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Interview mit Wolfgang Klein: Wie Sprachen sich wandeln und verschwinden

Wolfgang Klein ist seit 1980 Direktor am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. Zusätzlich leitet er an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaftten eine Gruppe, die ein digitales Wörterbuch der deutschen Sprache erarbeitet.

Wolfgang Klein ist seit 1980 Direktor am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. Zusätzlich leitet er an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaftten eine Gruppe, die ein digitales Wörterbuch der deutschen Sprache erarbeitet.

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Privat

Wer wissen will, wie das menschliche Gehirn Sprache erzeugt und versteht oder wie wir Fremdsprachen erlernen, der ist im holländischen Nijmegen am richtigen Platz. Dort steht seit 1980 das Institut für Psycholinguistik der deutschen Max-Planck-Gesellschaft, an dem heute mehr als hundert Forscher aus verschiedenen Fachgebieten und Ländern arbeiten. Auch das weltgrößte Archiv bedrohter Sprachen ist hier angesiedelt. Der Germanist Wolfgang Klein ist Direktor am Institut, und zwar von Anfang an. In seiner Forschung hat er sich nicht nur mit dem Spracherwerb beschäftigt, sondern auch mit dem Ausdruck von Raum und Zeit sowie der Verbindung von Sprache und Literatur. Ihn fasziniere, sagt er, die unendliche Vielseitigkeit der menschlichen Sprache.

Herr Professor Klein, welche Sprachen werden im Jahr 2030 auf der Welt dominieren?

Englisch und Spanisch werden sich weiter ausbreiten. Und Mandarin-Chinesisch, die im Norden Chinas übliche Sprache, gewinnt enorm an Bedeutung. Mit dem Erstarken des Islam und dem neuen Selbstbewusstsein in Nordafrika wird auch das Arabische wichtiger. Heute sprechen bereits 250 Millionen Menschen Hindu oder das nah verwandte Urdu, im Jahr 2030 werden es weitaus mehr sein, was mit dem raschen Bevölkerungswachstum in Südasien und der zunehmenden Wirtschaftskraft zu tun hat.

Und welche Sprachen verlieren an Bedeutung ?

Zum Beispiel Russisch. Die Bevölkerung Russlands nimmt ab und als Gemeinsprache im ehemaligen Ostblock kommt das Russische nicht in Frage – die Abneigung gegen die frühere Großmacht sitzt zu tief. Auch das Französische zählt zu den Verlierern. Derzeit gibt es noch 75 Millionen Muttersprachler und bis zu 300 Millionen, die Französisch als zweite Sprache verwenden, vor allem in den ehemaligen Kolonien. Dort wird Französisch aber zunehmend vom Arabischen und Englischen verdrängt. Im Abschwung befindet sich auch das Deutsche.

Weil die Zahl der Muttersprachler abnimmt?

Der Schwund wird gar nicht so gewaltig sein. Nein, der Grund ist eher, dass wir keine offensive Sprachpolitik betreiben – mit einem breiten Angebot an Deutschkursen und Kulturveranstaltungen im Ausland. Stattdessen wird das Budget des Goethe-Instituts und anderer Auslandsrepräsentanzen gekürzt. Die deutsche Kultur hat heutzutage kaum Weltgeltung, ganz anders als die deutsche Wirtschaft. Aber gerade jetzt ließe sich das leicht ändern: Viele Osteuropäer würden liebend gern Deutsch lernen, auch in den Mittelmeerländern gibt es dazu eine große Bereitschaft. Aber da wird sich wenig bewegen, ich bin da pessimistisch.

Wie viele Sprachen wird es 2030 noch geben?

Die Zahl wird deutlich schrumpfen. Heute gibt es 6000 bis 7000 Sprachen und pro Woche sterben schätzungsweise zwei davon. Wenn wir diesen Trend fortschreiben, dann ist bis 2030 ein Drittel verschwunden.

Wo wird die meisten Verluste auftreten?

In Ozeanien, vor allem in Papua-Neuguinea, wo derzeit noch die größte Sprachendichte der Welt herrscht. Auch in Amazonien, in den Regenwäldern Südamerikas, verschwinden mit der zunehmenden Assimilation der ursprünglichen Bewohner zahlreiche Sprachen. Bei den Minderheitensprachen in Europa, etwa beim Sorbischen, sehe ich wenig Gefahr – da wird sehr fleißig konserviert.

Wie viel kann erhalten werden, was geht unwiederbringlich verloren?

Die VW-Stiftung finanziert ein wunderbares Projekt, die Dokumentation bedrohter Sprachen, kurz Dobes. Ich denke, dass bis zum Auslaufen von Dobes im Jahr 2016 vielleicht hundert Sprachen konserviert werden können. Der Aufwand ist riesig: Um eine Sprache zu dokumentieren, muss ein Forscher ein bis zwei Jahre mit den Sprechern in deren Heimat leben. Das kostet etwa 100 000 Euro. Ich wüsste niemanden, der so viel Geld investieren würde, wie zur Konservierung aller untergehenden Sprachen erforderlich wäre. Die meisten von ihnen haben keine Schriftkultur, sie werden spurlos verschwinden.

Entstehen auch neue Sprachen?

Das passiert selten. Eine Ausnahme sind die Gebärdensprachen. Es gibt immer wieder Berichte über taubstumme Kinder, die eigene Zeichensysteme entwickeln. Ein berühmtes Beispiel ist die Nicaraguanische Gebärdensprache, die in den Achtzigerjahren entstand. Solche Sprachen entstehen und vergehen oft mit ihren Erfindern.

Es gibt Mischformen, die durch das Aufeinandertreffen der Sprachen von Migranten und der Sprache ihres Gastlandes entstehen. Wird dieser Trend mit fortschreitender Globalisierung zunehmen?

Solche Mischformen haben sich immer wieder gebildet. Die derzeit einflussreichste aller Sprachen, das moderne Englisch, ist ja auch ein Mischprodukt aus dem ursprünglich germanischen Englischen und dem Französischen. Mischsprachen wird es auch weiterhin geben. Ich bezweifle allerdings, dass daraus stabile Sprachformen entstehen. Zum einen, weil der normative Druck durch die Schule, vor allem aber durch die Medien, viel stärker ist als früher. Und zum anderen, weil die Globalisierung dazu führt, dass Menschen aus unterschiedlichen Sprachräumen beim Kontakt auf eine dritte Sprache ausweichen – und das ist heute vorzugsweise das Englische.

Seit einiger Zeit gibt es Globish, eine vereinfachte Form des Englischen mit nur 1500 Wörtern. Welche Bedeutung haben solche Simpelsprachen?

Die meisten Leute, die sich auf Englisch verständigen, benutzen eher noch weniger Wörter. Englisch als Zweitsprache und oft genug sogar Englisch als Muttersprache ist in der Praxis häufig eine Simpelversion. Man kann das Globish nennen oder Basic English. So hieß eine andere vereinfachte Form des Englischen, die vor neunzig Jahren kreiert wurde.

Was ist die meistgesprochene Sprache der Welt?
Bad english. Ja, ich kenne den alten Scherz. Er trifft die Situation nach wie vor und daran wird sich in nächster Zeit auch nicht viel ändern.

Die Kommunikation wird zunehmend digitalisiert. Hat das einen Einfluss auf unsere Sprache?

Das System der Sprache, ihre Grammatik, bleibt davon mit Sicherheit unberührt. Wir verwenden nicht plötzlich den Akkusativ, wo früher ein Genitiv gestanden hätte. Es ist auch nicht zu befürchten, dass der Kasus verschwindet und wir nur noch „Hut meine Tante“ statt „der Hut meiner Tante“ sagen. In der Art wie wir schreiben, sehe ich aber gewisse Einflüsse. Ein Beispiel sind die Smileys und anderen Icons in Texten. Etwas grundlegend Neues ist das jedoch nicht: Früher hat man auch Herzchen in die Briefe gemalt.

Sollten wir noch Handschrift lernen, wenn Computer irgendwann doch alles für uns notieren?

Ich glaube, wir werden es uns so schnell nicht nehmen lassen, Gedanken mit Bleistift auf Papier zu notieren. Das geht schnell, ist einfach und billig – und man braucht keine stromfressende Technik dafür.

Was meinen Sie: Wird es 2030 den Chip für Fremdsprachen geben?

Nein und dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Die automatische Übersetzung ist so ungeheuer kompliziert, das beherrschen wir nie und nimmer in 18 Jahren. Ich habe mir kürzlich einmal eine automatische Übersetzung aus dem Russischen von Dostojewskijs „Idiot“ angesehen. Das Deutsch war schauderhaft, aber man verstand, um was es ging. Mehr wird auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Um eine Sprache treffend zu übersetzen, ist sehr viel Wissen über den Kontext nötig. Es kann sein, dass ein einziges Wort durch eine komplexe Umschreibung wiedergegeben werden muss, wenn es in der Zielsprache richtig verstanden werden soll.

Wie sehen Sie die Zukunft des Deutschen?

Innerhalb Deutschlands sind keine nennenswerten Veränderungen zu erwarten. Dabei denke ich vor allem an die Grammatik. Der Wortschatz hingegen changiert ständig. Es entstehen neue Wörter wie Herdprämie oder Zeitfenster, und sie vergehen auch wieder. Ich rechne jedoch mit einem weiteren Rückgang der Dialekte. Deutschland ist sehr reich an Mundarten. Die werden zusehends eingeebnet, wenn sie nicht gar ganz aus der alltäglichen Kommunikation verschwinden.

Interview: Lilo Berg