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Lese- und Rechtschreibschwäche: Frühtest für Dreijährige soll bei Legasthenie helfen

Manchmal alles andere als ein Vergnügen: lesen.

Manchmal alles andere als ein Vergnügen: lesen.

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imago

Inzwischen weiß man aus Studien, dass das Gehirn von Kindern mit Lese- und Schreibschwäche Sprache anders verarbeitet. Legastheniker haben es viel schwerer als andere, Gesprochenes in korrekte Schrift zu übertragen und wieder zu lesen.

Bisher tritt das meist erst in der Schule zutage, wenn die Kinder trotz aller Mühe und Zusatzstunden nicht so schnell Lesen und Schreiben lernen, wie ihre Altersgenossen. Ausgrenzung und Schulversagen sind oft die Folge. Dabei sagt eine Lese-Rechtschreibschwäche nichts über die Begabung eines Kindes aus. Es gibt erprobte Therapien, die nur rechtzeitig einsetzen müssen.

Deshalb haben das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und das Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie ein gemeinsames Forschungsvorhaben begonnen. Wissenschaftler der beiden Leipziger Institute wollen Kleinkindern ins Hirn „schauen“ und so schon vor der Einschulung künftige Legastheniker finden. Geschehen soll das unter anderem mittels Magnetresonanztomographie (MRT) und Elektroenzephalographie (EEG). Mit frühzeitiger Therapie, so hoffen die Forscher, könnten die Kinder dann schon im Kindergartenalter wichtige Fortschritte machen und später erfolgreicher lernen.

Die sichere Diagnose soll stehen, noch ehe Kinder mit Schrift in Berührung kommen. „Mit unserem Frühtest wären wir in der Lage, bereits im Alter von drei Jahren ein Legasthenie-Risiko festzustellen. Dies wäre ein großer Fortschritt“, sagt der Neuropsychologe Jens Brauer vom Leipziger Max-Planck-Institut.

Aus Studien ist bekannt, dass die andersartige Sprachverarbeitung im Gehirn schon sehr früh beginnt und teilweise erblich bedingt ist. Deshalb suchen die Leipziger Forscher nach neuronalen Signaturen und genetischen Mustern, wie sie bei Schulkindern und Erwachsenen mit Legasthenie bereits dokumentiert sind.

Eine im Dezember 2011 veröffentlichte Studie aus Boston, USA, fand bei Kindern aus Familien mit Legasthenie deutlich reduzierte Stoffwechselprozesse in bestimmten Hirnregionen. Die Forscher hatten dazu Vorschulkinder bei Hörübungen mittels MRT untersucht. Die Ergebnisse bestätigen zugleich Beobachtungen von Lerntherapeuten und Erziehern, dass manche Kinder bei der Sprachwahrnehmung Schwierigkeiten haben, die nicht mit dem Hörvermögen zusammenhängen. Sie zeigen Probleme bei einfachen Reimspielen oder rhythmischen Wortzerlegungen.

Lese Sie weiter, wie frühe Vorsorge helfen kann.

Eine frühere Diagnose könnte den Betroffenen viel Leid ersparen, hoffen auch Schulpsychologen. In Kassel erlebt Barbara Klemm-Röbig täglich, wie der Misserfolg in der Schule das Selbstvertrauen der Kinder zerstört: „Die Schulen sollen Legastheniker fördern. Doch die Lehrer werden im Studium nicht dafür ausgebildet und haben wenig Zeit. Deshalb organisiere ich Weiterbildungen für Lehrer, damit sie besser helfen können.“

Doch in Fällen, wo schulische Förderung nicht ausreicht, sei eine Therapie durch Spezialisten nötig. Die Kosten dafür übernimmt das Jugendamt aber erst nach einem Jahr vergeblicher Lehrerhilfen. Das ist verlorene Zeit für das Kind und seinen Lernerfolg.

Zugzwang für Krankenkassen

Auf welchem Wege soll aber nun schon bei Dreijährigen festgestellt werden, ob sie später leicht oder schwer lesen und schreiben lernen? „Wir erwarten, eine bestimmte Komponente im EEG als Vorhersagezeichen verwenden zu können“, sagt der Psychologe Arndt Wilcke vom Leipziger Fraunhofer-Institut. „Diese Komponente ist eine automatische Reaktion des Gehirns, wenn es zwischen zwei Reizen unterscheidet.“

Diese sogenannte Mismatch Negativity (MMN) unterscheide zum Beispiel zwischen zwei Sprachlauten und funktioniere auch bei Kleinkindern. Der Genetiker Holger Kirsten ergänzt: „Im Zusammenspiel mit zusätzlichen genetischen Markern wollen wir damit einen einfach zu etablierenden Frühtest entwickeln. Ein solches Screening-Verfahren würde im Idealfall allen interessierten Eltern offenstehen.“

Anders als die Bostoner Forscher werden die Leipziger während der MRT-Untersuchung nicht nur die Durchblutung des Gehirns in bestimmten Bereichen untersuchen, sondern auch anatomische Aufnahmen vornehmen, die den Reifegrad der Nervenfaserverbindungen zeigen. Eine physisch nachweisbare Lernschwäche würde schließlich auch die Krankenkassen in Zugzwang bringen, sich an Therapiekosten zu beteiligen, so hoffen Eltern und Wissenschaftler.

Bislang zahlen die Kassen zwar für die Diagnose beim Psychiater. Doch eine Anerkennung der Lernstörung als Krankheit – wie im Katalog der Weltgesundheitsorganisation – steht in Deutschland noch aus.

Es gibt bereits Übungsprogramme für die frühe Sprachentwicklung, auch schon im Kindergarten. Doch ihr Einsatz ist nicht Pflicht und setzt qualifizierte und engagierte Erzieher voraus, die beispielsweise mit dem Würzburger Programm das genaue Hören, Reimen und die Wortbildung üben. Solche Förderungen helfen allen Kindern und könnten bei Legasthenikern auch schon vor der Schule Hürden abbauen.

Auch wenn es den Forschern gelingen sollte, einen sicheren Frühtest zu entwickeln, bleibt es eine gesellschaftliche Aufgabe, allen Kindern mit Legasthenie-Risiko eine qualifizierte Förderung zukommen zu lassen, damit sie gleiche Chancen im Leben haben.

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