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Berliner Zeitung | Interview mit Psychiater Allen Frances: „Ist der Geist erst aus der Flasche“
04. April 2013
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Interview mit Psychiater Allen Frances: „Ist der Geist erst aus der Flasche“

"Die Pharmaindustrie hat ihren Anteil an dem Desaster", sagt Allen Frances.

"Die Pharmaindustrie hat ihren Anteil an dem Desaster", sagt Allen Frances.

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dpa

Eigentlich wollte Allen Frances als Pensionär nur noch seine Enkel hüten, antike Philosophen lesen und am Strand liegen. Für all das hatte er früher, als vielbeschäftigter Psychiater, keine Zeit. Als Frances jedoch klar wurde, welche Gefahren das neue Handbuch für psychiatrische Diagnosen (DSM-5) birgt, war es vorbei mit der Muße. Das Buch wird von der Amerikanischen Psychiater-Vereinigung (APA) herausgegeben und definiert, was als psychisch gesund und was als krank gilt.

Für Krankenkassen, Versicherungen und Gerichte ist es weltweit eine entscheidende Instanz. Die neue Ausgabe gehe jedoch entschieden zu weit, wettert Frances in Vorträgen, in Zeitschriften, im Internet – und jetzt auch in einem Buch, das er am 16. April in Berlin vorstellt.

Herr Professor Frances, warum kämpfen Sie so vehement gegen die neuen Leitlinien?

Weil sie dazu führen, dass Millionen Menschen mit normalen Problemen eine falsche Diagnose erhalten und falsch behandelt werden.

Bitte erläutern Sie das an einem Beispiel.

Dass man nach dem Tod eines geliebten Menschen lange trauert, wurde früher als normal empfunden. Jetzt kann es passieren, dass jemand, der zwei Wochen nach dem Verlust noch traurig ist, keinen Appetit hat und schlecht schläft, als depressiv eingestuft wird. Aber DSM-5 enthält noch mehr Absurditäten.

Wir sind gespannt.

Nehmen wir die altersbedingte Vergesslichkeit. Das ist eine völlig normale Entwicklung, die keineswegs automatisch zu einer Demenz führt. Mit DSM-5 wird aus der Schusseligkeit schnell eine milde neurokognitive Störung und damit eine behandlungsbedürftige Krankheit. Auch wer sich gern einmal mit Essen vollstopft, läuft Gefahr, als krank zu gelten. Und ob sehr tüchtige Erwachsene womöglich eine Störung namens hyperaktives Arbeiten haben? Besonders schlimm finde ich, dass kindliche Wutanfälle künftig als Stimmungsregulationsstörungen Krankheitswert erhalten.

Aber sind die neuen Diagnosen nicht einfach nur neue Etiketten? Was ist so schlimm daran?

Wir stigmatisieren Menschen mit ihren normalen Reaktionen. Sie werden zu Kranken erklärt. Doch vieles davon würde sich mit der Zeit auswachsen oder es gehört zum Leben dazu und muss letztlich akzeptiert werden. DSM-5 macht jedoch Krankheiten daraus und das führt unweigerlich zu einer Überbehandlung, etwa mit Medikamenten. Schaden wird das insbesondere Kindern.

Was macht Sie da so sicher?

Meine Erfahrungen in den vergangenen 20 Jahren. Aufmerksamkeitsdefizite bei Kindern werden jetzt drei Mal häufiger diagnostiziert und bipolare Störungen sogar 40 Mal öfter. In den USA leben 83 Prozent der Kinder mit irgendeiner psychiatrischen Diagnose. Und viele erhalten entsprechende Arzneimittel mit allen damit verbundenen Nebenwirkungen. Ausgelöst wurde diese Lawine durch das letzte Diagnose-Handbuch DSM-4.

An dem Sie maßgeblich beteiligt waren.

Ja, ich habe das Profil mitgeprägt. Und jetzt bin ich entsetzt, wenn ich sehe, was daraus geworden ist. Wir waren damals betont vorsichtig. DSM-4 enthält drei wesentliche Änderungen. Dazu gehört eine milde Form des Autismus. Mit der Neudefinition glaubten wir, die Zahl der Diagnosen um ein Drittel reduzieren zu können. Tatsächlich liegt sie heute 20 Mal höher. Und Studien lassen vermuten, dass die Hälfte der Befunde falsch ist. Beim Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom wollten wir erreichen, dass die Diagnose bei Mädchen leichter gestellt werden kann. Auch das führte zu einem sprunghaften Anstieg. Es ist wie mit dem Geist, der aus der Flasche fährt und nicht mehr einzufangen ist.

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Wie kommt es zu der fatalen Entwicklung?

Da sind zum einen die Ärzte, die ständig bestrebt sind, ihre Zuständigkeit auszuweiten. In den USA kommt es oft vor, dass Hausärzte ihren Patienten nach kurzer Unterredung eine psychiatrische Störung attestieren und das passende Rezept gleich mit dazu geben. Hausärzte, nicht Fachärzte erstellen bei uns 80 Prozent der psychiatrischen Diagnosen – das muss man sich mal vorstellen. Aber auch die Pharmaindustrie hat ihren Anteil an dem Desaster.

Inwiefern?

Etwa durch die Werbung für Arzneien in Publikumsmedien.

In Deutschland ist das verboten.

Was sehr vernünftig ist. Aber in den USA ist diese Reklame allgegenwärtig und suggeriert normalen Menschen, sie seien krank. Aus lauter Sorge um ihre Gesundheit greifen dann viele zu dem beworbenen Medikament. Hinzu kommt: Die Pharmaindustrie sponsert Patienten-Selbsthilfegruppen.

Auch den Autoren des DSM-5 werden finanzielle Verflechtungen mit Pharmaherstellern vorgeworfen. Stimmt das?

Nein. Die Vorwürfe sind falsch und unfair. Ich kenne die meisten Autoren und weiß, dass einige von ihnen in geringem Umfang mit der Pharmaindustrie zusammen arbeiten – etwa in der Forschung. Das tun sie nicht aus Geldgier, sondern in lauterer Absicht. Sie sind wirklich überzeugt, dass sie mit DSM-5 viel Gutes bewirken.

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Können Sie dem neuen Handbuch überhaupt nichts Positives abgewinnen?

Die neue Definition des Autismus führt vielleicht zu besseren Diagnosen, das muss man abwarten. Aber es stimmt: Ich kann tatsächlich kaum etwas Gutes erkennen. Ich sehe fast nur Nachteile, vor allem für die ernsthaft Erkrankten.

Wie hoch ist dieser Anteil?

Rund fünf Prozent der Bevölkerung leidet an einer psychischen Krankheit mittleren bis schweren Grades. Das gilt für die USA, dürfte aber in vielen anderen Ländern ähnlich sein. Diese Patienten brauchen dringend Hilfe. Doch für sie steht immer weniger Geld zur Verfügung, weil es an anderer Stelle verschwendet wird. Das ist ein Skandal.

Hört die Herausgeberin des Handbuchs, die Amerikanische Psychiater-Vereinigung APA, auf Ihre Warnungen?

Nein. Die APA stellt sich taub gegen Kritik von außen und verfolgt stur ihren Kurs. Sie hat viele Millionen Dollar ausgegeben, um das neue Handbuch zu erarbeiten, jetzt braucht sie dringend Geld. Und zweifellos wird DSM-5, das in diesen Wochen auf den Markt kommt, einen hohen Gewinn erzielen.

Wo wird das Werk verkauft?

Vor allem in den USA. Aber weil es die psychiatrischen Diagnosen weltweit beeinflusst, kommt es in vielen Ländern auf den Markt.

Was raten Sie Ärzten und Patienten in dieser Situation?

Ich empfehle, DSM-5 nicht als Bibel zu betrachten, sondern nur als Leitfaden. Wir sollten skeptischer sein und unseren eigenen Verstand benutzen. Und das Auf und Ab unserer Psyche gelassener betrachten. Meistens ist es normal.

(Interview: Lilo Berg)