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Kampf gegen tödliche Infektionskrankheit: Tuberkulose, ein Wort wie ein Fluch

Nur wer die langwierige Behandlung nicht abbricht, wird geheilt – doch abbrechen tun viele. In einem Dorf in den kirgisischen Bergen betreuen Krankenschwestern die Antibiotika-Einnahme.

Nur wer die langwierige Behandlung nicht abbricht, wird geheilt – doch abbrechen tun viele. In einem Dorf in den kirgisischen Bergen betreuen Krankenschwestern die Antibiotika-Einnahme.

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Helmut Wachter

In der Stadt Osch im Süden Kirgistans sitzt Doktor Hrachya Kyureghyan an seinem Schreibtisch und kämpft gegen eine Seuche, die die Welt nicht interessiert. Seit drei Tagen bestellt der Arzt Tuberkulose-Medikamente für das Jahr 2016. Am Abend zuvor hat er bis halb zehn Uhr abends Listen ausgefüllt. Es ist schwer zu sagen, wie viele Antibiotika, Schmerztabletten und Infusionen er und seine Kollegen in den kommenden Monaten brauchen werden. Denn es ist schwer zu sagen, wie viele Patienten sie haben werden. Patienten, die schwächer werden, fiebern, Blut husten. Die ahnen, dass sie schwer krank sind, aber es verdrängen, weil sie keinen Ausweg sehen. Es ist ein übermächtiger Gegner, den Doktor Hrachya sich ausgesucht hat.

Tuberkulose ist die tödlichste bakterielle Infektionskrankheit der Welt. Jedes Jahr sterben 1,5 Millionen Menschen daran. Dagegen wirkt die Bedrohung durch das Ebola-Virus klein. In Westafrika, dem Epizentrum von Ebola, sind im Jahr 2014 täglich vier Menschen an Ebola gestorben, 110 dagegen an Tuberkulose. Trotzdem spricht kaum einer darüber.

Denn noch ist Tuberkulose die Seuche der armen Bevölkerung in den Entwicklungsländern. Und noch ist sie heilbar. Aber das ändert sich. In Kirgistan, einem kleinen armen Land, eingezwängt zwischen Usbekistan und China, Tadschikistan und Kasachstan, leidet bereits jeder vierte Patient an einer resistenten Form: Ein oder mehrere Antibiotika wirken nicht mehr. Genauso wie bei Tbc-Kranken in Südafrika, Indien, China, Indonesien und in vielen anderen Ländern. Jeder vierte Kirgise reist zum Arbeiten nach Russland oder Europa. Und mit ihm reisen die aggressiven Keime.

Tödliches pelziges Stäbchen

Es sind Menschen wie Aisara Goboeva, mit denen die Katastrophe beginnt. Aus Unwissenheit. Aus Armut. Aus Pech. Nachmittags um halb drei, wenn die Sonne auf die staubigen Straßen brennt, geht Goboevas Ehemann zu dem mageren Rappen, der im Schatten grast, und massiert mit der rechten Hand das Euter, bis ein Strahl Milch in den kleinen roten Eimer spritzt. Pferdemilch gilt hier in den Dörfern als Allheilmittel, man erzählt sich wundersame Geschichten von Tuberkulosekranken, die durch Pferdemilch geheilt wurden. Fünf Mal am Tag trinkt Aisara Goboeva einen Becher. Sie möchte nicht darauf verzichten, obwohl sie inzwischen begriffen hat, dass nur Antibiotika sie noch retten können. Es war ein schmerzhafter Lernprozess.

Tuberkulose ist nicht sichtbar wie eine Schusswunde, nicht hörbar wie ein Bombeneinschlag und führt nicht so schnell zum Tod wie Ebola. Unter dem Mikroskop ist der Erreger Mycobacterium tuberculosis ein pelziges Stäbchen, das sich aus eigenem Antrieb nicht fortbewegen kann. Aber das muss es auch gar nicht. Ein Hustenanfall in einem öffentlichen Bus kann reichen; jemand, der lacht, singt oder einfach nur laut spricht. Winzige, unsichtbare Tröpfchen, eingeatmet von einem Mitfahrer, transportieren das Bakterium in dessen Lunge.

Aisara Goboeva hat keine Ahnung, wo sie sich angesteckt hat, so geht es den meisten. Jeder dritte Mensch auf der Welt ist mit Tuberkulose infiziert. Der Großteil, ohne es zu wissen. Denn so lange der Körper gesund und kräftig ist, gelingt es der Lunge, Knötchen um die Bakterien zu bilden, sodass sie sich nicht ausbreiten können. Jahrelang können die Keime im Körper schlummern. Bei 15 von 100 Infizierten bricht die Krankheit aus. Diese 15 können innerhalb eines Jahres im Durchschnitt jeweils 100 weitere Personen anstecken. Ein Backpacker, der sich in einem kirgisischen Zug ansteckt, bei dem die Krankheit ausbricht und der in eine Zürcher Tram steigt, bedeutet: Neuinfektionen in der Schweiz.

Tuberkulose gibt es seit Jahrhunderten

Vier Monate sind vergangen, seit Aisara Goboeva so schwach wurde, dass sie den Hügel zum Stall neben ihrem Wohnhaus nicht mehr hochkam, um die Hühner zu füttern. Sie hatte Fieber, fühlte sich müde, begann zu husten. Alles war genau wie vor fünf Jahren. Das Kratzen im Hals, die Appetitlosigkeit, die Kopfschmerzen. Damals hatte der Arzt im städtischen Spital ihr erklärt, sie leide an Tuberkulose und müsse neun Monate lang behandelt werden. Die Krankenschwestern nahmen ihr Blut ab, spritzten ihr Infusionen, verabreichten ihr Tabletten, und als Goboeva sich nach drei Monaten wieder gesund fühlte, ging sie nach Hause zu ihrem Ehemann, den drei Pferden, dem Hund und den Hühnern. Warum untätig herumsitzen, wenn sie doch wieder bei Kräften war?

Was sie damals nicht ahnte: Wer die Behandlung nicht bis zum Ende durchhält, macht die Krankheit stärker. Die Bakterien, die im Körper überleben, kennen nun das Antibiotikum und entwickeln einen Schutz dagegen. Jetzt muss Goboeva nicht neun Monate lang sieben Tabletten schlucken wie beim ersten Mal, sondern zwei Jahre lang elf. Nur eine Kombination verschiedener Antibiotika kann die Keime abtöten. Noch sind ihre Heilungschancen gut. Alles hängt jetzt davon ab, dass sie die Tabletten richtig einnimmt und keinen Tag auslässt. Sonst werden die Bakterien in ihrem Körper gegen ein weiteres Antibiotikum resistent, und damit würde sie nicht nur sich selbst schaden, sondern auch den Menschen, die sie möglicherweise ansteckt. Denn die erkranken nicht an einer sogenannten sensiblen, einfach zu behandelnden Tuberkulose, sondern an einer resistenten.

Doktor Hrachya spricht wenig – und wenn, dann über seine Patienten. „In meiner Heimat Armenien habe ich für die Tuberkulosekranken getan, was ich konnte, jetzt mache ich hier weiter“, sagt er. Seit einem Jahr arbeitet er in Osch, der zweitgrößten Stadt Kirgistans, als leitender Arzt für die internationale Organisation Ärzte ohne Grenzen. Es ist kein Job, der den Lebenslauf besonders schmückt. Tuberkulose gibt es seit Jahrhunderten, und wo Kirgistan genau liegt, weiß kaum jemand in Europa. Westliche Ärzte, die ins Ausland gehen, entscheiden sich eher für prestigeträchtige Einsätze wie für die Bekämpfung von Ebola, ein neues medizinisches Rätsel, das weltweit Aufmerksamkeit erregt. Doktor Hrachya hingegen hat gerade um ein weiteres Jahr verlängert. Es stört ihn nicht, dass es im Ort nicht einmal ein Kino gibt und das Essen jeden Tag gleich schmeckt – fettig und ungesalzen.

1943 gelang der medizinische Durchbruch

„Wir Armenier sind den Kirgisen ähnlich, wir mögen beide gern Fleisch und reden laut“, sagt er. Da er Russisch spricht, kann er sich mit den meisten Patienten ohne Dolmetscher verständigen. Ihn interessiert nicht, dass die World Health Organization vor einem postantibiotischen Zeitalter warnt, einer Zukunft, in der Antibiotika nicht mehr wirken werden. Ihm ist egal, wie viele Tuberkulosebakterien sich in seiner eigenen Lunge eingenistet haben – ein früherer Test hat gezeigt, dass er infiziert ist. Ihn interessiert nur jeder einzelne Patient, den er wieder gesund machen kann.

1943 war der medizinische Durchbruch gelungen: Durch die Entdeckung des Antibiotikums Streptomycin konnte die Krankheit endlich wirksam behandelt werden. Tuberkulose ist kein Virus wie Ebola, sondern ein Bakterium, deshalb kann man es mit Antibiotika vollständig heilen. Nun starben daran nur noch diejenigen, die keinen Zugang zu Arzneien hatten. Bis ins frühe 19. Jahrhundert war Tuberkulose die Seuche Europas gewesen, bekannt als „Weiße Pest“, weil die Krankheit die Haut erbleichen lässt. In England wurde 1815 einer von vier Todesfällen durch Tuberkulose verursacht.

Zwar beschrieb der deutsche Mediziner Robert Koch den Erreger schon 1882 und erhielt dafür den Nobelpreis, aber bis ein wirkungsvolles Medikament entdeckt wurde, dauerte es weitere 60 Jahre. In den Schweizer Alpen eröffnete ein Sanatorium nach dem anderen – im Glauben, frische Luft könne den blutigen Husten kurieren. In Wahrheit beschleunigte der enge Kontakt zu anderen Patienten die Krankheit noch. Im Roman „Der Zauberberg“ kann man nachlesen, wie Künstler und Intellektuelle die sogenannte Schwindsucht verklärten: „Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“, lässt Thomas Mann seinen tuberkulosekranken Helden Hans Castorp sagen. Friedrich Schiller starb an Tuberkulose, Franz Kafka, Frédéric Chopin.

Belastbare Zahlen gibt es kaum

Bis in die Siebzigerjahre waren Ärzte und Wissenschaftler überzeugt, die Tuberkulose sei ausgerottet. Dann fanden sie die ersten resistenten Stämme: Tuberkulosebakterien, die schlauer sind als die Arzneien, die sie zerstören sollen. Im Jahr 1993 erklärte die WHO die moderne Tuberkulose-Epidemie zu einem globalen Gesundheitsnotfall. Beim G7-Gipfel im Juni 2015 warnten die Staatschefs: Im Jahr 2050 könnten mehr Menschen an einer Antibiotikaresistenz sterben als an Krebs. Denn Antibiotika, eine der bedeutendsten Entdeckungen der Medizingeschichte, verlieren ihre Wirkung, nicht nur gegen Tuberkulose, sondern auch gegen die in westlichen Ländern häufig auftretenden Krankenhausinfektionen.

Während der Sowjetzeit richtete die sowjetische Regierung für jede Krankheit eine spezialisierte Klinik ein. Tuberkulosepatienten wurden meist weggesperrt. Noch immer werden im Krankenhaus von Osch, einem Plattenbau mit kaputten Fensterscheiben und braun verfärbtem Putz, nur Tuberkulosepatienten behandelt: im Erdgeschoss diejenigen mit einer sensiblen Form, im ersten Stock Patienten mit einer multiresistenten Tuberkulose, darüber die mit einer extrem resistenten Tuberkulose. Ganz oben, im vierten Stock, wird operiert.

Es gibt kein Geld für eine Herz-Lungen-Maschine, deshalb muss eine Krankenschwester während der Operation zwei bis drei Stunden lang das Herz des Patienten von Hand pumpen. Um Hygienevorschriften penibel zu befolgen, fehlen Zeit und Geld. Ein Mundschutz muss reichen, um die Krankenschwestern vor den Keimen zu schützen. Die Patienten tragen nicht einmal den, obwohl auch sie sich gegenseitig anstecken könnten.

In den Dörfern um Osch nahe der usbekischen Grenze leben die Menschen von den Gurken, Tomaten und Zwiebeln, die sie anbauen, ihren paar Hühnern oder dem Geld, das der Staat ihnen als Rente zahlt. Sie essen viel Fleisch und bewegen sich wenig. Die Winter sind kalt und feucht, die Menschen heizen mit Kohleöfen, und damit die Wärme nicht entweicht, halten sie die Fenster geschlossen – ideale Bedingungen für die Ausbreitung von Tuberkulose. In kaum einem anderen Land ist die Infektionsrate so hoch wie hier, glaubt man bei Ärzte ohne Grenzen.

Belastbare Zahlen gibt es kaum. Die Regierung hatte – wie in vielen anderen ehemaligen sowjetischen Republiken – lange kein Interesse daran, die Daten zu erfassen. Das Problem wurde ignoriert. Nun, da die Politiker auf die Hilfe ausländischer Ärzte hoffen, schnellen die Angaben in die Höhe. Weil es kaum Arbeit gibt, verlässt ein Viertel der kirgisischen Bevölkerung die Heimat und versucht sein Glück im Ausland: als Bauarbeiter in Moskau, als Kosmetikerin in Astana. Spätestens, wenn sie wegziehen, brechen diejenigen, die in Behandlung sind, ihre Therapie ab. So entstehen die Resistenzen.

Individueller Medikamentencocktail

Aisara Goboeva geht jeden Morgen eine halbe Stunde zu Fuß, manchmal fährt ihr Mann sie mit dem Auto, so- dass sie um Punkt halb elf bei der Krankenschwester im nächsten Ort erscheint, um ihre Tabletten zu schlucken. Seit Goboeva weiß, wie wichtig es ist, hat sie keinen Tag ausgelassen. Sie rührt einen Löffel Honig in ein Wasserglas, die Süße soll den metallenen Geschmack überdecken, und spült dann eine Tablette nach der anderen hinunter. Die Wirkstoffe binden sich an die Bakterien und verformen sie, sodass sie sich nicht mehr teilen und vermehren können.

In 60 Dörfern kümmert sich je eine Krankenschwester um zwei bis vier Patienten – ein Erfolg von Ärzte ohne Grenzen. Ein Mal in der Woche kommt ein Sozialarbeiter zu Besuch. Jeder Patient braucht einen individuellen Medikamentencocktail und muss täglich erscheinen, damit kontrolliert werden kann, dass er auch wirklich jede Tablette schluckt – manch einer wohnt so abgelegen, dass er eine Stunde auf dem Esel herreiten muss. Aisara Goboeva ist ein Fall, der hoffen lässt. Wenn Doktor Hrachya es sich aussuchen könnte, wären alle seine Patienten wie sie. Dann hätte er neben den beiden Ordnern „Geheilt“ und „Abgebrochen“ in seinem Büro keinen stehen mit der Aufschrift „Verstorben“.

Zwischen den Blumenrabatten im Garten der Klinik von Kara Suu, der zweiten in der Gegend, sitzt Erkebai Abramanov, 45, ausgemergelt, in einer blauen Trainingshose, auf einer Bank im Schatten. Gerade wurde er von einem anderen Krankenhaus hierher verlegt, dabei ging seine Krankenakte verloren. Bis seine Papiere auftauchen, weigert sich die Klinikverwaltung, ihn aufzunehmen. Deshalb muss er im Freien warten. Wohl auch, weil Erkebai Abramanov hier bereits bekannt ist: Warum er drei Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat, darüber erzählt er widersprüchliche Geschichten. Ein Streit im Basar kommt vor, ein geklauter Fernseher, irrtümliche Beschuldigungen. Zu sechzehnt hätten sie die Zelle geteilt, sagt er, und nur ein Mal in der Woche habe es etwas Warmes zu essen gegeben.

Die wahre Strafe war eine andere. Als er in die Freiheit entlassen wurde, hatte er Tuberkulose. Es folgte eine lange Phase der Disziplinlosigkeit. Er ging ins Krankenhaus, nahm Tabletten, hörte auf, weil ihm davon übel wurde, bekam einen Rückfall und schleppte sich wieder ins Krankenhaus. Würde Doktor Hrachya nicht an jeden seiner Patienten glauben bis zuletzt, müsste er sich eingestehen: Es gibt wenig Hoffnung.

Blutgefüllte, durchlöcherte Lunge

Abramanov blüht nun das gleiche Schicksal wie vor 100 Jahren den Kranken in Thomas Manns „Zauberberg“: Obwohl im Vergleich zu früher in bester ärztlicher Behandlung, mit modernen Arzneien, könnte die Tuberkulose für ihn tödlich enden. Auf den Röntgenbildern sieht man, dass sich die resistenten Bakterien in seinem Körper ausgebreitet und die Lymphknoten, den Darm, die Niere, die Harnwege und das Nervensystem beschädigt haben. Abramanov wird immer dünner und schwächer, es ist ein qualvoller Tod, der ihn erwartet: Die Erreger durchlöchern seine Lunge, die sich mit Blut füllt, bis er daran ersticken wird. Wie vor 100 Jahren kann ihm dann kein verfügbares Medikament mehr helfen.

5338 Kilometer westlich von Kara Suu sitzt Marc Gitzinger im dritten Stock des Technologieparks Basel, einem modernen Gebäude aus Glas und Stahl, und sagt: „Die Entwicklung neuer Antibiotika wurde verschlafen, das kann man so sagen.“ Gitzinger, 34 Jahre alt, hat Biologie und Biotechnologie studiert und vor fünf Jahren ein Start-up gegründet, das sich zum Ziel gesetzt hat, Antibiotika, die bereits auf dem Markt sind, zu erhalten. Sein Team arbeitet an Molekülen, welche die Resistenz gegen die Medikamente blockieren, sodass diese auch Bakterien wieder abtöten können, die gegen die Antibiotika schon unempfindlich geworden waren. Es wäre eine Revolution. Statt ein neues Medikament zu entwickeln, werden die existierenden wieder fit gemacht. Gitzinger und seine Kollegen sind noch in der Forschungsperiode, in 18 Monaten könnte die erste klinische Phase beginnen. Bis das Medikament auf den Markt kommt, wird es mindestens fünf weitere Jahre dauern. Es ist ein Wettlauf.

Für das junge Unternehmen BioVersys ist es nicht einfach, die Forschung an den Tuberkulosekeimen zu finanzieren. Dreimal hätte Gitzinger das Projekt in den vergangenen fünf Jahren schon fast beerdigen müssen, weil das Geld fehlte. Obwohl die Resistenzen bei Tuberkulose sich weltweit ausbreiten, wird immer weniger investiert. Die Europäische Kommission hat mit dem Start des Forschungsförderungsprogramms Horizon 2020 im vergangenen Jahr die Finanzierung von Tuberkulose-Frühforschung gestoppt. Der Pharmakonzern Novartis hat im selben Jahr die Tuberkuloseforschung an seinem Forschungsinstitut in Singapur eingestellt, und der Konkurrent AstraZeneca hat ebenfalls 2014 sein indisches Forschungsinstitut, in dem unter anderem an Tuberkulose geforscht wurde, aufgegeben.

Jeder dritte Mensch auf der Welt trägt Erreger in sich

Gitzinger kritisiert nicht die Pharmaindustrie, er ist selbst Teil davon, sein junges Unternehmen wird von großen Firmen unterstützt. Wer aber soll neue Medikamente entwickeln, wenn nicht die Forschungsabteilungen der Konzerne? Gitzinger findet, die Anreize seien falsch gesetzt. „Für Antibiotika kann man keinen hohen Preis verlangen, und wenn der Patient sie richtig einnimmt und sie wirken, ist er bei den meisten Krankheiten nach zwei Wochen, bei Tuberkulose nach spätestens zwei Jahren geheilt. Anders bei Krebs oder Diabetes: Die Arzneien kosten ein Vielfaches und müssen zum Teil ein Leben lang eingenommen werden“, sagt er. „Leider ist die Entwicklung eines neuen Tuberkulosemedikaments genauso teuer wie die eines Krebsmittels, aber die Kosten können mit den späteren Einnahmen kaum finanziert werden.“ Weil die Medikamente jedoch dringend gebraucht werden, müsse der Staat eingreifen, findet Gitzinger. So könnten Firmen, die neue Antibiotika gegen Tuberkulose entwickeln, dafür bei lukrativeren Medikamenten einen längeren Patentschutz erhalten.

„Noch denken wir, Tuberkulose sei ein Problem von Entwicklungsländern“, sagt Marc Gitzinger. „Aber die Krankheit bricht dann aus, wenn das Immunsystem geschwächt ist. Jeder dritte Mensch auf der Welt trägt den Erreger in sich, und deshalb steigt auch in unserer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden und sich öfter operieren lassen, die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten.“

Pro Jahr erkranken in Deutschland über 4000 Menschen an Tuberkulose, das Robert-Koch-Institut registriert einen leichten Anstieg der Zahlen. Tuberkulose fällt unter die biologische Schutzstufe 3: hoch ansteckend. Danach kommt nur noch Schutzstufe 4, die gilt für Ebola, das Virus ist noch ansteckender. In den vier Büros und 120 Quadratmetern Labor, die Gitzinger und seine Kollegen im Technologiepark Basel angemietet haben, können sie die Sicherheitsvorschriften nicht gewährleisten, deshalb wird das Tuberkulosebakterium an einem dafür ausgerüsteten Institut in Frankreich untersucht: eine Schleuse mit zwei gegeneinander verriegelbaren Türen, Schutzkleidung, keine Fenster, Filter für die Lüftung. Alle Mitarbeiter müssen ein Mal im Jahr ihre Lunge röntgen lassen.

Kampf gegen Krankheit und Angst

Doktor Hrachya, der auch in Kara Suu Patienten betreut, legt Erkebai Abramanov die Hand auf die Schulter. „Du weißt, das ist jetzt deine letzte Chance.“ Abramanov nickt, aber wie groß seine Motivation ist, die Tabletten künftig zu schlucken, ist schwer zu sagen. Wieder und wieder haben die Ärzte und Sozialarbeiter ihm erklärt, warum die Therapie so lange dauert, weshalb er sie nicht abbrechen darf, wie ansteckend er ist. Sie haben in seiner Wohnung eine neue Wand eingebaut, ihm verboten, mit seiner Frau in einem Bett zu schlafen.

Immer wieder kriegt er Wutanfälle, schreit und tobt, macht die Ärzte für seine Bauchschmerzen verantwortlich. Eine Sozialarbeiterin hat sich geweigert, ihn zu betreuen, nachdem er gedroht hat, sie anzuspucken. Heute, auf dem Weg ins Krankenhaus, hat er seine Familie besucht und seine beiden kleinen Töchter in den Arm genommen, sagt er – ohne Mundschutz. Wenn er noch an irgendetwas glaubt, dann an Abdullah, den Sohn des Propheten Mohammed, dessen Namen er sich auf den Unterarm tätowieren ließ.

Die Krankheit ist nicht der einzige Feind, gegen den Doktor Hrachya und seine Kollegen kämpfen. Der zweite ist die Angst. Obwohl die Arbeitslosigkeit in Kirgistan hoch ist, lassen sich nur mit Mühe einheimische Krankenschwestern finden. Die Gefahr, sich anzustecken, ist hoch, wenn man jeden Tag Blut- und Speichelproben untersucht; der Verdienst klein. Kürzlich wurde ein Arzt dabei erwischt, wie er die Medikamente an seine Patienten verkaufte, anstatt sie gratis abzugeben. Die meisten Schwestern wurden in der Sowjetzeit ausgebildet und gehen bald in Rente, jüngere folgen kaum nach.

Wehe, es hustet jemand

Tuberkulose, ein Wort wie ein Fluch. Wenn jemand hustet, weichen die Menschen zurück. „Bei anderen Krankheiten bittet der Patient den Arzt, ihn zu behandeln. Bei Tuberkulose ist es umgekehrt: Wir müssen die Patienten überreden, zu uns zu kommen“, sagt Doktor Hrachya. Die Mutter einer Patientin lehnte die Behandlung ab. „Mir ist lieber, eine Tochter stirbt, als dass keines meiner Kinder mehr einen Partner findet“, sagte sie. Das Stigma erfasst ganze Familien. Viele Patienten verlieren ihren Job, wenn die Diagnose bekanntwird. Aisara Goboeva traut sich nicht mehr, den Dorfladen zu betreten, weil sie feindselige Blicke und böse Worte fürchtet.

2012 ist ein neues Antibiotikum gegen Tuberkulose auf den Markt gekommen – das erste seit 50 Jahren. Es allein kann die Krankheit nicht heilen, aber in Kombination mit anderen Präparaten kann es helfen. Die Ärzte setzen große Hoffnung auf Bedaquilin. In Bordeaux liegen Tabletten für 30 Patienten für ein Jahr abgepackt zum Verschicken bereit. Aber die kirgisische Regierung erlaubt die Einfuhr nicht. Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen haben einen Brief an das Gesundheitsministerium in der Hauptstadt Bischkek geschrieben, mit der Bitte, das Antibiotikum zuzulassen.

Bis jetzt haben sie keine Antwort erhalten. Die zuständige Mitarbeiterin sitzt in einem stickigen Büro voller Aktenordner und sagt: „Wir arbeiten an der Registrierung der Medikamente.“ Für die kirgisischen Firmen ist es besser, wenn keine ausländischen Medikamente importiert werden, zu viel Konkurrenz. Vielleicht ist die Beamtin bestochen worden; so werden viele Angelegenheiten hier geregelt. Vielleicht dauern die Entscheidungswege im Gesundheitsministerium auch einfach nur sehr lange. Zu lange für Erkebai Abramanov.


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