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Berliner Zeitung | Krebsthearpie: Gefährliche Schläfer
25. February 2012
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Krebsthearpie: Gefährliche Schläfer

Das Foto zeigt eine Brustkrebszelle der Brustkrebszelllinie mcf7.

Das Foto zeigt eine Brustkrebszelle der Brustkrebszelllinie mcf7.

Foto:

dpa

Herakles gab alles. Furchtlos trat er der neunköpfigen Wasserschlange entgegen. Doch kaum hatte er Hydra einen Kopf zerschmettert, wuchsen dem Ungeheuer zwei neue nach.

Der Kampf gegen Krebs erinnert zuweilen an diese Episode der griechischen Mythologie: Selbst wenn es Ärzten gelungen ist, einen Tumor zu zerstören, entstehen dort oder an anderer Stelle oft neue Geschwulste – manchmal noch Jahre nach der Therapie.

Warum das so ist, war lange unklar. Erst im Jahr 1997 stellten kanadische Forscher die These auf, dass entartete Stammzellen, die mitunter jahrelang ruhend im Körper verharren, einen Tumor wachsen und sich ausbreiten lassen.

Inzwischen sind viele Mediziner der Ansicht, dass es für eine dauerhaft erfolgreiche Krebstherapie nötig sein wird, diese Stammzellen gezielt zu zerstören. Behandlungen, die sich gegen Krebsstammzellen richten, waren daher diese Woche auch ein Thema auf dem Deutschen Krebskongress in Berlin.

Einen ersten Erfolg stellte Hinrich Abken von der Universitätsklinik Köln vor. Er und sein Team hatten einen 74-jährigen Patienten behandelt, der an Schwarzem Hautkrebs litt. Operationen und Chemotherapien hatten das Fortschreiten der Krankheit nicht verhindern können; diverse Hautpartien und die Lymphknoten waren von Metastasen befallen.

Vergangenes Frühjahr unternahmen Abken und seine Kollegen vom Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) in Köln einen letzten Versuch, das Leben des Mannes zu retten – mit einem Mittel namens Rituximab, das eigentlich gegen Lymphdrüsenkrebs helfen soll. Das Präparat gilt als gut verträglich, da es bei den meisten Patienten nur vorübergehende grippeähnliche Symptome hervorruft. Es enthält Antikörper, die sich gegen bestimmte Oberflächenstrukturen von Zellen namens CD20 richten.

Masterzellen steuern den Tumor

Zuvor hatten die Forscher in Versuchen an Mäusen herausgefunden, dass auch Stammzellen im Schwarzen Hautkrebs diese Strukturen tragen. „Wir nennen diese Zellen Masterzellen“, sagt Abken. „Denn obwohl sie nur etwa ein Prozent der Tumormasse ausmachen, scheinen sie das Wachstum des Tumors zu steuern.“

Abken und sein Team entwickelten eine Theorie. Womöglich, so spekulierten sie, reiche es ja aus, die Masterzellen zu zerstören und die restlichen 99 Prozent der Krebszellen zu ignorieren. Bislang hatten Mediziner stets das umgekehrte Zahlenverhältnis angestrebt: Ein Krebskranker galt als geheilt, wenn 99 Prozent seiner Tumorzellen verschwunden waren.

Ein halbes Jahr lang erhielt Abkens Patient eine niedrig dosierte Therapie mit Rituximab. Die Ärzte spritzten ihm den Antikörper in wöchentlichen Abständen in die erkrankten Hautstellen. Kurz vor Weihnachten erhielt der Mann die frohe Botschaft, dass fast sämtliche Krebszellen aus seinem Körper verschwunden waren. Nur eine Metastase war noch vorhanden, doch auch sie hatte sich verkleinert und wurde operativ entfernt. „Dieses Ergebnis deutet auf ein völlig neues Verständnis in der Krebstherapie hin“, sagt Abken. „Künftig werden wir berücksichtigen müssen, welche Tumorzellen wir zerstören.“

Der Mediziner, der seine Ergebnisse in dem im Internet frei zugänglichen Fachblatt Oncotarget veröffentlicht hat, will jetzt noch zwei weitere Hautkrebspatienten mit Rituximab behandeln. Erweist sich der neue Ansatz auch bei ihnen als erfolgreich, möchte er eine größere Studie starten. „In ihr könnten wir beispielsweise untersuchen, ob es sinnvoller ist, den Antikörper lokal zu spritzen oder ihn systemisch zu verabreichen, so dass er im ganzen Körper wirkt“, sagt Abken.

Einen Nachteil hat der Ansatz des Kölner Forschers: Die Therapie mit Rituximab ist teuer. Abken ist sich aber sicher, dass ein Erfolg seiner Methode die hohen Kosten wettmachen würde: „Wenn damit andere Therapien überflüssig werden, relativiert sich der Preis.“

Noch wissen Mediziner nicht, unter welchen Umständen aus einer gewöhnlichen Stammzelle eine Krebsstammzelle und aus dieser wiederum eine Masterzelle entsteht. Abken geht aber davon aus, dass Masterzellen auch bei anderen Tumorarten existieren. „Sie werden vielleicht andere Strukturen als CD20 tragen, aber etwas völlig Neues denkt sich die Natur nicht aus“, sagt er. Ziel müsse daher jetzt sein, zunächst bei häufigen Krebsarten wie Lungen-, Brust- und Prostatakrebs nach Masterzellen zu fahnden.

Den Ansatz, gezielt die Stammzellen eines Tumors zu zerstören, verfolgen auch andere Wissenschaftler. Christian Schürch und Carsten Riether vom Universitätsspital Bern etwa ist es in Versuchen an Mäusen gelungen, mit Hilfe von Antikörpern gegen Stammzellen vorzugehen, die eine bestimmte Form von Blutkrebs, die Chronisch Myeloische Leukämie (CML), auslösen. Die Antikörper blockieren auf den Stammzellen das Oberflächenmolekül CD27 und verhindern so, dass sich die Zellen weiter teilen.

Wie die Forscher im Januar in der Zeitschrift Journal of Clinical Investigation (JCI, Bd. 122, S. 624) berichteten, reduzierte die Behandlung die Zahl der entarteten Zellen signifikant und die Mäuse lebten deutlich länger. Bis eine ähnliche Therapie für den Menschen entwickelt ist, wird es aber noch mindestens fünf bis zehn Jahre dauern.

Wecker für die Stammzellen

Mit dem Thema Blutkrebs beschäftigt sich auch Andreas Trumpp, der am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg die Abteilung Stammzellen und Krebs leitet und zugleich Direktor des Stammzellinstituts HI-STEM (Heidelberg Institute for Stem Cell Technology and Experimental Medicine) ist. Trumpp hat herausgefunden, warum sich gerade die Stammzellen eines Tumors als besonders behandlungsresistent erweisen. „Chemo- und Strahlentherapien zerstören vor allem sich schnell teilende Zellen“, sagt er. „Die Stammzellen entziehen sich diesen gängigen Ansätzen durch eine Art Tiefschlaf, aus dem sie nur in Notfällen wie bei Infektionen oder einem starken Blutverlust aufschrecken.“

Trumpp und sein Team haben in Tierversuchen aber auch einen Wecker gefunden, der den Stammzellen ein tödliches Erwachen bereitet: Der Immunbotenstoff Interferon-alpha aktiviert die Schläfer, so können sie durch die Chemotherapie zerstört werden. Der Wissenschaftler will noch in diesem Jahr in einer Studie mit CML-Patienten herausfinden, ob Interferon-alpha auch die Tumorstammzellen von Leukämiepatienten aufweckt und wie lange der Botenstoff dazu braucht: „Dann könnten etwa vier Tage später verabreichte zielgerichtete Chemotherapien womöglich auch die Krebsstammzellen bekämpfen und so zu einer dauerhaften Heilung führen.“

Denn eines glaubt Trumpp nicht: dass der Krebs mit nur einer Strategie besiegt werden kann. „Die Chemotherapie werden wir vermutlich immer brauchen, um die große Masse der Tumorzellen zu zerstören“, sagt er. „Verfahren, die die Stammzellen vernichten, werden zusätzlich nötig sein.“ Der Forscher hofft, dass entsprechende Methoden in spätestens zehn Jahren marktreif sind.

Dass manchen Feinden mit einer Waffe allein nicht beizukommen ist, musste einst auch Herakles erfahren. Die Schlange Hydra besiegte er erst, nachdem er ihre enthaupteten Hälse mit einer Fackel abbrennen ließ. Und ihren letzten Kopf begrub er nicht nur, sondern wälzte auch noch einen schweren Fels darüber.

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