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Krebsthearpie: Gefährliche Schläfer

Das Foto zeigt eine Brustkrebszelle der Brustkrebszelllinie mcf7.

Das Foto zeigt eine Brustkrebszelle der Brustkrebszelllinie mcf7.

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dpa

Herakles gab alles. Furchtlos trat er der neunköpfigen Wasserschlange entgegen. Doch kaum hatte er Hydra einen Kopf zerschmettert, wuchsen dem Ungeheuer zwei neue nach.

Der Kampf gegen Krebs erinnert zuweilen an diese Episode der griechischen Mythologie: Selbst wenn es Ärzten gelungen ist, einen Tumor zu zerstören, entstehen dort oder an anderer Stelle oft neue Geschwulste – manchmal noch Jahre nach der Therapie.

Warum das so ist, war lange unklar. Erst im Jahr 1997 stellten kanadische Forscher die These auf, dass entartete Stammzellen, die mitunter jahrelang ruhend im Körper verharren, einen Tumor wachsen und sich ausbreiten lassen.

Inzwischen sind viele Mediziner der Ansicht, dass es für eine dauerhaft erfolgreiche Krebstherapie nötig sein wird, diese Stammzellen gezielt zu zerstören. Behandlungen, die sich gegen Krebsstammzellen richten, waren daher diese Woche auch ein Thema auf dem Deutschen Krebskongress in Berlin.

Einen ersten Erfolg stellte Hinrich Abken von der Universitätsklinik Köln vor. Er und sein Team hatten einen 74-jährigen Patienten behandelt, der an Schwarzem Hautkrebs litt. Operationen und Chemotherapien hatten das Fortschreiten der Krankheit nicht verhindern können; diverse Hautpartien und die Lymphknoten waren von Metastasen befallen.

Vergangenes Frühjahr unternahmen Abken und seine Kollegen vom Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) in Köln einen letzten Versuch, das Leben des Mannes zu retten – mit einem Mittel namens Rituximab, das eigentlich gegen Lymphdrüsenkrebs helfen soll. Das Präparat gilt als gut verträglich, da es bei den meisten Patienten nur vorübergehende grippeähnliche Symptome hervorruft. Es enthält Antikörper, die sich gegen bestimmte Oberflächenstrukturen von Zellen namens CD20 richten.

Masterzellen steuern den Tumor

Zuvor hatten die Forscher in Versuchen an Mäusen herausgefunden, dass auch Stammzellen im Schwarzen Hautkrebs diese Strukturen tragen. „Wir nennen diese Zellen Masterzellen“, sagt Abken. „Denn obwohl sie nur etwa ein Prozent der Tumormasse ausmachen, scheinen sie das Wachstum des Tumors zu steuern.“

Abken und sein Team entwickelten eine Theorie. Womöglich, so spekulierten sie, reiche es ja aus, die Masterzellen zu zerstören und die restlichen 99 Prozent der Krebszellen zu ignorieren. Bislang hatten Mediziner stets das umgekehrte Zahlenverhältnis angestrebt: Ein Krebskranker galt als geheilt, wenn 99 Prozent seiner Tumorzellen verschwunden waren.

Ein halbes Jahr lang erhielt Abkens Patient eine niedrig dosierte Therapie mit Rituximab. Die Ärzte spritzten ihm den Antikörper in wöchentlichen Abständen in die erkrankten Hautstellen. Kurz vor Weihnachten erhielt der Mann die frohe Botschaft, dass fast sämtliche Krebszellen aus seinem Körper verschwunden waren. Nur eine Metastase war noch vorhanden, doch auch sie hatte sich verkleinert und wurde operativ entfernt. „Dieses Ergebnis deutet auf ein völlig neues Verständnis in der Krebstherapie hin“, sagt Abken. „Künftig werden wir berücksichtigen müssen, welche Tumorzellen wir zerstören.“

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