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Klimaphänomen El Niño: Heftige Grüße vom Christkind

Eine große Dürre löste der Jahrhundert-El-Niño 1997/98 auch in Papua-Neuguinea aus. Australien schickte Hilfssendungen, unter anderem Reis.

Eine große Dürre löste der Jahrhundert-El-Niño 1997/98 auch in Papua-Neuguinea aus. Australien schickte Hilfssendungen, unter anderem Reis.

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Reuters

Die Bilder sind bedrückend. Seit Monaten hat es im Norden Kolumbiens nicht mehr geregnet. Wo sonst Plantagen mit tropischen Früchten prangen, brechen die Böden vor Trockenheit auf. Auch in anderen Regionen der Hemisphäre herrscht Dürre. In Brasilien bedroht sie die Zuckerrohrernte, in der Karibik lässt sie Kaffeesträucher verdorren. Die nationalen Medien machen das Klimaphänomen El Niño dafür verantwortlich. Auch Wissenschaftler weltweit, wie der Deutsche Wetterdienst, sagten für 2014/2015 ein starkes El-Niño-Ereignis voraus.

Die Wiege von El Niño liegt im tropischen Pazifik. Normalerweise streifen kräftige Passatwinde über den riesigen Ozean und drücken warmes Wasser von den Küsten Südamerikas in Richtung Asien und Australien. Die Folge: Regen in Asien und Trockenheit an den Küsten Chiles und Perus. Wie ein Sog wird dort kaltes Wasser aus der Tiefe gezogen, das nährstoffreiches Plankton mit sich bringt. Deshalb zählen die pazifischen Küstengewässer Südamerikas zu den fischreichsten der Welt.

Einfluss auf die globale Wetterlage

Doch alle paar Jahre ändern sich die Zustände. Dann erschlaffen die Passatwinde, das Wasser erwärmt sich vor Südamerika, die Fischgründe schwinden. Da die Armut an marinem Leben am stärksten um Weihnachten herum zu beobachten ist, haben peruanische Fischer das Phänomen nach dem Christkind benannt: El Niño. Die Auswirkungen sind aber wenig weihnachtlich. Denn in der Atmosphäre über dem warmen Ozean kondensieren enorme Wassermengen, die vom heißen südamerikanischen Land angezogen werden und dort sintflutartig als Regen niedergehen. Die Folgen sind heftige Überschwemmungen. Auf der anderen Seite des Pazifiks dreht das Wetter ebenfalls. Statt Regen herrscht in Südostasien und Australien nun Dürre, die für Missernten sorgen kann.

El Niño hat aber nicht nur auf den Pazifik Einfluss, sondern bringt die gesamte globale Wetterlage durcheinander. Dürre in Brasilien geht mit milden feuchten Wintern in Kanada und Frost in Florida einher. Nordeuropa kann feuchte, schneereiche Winter bekommen. Außerdem werden tropische Pazifikstürme wie Taifune verstärkt. Mäßigend wirkt El Niño auf die Entstehung von Hurrikanes ein. Denn der Ort ihrer Wiege im tropischen Atlantik wird durch die veränderten Temperaturen über dem Pazifik beeinflusst. Er kühlt sich durch Luftaustausch mit der pazifischen Atmosphäre ab.

Laut dem US-Wettervoraussagezentrum NOAA liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es im Winter 2014/2015 zu unerwünschten El-Niño-Gaben kommen wird, bei 60 bis 65 Prozent. Im Frühsommer hatte die Weltmeteorologen-Organisation WMO noch zu 80 Prozent damit gerechnet. „Die Oberflächentemperatur des Ozeans stieg bis zum Frühjahr so stark an, dass die Modelle einen starken El Nino erwarten ließen“, erklärt Mojib Latif, Meeresforscher am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung (Geomar) in Kiel. „Doch im Sommer kühlte sich das Wasser überraschend deutlich ab. Erst zuletzt sind die Temperaturen wieder angestiegen.“

Die Wissenschaftler rätseln über die Gründe. Die Forscher vom Geomar haben eine Theorie. „Es gibt im Atlantik so etwas wie einen kleinen Bruder von El Niño, der in diesem Sommer besonders stark war“, sagt Latif. Über Winde und die Zirkulation in der Atmosphäre sei es zu einem Wärmetransport vom Atlantik zum Pazifik gekommen, der die Temperaturunterschiede im Pazifik ausgeglichen habe. „Der atlantische El Niño ist mit drei Monaten relativ kurzlebig. Jetzt, wo er versiegt, steigen auch die Temperaturdifferenzen im Pazifik wieder.“

Wärmestau in den Ozeanen

Ursprünglich warnten die Experten vor einem Jahrhundertereignis, wie es zuletzt 1997/98 auftrat. Damals suchten extreme Überschwemmungen vor allem Südamerika heim. 23 000 Menschen kamen ums Leben. Alle Modelle zeigen, dass es in diesem Jahr zwar einen El Niño geben wird, aber nicht so stark wie befürchtet. Die Trockenheit in Lateinamerika habe andere Gründe, sagt Latif.

Dass der Klimawandel am El-Niño-Phänomen Schuld ist, wird von Forschern eher verneint. Historische Funde in Lateinamerika legen nahe, dass es schon vor der spanischen Eroberung bekannt war. Einfluss habe der Klimawandel aber in jedem Fall, sagt Latif „Die Meere nehmen wesentlich mehr Energie auf als das Land und die Atmosphäre.“ Über 90 Prozent der Energie, die bisher von den Treibhausgasemissionen freigesetzt wurde, sei von den Meeren absorbiert worden. Lediglich drei Prozent hätten zur Erwärmung der Atmosphäre beigetragen.

Die Ozeane hätten sich so in den letzten Jahrzehnten bis in eine Tiefe von 2 000 Metern erwärmt, der Meeresspiegel sei im Schnitt um 20 Zentimeter angestiegen. Am stärksten sei der Anstieg in der Südsee zu beobachten. Künftig könne das den Auftritt von El Niño in zweierlei Weise beeinflussen. „Es ist möglich, dass bei der fortgesetzten Erwärmung der Ozeane die Temperaturunterschiede im Pazifik abnehmen und El Niño damit einschläft.“ Es könne aber auch das Gegenteil passieren, dass nämlich die Passatwinde zunehmen und damit die Temperaturunterschiede steigen – ein Phänomen, das heute schon alle paar Jahre abwechselnd zu El Niño auftritt und La Niña (das Mädchen) genannt wird.

Eine seriöse Prognose wie El Niño und La Niña sich künftig verhalten werden, sei nicht möglich, so Latif. „Das kann die Wissenschaft nicht beantworten, wohl aber, dass die zunehmende Erwärmung der Ozeane noch weitreichende Folgen haben wird. Zu den stärksten zählt die Versauerung der Meere, die zum Beispiel die Kalkformationen der Korallen angreift“.