blz_logo12,9

Krebskongress: „80 Prozent der Kinder können wir heilen“

Neuer Inhalt

Die Heilungschancen bei krebskranken Kindern stehen gut.

Foto:

imago

Vier Tage lang dreht sich im Berliner City Cube alles um das Thema Krebs. An diesem Mittwoch wird dort der 32. Deutsche Krebskongress eröffnet. Es ist der größte und älteste onkologische Fachkongress hierzulande. Gut 10.000 Experten werden erwartet. Kongresspräsidentin ist die Charité-Medizinerin Angelika Eggert. Als Expertin für Tumore bei Kindern ist es ihr vorrangiges Ziel, die Heilungschancen krebskranker Kinder zu erhöhen. Dabei hat sie die Erfahrung gemacht, dass Kinder eine eher uninteressante Zielgruppe für die Pharmaindustrie sind.

Frau Professor Eggert, jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 2 000 Kinder an Krebs. Welches sind die häufigsten Tumorarten im Kindesalter?

Besonders oft finden wir Leukämien und Lymphome, also Blut- und Lymphdrüsenkrebs, sowie Gehirntumore und embryonale Tumore, zu denen beispielsweise das Neuroblastom zählt. Letztere haben ihren Ursprung in der Embryonalzeit und kommen nur bei Kindern vor. Etwa 95 Prozent aller Patienten, bei denen ein Neuroblastom diagnostiziert wird, sind jünger als sechs Jahre.

Ist Krebs bei Kindern gefährlicher als bei Erwachsenen?

Nicht unbedingt. Zwar ist er oft besonders aggressiv, weswegen wir bei Kindern, sobald der Tumor erkannt ist, schnellstmöglich mit einer Chemotherapie beginnen müssen. Auf der anderen Seite sprechen solche schnell wachsenden Tumore besonders gut auf die Chemotherapie an. Hinzu kommt, dass wir bei Kindern, deren Organe in der Regel ja noch gesund sind, den Krebs viel radikaler bekämpfen können. Mit Dosierungen, wie wir sie bei Kindern vornehmen, würden wir so manchen erwachsenen Patienten töten.

Wie groß sind die Heilungschancen?

Mit den drei klassischen Säulen der Krebsbehandlung – Operation, Bestrahlung, Chemotherapie – können wir inzwischen mehr als 80 Prozent der Kinder dauerhaft heilen. Nun müssen wir uns verstärkt um die restlichen 20 Prozent bemühen.

Welche Ansätze verfolgen Sie dabei?

Die Charité und das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg haben Ende 2014 gemeinsam das Inform-Projekt gestartet. Inform steht für Individualisierte Therapie für Rückfälle von bösartigen Tumoren bei Kindern. Kindern, bei denen der Krebs zurückkehrt, wollen wir mit diesem Projekt möglichst eine zweite Chance geben, ihre Krankheit zu besiegen.

Worin besteht diese zweite Chance genau?

Wir untersuchen zunächst das Tumorgewebe der Kinder molekulargenetisch und prüfen, ob es bereits Medikamente gibt, die sich spezifisch gegen die molekularen Besonderheiten ihres Tumors richten. Die Studie steht deutschlandweit allen Kindern mit einem Rückfall und einer schlechten Prognose offen. Geschätzt sind das pro Jahr zwischen 400 und 500 Kinder. Da dieser erste Teil der Studie sich über zwei Jahre erstreckt, gehen wir von mindestens 800 Kindern aus.

Und was passiert im zweiten Teil der Studie?

Kinder, bei denen wir aufgrund der Laboranalysen glauben, dass sie von einem spezifisch wirkenden Medikament profitieren könnten, sollen dieses Mittel natürlich auch im Rahmen einer klinischen Studie erhalten. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass für etwa die Hälfte aller Kinder eine solche Arznei existiert. Doch der Beweis, dass die Patienten damit länger leben, steht ja noch aus. Die Finanzierung dieses zweiten Teils der Studie ist zunächst für drei Jahre gesichert.

Warum kamen tumorspezifische Medikamente bislang vor allem bei Erwachsenen zum Einsatz?

Krebskranke Kinder sind für die Pharmaindustrie leider eine eher uninteressante Zielgruppe. Zum einen, weil sie sehr viel seltener als Erwachsene Tumore entwickeln, die Firmen also weniger Medikamente verkaufen können. Zum anderen ist es für das Marketing eines Unternehmens ganz besonders schlecht, wenn es bei Kindern zu unerwarteten Nebenwirkungen kommt. Künftig werden unsere jungen Patienten aber sicherlich auch verstärkt von spezifisch wirkenden Medikamenten profitieren.

Was macht Sie da so sicher?

Bisher dürfen die Pharmafirmen bei der Medikamentenzulassung auf Kinderstudien verzichten, sofern ihr Mittel gegen eine Krebsart wirkt, an der Kinder nicht erkranken. Dadurch können die Kinder nicht von neuen Entwicklungen aus der Erwachsenenmedizin profitieren, selbst wenn ihr Tumor ein ähnliches molekulares Profil zeigt. In den USA jedoch werden die Hersteller vom kommenden Jahr an beweisen müssen, dass die molekulare Struktur, die das Medikament angreift, bei kindlichen Krebserkrankungen nicht vorkommt – ansonsten sind Kinderstudien erforderlich. Europa wird diesem Beispiel sicherlich folgen.

Könnten spezifisch wirkende Medikamente eines Tages die belastenden Chemo- und Strahlentherapien vollständig ersetzen – auch um Spätfolgen wie eine verminderte Fruchtbarkeit, hormonelle Störungen oder eingeschränkte Organfunktionen zu reduzieren?

Von einem solchen Szenario sind wir noch mindestens zehn bis zwanzig Jahre entfernt. Solange wir mit den klassischen Therapien eine Heilungsrate von mehr als 80 Prozent erzielen, macht es ja auch wenig Sinn, die Behandlungsstrategie komplett zu ändern. Hinzu kommt, dass die Tumorzellen sich auch gegen zielgerichtete Arzneien wehren werden. Wir Mediziner werden dann, ähnlich wie bei der Chemotherapie in den Siebziger- und Achtzigerjahren, herausfinden müssen, wie wir moderne Medikamente geschickt miteinander kombinieren, um Resistenzen zu verhindern. Für vorrangig halte ich es daher zurzeit, die Nachsorge zu verbessern.

Was muss in dieser Hinsicht geschehen?

In Deutschland leben rund 30.000 Menschen, die eine kindliche Krebserkrankung überstanden haben, aber noch immer mit den Spätfolgen kämpfen. Neben den genannten Folgen sind etwa auch psychische Probleme nicht zu vernachlässigen. Noch gibt es für die Überlebenden keine zentrale Anlaufstelle, wo sich kompetente Ärzte umfassend um sie kümmern. Das müssen wir ändern. In Berlin wollen wir daher sehr bald eine Survivor-Sprechstunde anbieten.

Welchen Stellenwert haben Tumorerkrankungen bei Kindern auf dem Krebskongress?

Mit mir als Kongresspräsidentin natürlich einen hohen: Insgesamt wird es mehr als 40 Vorträge zu kindlichen Krebsleiden geben. Vieles daraus wird aber auch für die Behandlung von Erwachsenen interessant sein.

Welche weiteren wichtigen Themen warten auf die rund 10.000 Besucher?

Eine Vielzahl der Veranstaltungen wird sich der Immuntherapie widmen. Hier herrscht derzeit eine Aufbruchstimmung, wie wir sie zuletzt in den Sechzigerjahren erlebt haben, als man die Chemotherapie entwickelte. In diesem Bereich kommen sicherlich noch spannende Zeiten auf uns zu.

Auf welche Erfolge kann man bereits zurückblicken?

Schon länger erzielen wir recht gute Ergebnisse mit Antikörpern. Ein bekanntes Beispiel ist Herceptin, das die Heilungschancen von Brustkrebs deutlich verbessert hat. Noch recht neu sind die Check-Point-Inhibitoren, mit denen sich beispielsweise Lungen- und Hautkrebs behandeln lassen. Diese Mittel lösen eine Bremse im Immunsystem, so dass andere Arzneien besser wirken können. Auch mit der Immunzelltherapie sind wir auf einem guten Weg, etwa bei der Behandlung von Leukämien und Lymphomen.

Wie funktioniert diese Therapieform?

Den Patienten werden Immunzellen entnommen, die im Labor scharf gemacht und anschließend ins Blut zurück injiziert werden. Von dort aus greifen sie die Tumorzellen an. Leider funktioniert die Methode bei soliden Tumoren – anders als bei Leukämien – noch nicht so gut wie ursprünglich erhofft.

Was ist Ihr Ziel für die Kongresstage?

Ich hoffe auf einen regen Austausch. Mein Ziel ist es, dass wir alle, Wissenschaftler, Ärzte sowie Experten für die einzelnen Krebsarten, ein bisschen näher aneinanderrücken. Davon werden die Patienten letztendlich am meisten profitieren.

Das Gespräch führte Anke Brodmerkel.