blz_logo12,9

Kanak Sprak: Kiezdeutsch erobert Berlin

Kiezdeutsch in Berlín: „Ich muss erst Späti, Kippen holen.“

Kiezdeutsch in Berlín: „Ich muss erst Späti, Kippen holen.“

Foto:

Imago/Müller-Stauffenberg

Eine Dissertation an der Technischen Universität (TU) Berlin mit dem Titel „Gehst du Bahnhof oder bist du mit Auto? Wie aus einem sozialen Stil Berliner Umgangssprache wird“ kommt zu dem Ergebnis, dass die sogenannte Kanak Sprak zum Standard in der Berliner Umgangssprache werden kann. Für ihre Arbeit hat die Soziolinguistin Diana Marossek jetzt den Deutschen Studienpreis der Hamburger Körber-Stiftung erhalten.

Über das sogenannte Kiezdeutsch ist schon viel geschrieben worden. Wohl fast jeder kennt inzwischen den Ausdruck „Ich mach disch urban“ für: „Ich schlag’ dich krankenhausreif“. Mit ihrer Arbeit wollte Diana Marossek nun herausfinden, wer den Jargon überhaupt nutzt, warum sich Jugendliche seiner bedienen und ob er auf Dauer in die Berliner Umgangssprache einfließen könnte. Sie recherchierte an 30 Berliner Schulen und beobachtete in 75 Unterrichtsstunden 1395 Schülerinnen und Schüler im Alter von 13 bis 17 Jahren. Dabei gab sie sich als Referendarin aus.

Artikel werden weggelassen

Als besonders charakteristisch sieht die Autorin „das Weglassen der Artikel und der Präpositionen“ an: „Kommst du mit Klo?“, „Ich war Fußball“ oder „Ich muss erst Späti, Kippen holen“.

Diana Marossek erklärt dies unter anderem damit, dass die türkische Sprache Artikel und Präpositionen nicht kenne. „Um aber erklären zu können, warum bei Schülern, deren Muttersprache Deutsch ist, dieser Fehler auch auftritt, habe ich mir das Phänomen der Jugendsprache angesehen“, sagt sie. Diese diene dazu, sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen. „Das in den Medien vermittelte Bild des Jugendlichen aus dem Migrationsmilieu, der cool und laut ist und eine gewisse Gesetzlosigkeit verkörpert, ist ein attraktives Bild für Jugendliche deutscher Herkunft in ihrer Selbstfindungsphase.“

Neben Umgangsformen werde dann eben auch der Sprachstil übernommen. Doch nach Auffassung der Autorin wirke zugleich der Berliner Sprachstil. Auch hier sei das Weglassen des Artikels („Bist du auf Arbeit? Ich bin mit Auto“) typisch. Für die TU-Wissenschaftlerin ist das ein weiterer Faktor, der die Ausbreitung des Kiezdeutschs begünstigt.

Reduzierte Syntax wird sozialisiert

Dennoch gibt es Unterschiede. Diana Marossek ist auf das Phänomen des Weglassens der Artikel und Präpositionen zwar an allen 30 Schulen gestoßen, aber vorwiegend taucht es an Haupt- und Realschulen in den westlichen Bezirken auf. Von deutschen Schülern wird es dort unter anderem genutzt, um sich im Umfeld von Jugendlichen mit türkischem oder arabischem Hintergrund zu profilieren oder diese spielerisch abzuwerten.

Für Ost-Berliner Schulen konstatiert die 30-jährige Soziolinguistin einen stärkeren Gebrauch des Berlinischen, gepaart mit einem ganz selbstverständlichen Beimischen sogenannter ethnolektaler Formen. Sätze klingen dann so: „Hast du Edding?“, „Alex, du Spast, gehst du wieder heimlich Plus?“, „Klar, man. Hinterher geh ich wieder Döner“. Oder: „Muss ich Quark Kirschen tun oder Kirschen Quark?“ Für Marossek ist das ein Indiz dafür, dass die reduzierte Syntax Eingang in die Berliner Alltagssprache findet, sozusagen sozialisiert wird. Die ebenfalls verkürzte Syntax des Berlinischen begünstige diesen Prozess. (BLZ)