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Interview: Wie sich Selbstkontrolle trainieren lässt

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Illustration: Isabella Galnty

Weswegen fällt es Menschen so schwer, eine Diät einzuhalten? Warum geben sie oft mehr Geld aus, als ihnen zur Verfügung steht? Das sind genau die Themen mit denen sich die renommierte US-Psychologin Kathleen Vohs in ihren Arbeiten beschäftigt. Denn sie erforscht die Selbstkontrolle – und hat herausgefunden, dass einem diese Fähigkeit immer nur in begrenztem Umfang zu Verfügung steht. Diese Tatsache erklärt auch, warum Barack Obama immer nur schwarze oder blaue Anzüge trägt.

Frau Professor Vohs, das Wort Selbstkontrolle klingt nicht nach Lebensfreude, sondern nach Arbeit, Müh und Disziplin. Warum ist sie für unser Leben trotzdem so wertvoll?

Ganz einfach: Weil wir gezeigt haben, dass Menschen mit einer guten Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren, im Allgemeinen glücklicher und gesünder sind, bessere Beziehungen, weniger Stress und trotzdem mehr Geld als andere haben. Das zu wissen, hilft zumindest mir, so mancher Versuchung zu widerstehen.

Haben Sie gar keine kleineren Laster?

Doch, natürlich! Selbst ich komme manchmal mit neuen Kleidern nach Hause, die dann ungetragen im Schrank verschwinden. Und nach einem anstrengenden Tag sitze ich auch mal vor dem Fernseher, um mir irgendwelche unsinnigen Shows anzugucken. Trotzdem halte ich meine eigene Selbstkontrolle für gut: Ich stehe zum Beispiel immer sofort auf, wenn der Wecker klingelt, laufe regelmäßig Marathons und kann in der Regel auch gut mit Geld umgehen.

Warum neigen Ihrer Ansicht nach so viele Menschen dazu, ihr Geld – selbst wenn sie es eigentlich gar nicht haben – für überflüssige Dinge auszugeben?

Sehr oft liegt es daran, dass die Fähigkeit dieser Menschen, sich selbst zu kontrollieren, zum Zeitpunkt des Einkaufs aufgebraucht ist.

Wie meinen Sie das?

Gemeinsam mit meinen Kollegen habe ich in zahlreichen Experimenten zeigen können, dass Selbstkontrolle ein limitiertes Gut ist. Wer sich beispielsweise einen ganzen Tag lang das ersehnte Stück Torte verkniffen hat, neigt abends leichter zu einem Spontankauf im Internet. Es ist fast wie bei einem Muskel, der nach zu hoher Belastung nicht mehr richtig funktioniert. Wir konnten sogar herausfinden, was genau im Gehirn da eigentlich abläuft.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Wir haben unsere Probanden in einen Magnetresonanztomografen geschoben und, während wir ihnen verschiedene Aufgaben gestellt haben, die Aktivität ihres Gehirns gemessen. Dabei zeigte sich, dass es im Wesentlichen zwei Areale gibt, die an der Selbstkontrolle beteiligt sind. Ein Areal erkennt die Situationen, in denen es sinnvoll sein könnte, das eigene Verhalten an die Gegebenheiten anzupassen. Das andere Areal hilft dabei, die entsprechenden Pläne umzusetzen – also nicht das zu tun, was man gerne machen würde, sondern das, was einem der Situation angemessen zu sein scheint. Interessant war für mich vor allem, dass die beiden Hirnareale völlig unterschiedlich auf Belastung reagieren.

Inwiefern?

Nachdem die Probanden eine Weile viel Disziplin aufbringen mussten, um die gestellten Aufgaben zu lösen, konnten wir sehen, wie die Durchblutung ihres Gehirns nachließ. Allerdings nur im sogenannten dorso-lateralen präfrontalen Cortex, der für die Umsetzung der eben genannten Pläne zuständig ist. Das andere Areal, der anteriore cinguläre Cortex, blieb weiterhin aktiv. Das bedeutet: Die Menschen erkennen zwar noch, dass Selbstkontrolle in ihrer Situation eigentlich nötig wäre, können sie aber nicht mehr in ausreichendem Maße aufbringen.

Übersetzt heißt das also: Es bringt nichts, sich gleichzeitig vorzunehmen, eine Diät zu beginnen und weniger Geld auszugeben?

Genau, ein solch ambitionierter Plan kann eigentlich nur schiefgehen.

Gilt Ihre Theorie, nach der Selbstkontrolle eine begrenzte Ressource ist, eigentlich für alle Bereiche des Lebens?

Zumindest für viele. Beispielsweise auch für den Umgang mit anderen Menschen oder für das Treffen von Entscheidungen. Letzteres scheint übrigens auch der US-Präsident zu wissen.

Sie glauben, Barack Obama kennt Ihre Studien und hat aus ihnen gelernt?

Zumindest hat er einem Journalisten, der ihn einmal gefragt hat, warum er bei offiziellen Anlässen stets nur schwarze oder blaue Anzüge trage, folgende Antwort gegeben: Wenn er schon morgens bei der Kleiderfrage anfangen müsse, sich zu entscheiden, blieben ihm im Laufe des Tages irgendwann keine Ressourcen mehr, um die wichtigen Entscheidungen zu treffen. Recht hat er!

Das heißt dann aber auch, dass ich mich davor hüten sollte, mir schon mittags in der Kantine den leckeren Nachtisch zu verwehren, wenn ich am Ende des Arbeitstages noch eine wichtige Entscheidung treffen oder ein schwieriges Gespräch mit einem ungeliebten Vorgesetzten führen muss?

Es gibt zum Glück höchst unterschiedliche Strategien, die Fähigkeit zur Selbstkontrolle zu steigern. Kurzfristig kann die Aufnahme von Zucker, vor allem von Glukose, tatsächlich helfen. Für Menschen, die abnehmen wollen, ist das aber natürlich nur eine bedingt gute Empfehlung.

Und was können diese Menschen tun?

Unsere Experimente haben zum Beispiel bewiesen, dass es hilft, einen Moment lang innezuhalten und sich auf die eigenen Werte zu besinnen. Sich klarzumachen, was einem wirklich wichtig ist im Leben, kann einen vor manch unüberlegter Tat bewahren. Darüber hinaus lässt sich Selbstkontrolle aber auch ähnlich wie ein schwacher Muskel trainieren.

Wie funktioniert das?

Es ist eigentlich gar nicht schwer: Wer immer wieder in kleinen Schritten Selbstkontrolle übt, wird merken, wie sie ihm zunehmend leichter fällt. Unserer Theorie zufolge kann eine erfolgreich absolvierte Diät dann sogar dabei helfen, anschließend überlegter mit seinem Geld umzugehen. Es ist wirklich wie im Sport: Nach einem Besuch im Fitnessstudio fühlt man sich erst einmal erschöpft. Wer dort regelmäßig trainiert, wird aber merken, wie seine Muskeln immer stärker werden. Außerdem hilft es, sich unter Menschen zu begeben, die bereits eine gute Selbstkontrolle haben.

Sie meinen, die Fähigkeit dazu ist ansteckend?

In gewisser Weise schon. Wer sich zum Beispiel das Rauchen abgewöhnen will, ist am besten da aufgehoben, wo andere Menschen ebenfalls auf Zigaretten verzichten. Es klingt banal, aber wir haben in einer in Würzburg vorgenommenen Studie zeigen können, dass der Effekt einer solchen Vermeidungsstrategie wirklich stark ist. Oft sind diszipliniert wirkende Menschen gar nicht so gut darin, Verlockungen zu widerstehen. Sie verstehen es dafür umso besser, Situationen zu vermeiden, die ungewollte Sehnsüchte heraufbeschwören.

Was genau werden Sie nun im Rahmen Ihrer Auszeichnung in Heidelberg erforschen?

Es wird dort ebenfalls in erster Linie um die Frage gehen, wie sich die Fähigkeit zur Selbstkontrolle langfristig steigern lässt. Klaus Fiedler hat dazu einige interessante Theorien aufgestellt, die ich gerne experimentell überprüfen würde. Denn eines ist sicher: Selbst wenn der Begriff der Selbstkontrolle oft negativ belegt ist, kann man von dieser Fähigkeit eigentlich gar nicht genug haben.

Interview: Anke Brodmerkel