Klima, die zum Beispiel durch Schwankungen in der Golfstrom-Zirkulation ausgelöst werden und jahrzehntelang andauern. Eine kalte Phase kann die menschengemachte Erwärmung derzeit noch überdecken – so ist es momentan. Sie läuft aber im Hintergrund weiter.

Erwarten Sie nach dieser Phase wieder einen beschleunigten Anstieg?
Genau. Irgendwann, vielleicht in fünf bis zehn Jahren, wird das Pendel in die andere Richtung ausschlagen. Die anthropogene Erwärmung und eine natürliche Erwärmung werden sich dann überlagern. Die Temperaturkurve wird in dieser Phase verstärkt nach oben zeigen. Der jetzige Stillstand bei der Erwärmung bedeutet alles andere als Entwarnung.


Das Gespräch führte Joachim Wille.