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Machbarkeitsstudie klimaneutrales Berlin: So stellen sich Forscher Berlins Zukunft vor

In jedem zweiten Berliner Haushalt wohnt nur eine Person. Einsparmöglichkeiten ergeben sich allein schon dadurch, dass sich nicht jeder eine eigene Waschmaschine kauft.

In jedem zweiten Berliner Haushalt wohnt nur eine Person. Einsparmöglichkeiten ergeben sich allein schon dadurch, dass sich nicht jeder eine eigene Waschmaschine kauft.

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imago/Sabine Gudath

September 2050. Frau Müller steht um 7 Uhr auf. Die Solaranlage auf ihrem gut isolierten Mietshaus hat schon genug Energie getankt für Kaffeemaschine und Duschwasser. Der Elektrobus der BVG bringt sie und die Kinder leise und abgasfrei ans Ziel. Ihr Betrieb fährt den Serverraum ohne Kühlanlage, der Strom fürs Büro kommt aus einem Blockheizkraftwerk, das die Kita und die Seniorenresidenz um die Ecke mitversorgt und Solarstrom vom heißen Mittag für den kühlen Abend speichert.

Klimagasausstoß nahe Null – so stellen sich Wissenschaftler Berlins Zukunft vor.

„Heute erzeugt Berlin so viel Klimagas wie ganz Kroatien, doch bis 2050 könnten wir es auf ein Fünftel reduzieren“, schreiben die Wissenschaftler in der jüngst erschienenen „Machbarkeitsstudie klimaneutrales Berlin“, erarbeitet von Forschern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und des Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) im Auftrag des Senats.

Die Forscher konstatieren darin, dass Berlin bereits einiges erreicht hat. So konnten die energiebedingten Kohlendioxid-Emissionen von 30 Millionen Tonnen 1990 auf 21,3 Millionen Tonnen 2010 reduziert werden – das ist ein Rückgang von 27 Prozent. Doch um die Stadt nahezu klimaneutral zu machen, ist in vielen Bereichen noch ein grundlegender Umstieg nötig. „Wenn Berlin sich zum Umstieg entschließt, das zeigen unsere Zahlen überraschend klar, dann profitieren am Ende alle – die Umwelt und die Menschen in der Stadt“, sagt der Leiter der Studie, Fritz Reusswig vom PIK.

Doch wie sollen die einzelnen Maßnahmen genau aussehen, und was ist bis jetzt bereits passiert? Dazu ein kleiner Überblick über die wichtigsten Bereiche, die die Wissenschaftler als untrennbare Einheit betrachten:

Energieversorgung: Im Jahr 2012 kosteten Öl, Kohle und Erdgas für Berlin etwa 3,2 Milliarden Euro. Viel Geld wäre einzusparen, wenn nach und nach die Dächer der 320.000 Wohnhäuser der Stadt mit Solaranlagen bestückt würden, die an Speicher angeschlossen sind oder an Kleinkraftwerke, in denen der Mittagsstrom zu Gas oder Wärme für die Nacht verwandelt wird.

Auch der CO2-Ausstoß ließe sich so entscheidend verringern. Die Forscher schlagen dafür Pilotprojekte vor, zum Beispiel in Kläranlagen. Im günstigsten Fall macht sich Berlin eines Tages ganz unabhängig vom Braunkohlenstrom aus Brandenburg und versorgt sich zu 90 Prozent selbst mit Energie. Im Sommer könnte die Stadt sogar Sonnenstrom exportieren und müsste nur im Winter Windstrom aus Brandenburg beziehen. Die Studie zeigt, dass sich auch durch eine Steigerung des Anteils von Biogas die CO2-Emissionen senken lässt. Die Gasag etwa speist Bio-Erdgas aus Brandenburg ins Berliner Netz beziehungsweise in Erdgastankstellen ein.

„Dieser Umbau des Energiesystems würde Investitionen bedeuten, die unter dem Strich die Berliner Wirtschaft erheblich stärken könnten“, sagt Fritz Reusswig. Das betrifft nicht nur die Einsparungen. Je nach gewähltem Szenario könnten den Unternehmen Aufträge und Beschäftigung für zwischen 67 und 138 Millionen Euro erwachsen – allein durch den Ausbau erneuerbarer Energien. Voraussetzung sei, dass die lokalen Unternehmen die Kompetenzen, Kapazitäten und Qualifikationen mitbrächten.

Gebäude und Stadtentwicklung: Durch Wärmedämmung könnte der Energiebedarf um 78 Prozent im Jahr 2050 gesenkt werden. Um das zu erreichen, muss die Sanierungsrate der Gebäude von derzeit einem Prozent jährlich erhöht oder gar verdoppelt werden. Allerdings sehen die Wissenschaftler auch, dass Sanierungskosten in jüngerer Zeit zu immer höheren Mieten führten. Sie fordern deshalb Maßnahmen, um zu erreichen, dass erhöhte Kaltmieten über sinkende Heizkosten bezahlbar bleiben – auch für geringer verdienende Haushalte. Fritz Reusswig nennt als Beispiel das Quartier Marienfelde Süd der degewo: „Hier werden zum Beispiel bis 2015 die rund 2500 Wohnungen aus den frühen 1970er-Jahren umfassend modernisiert und energetisch saniert.“ Zwei Blockheizkraftwerke mit Biogasbeimischung und Photovoltaikanlagen sollen künftig effizient heizen. Die Bruttowarmmiete werde sich aber nur um gut 8 Prozent für Altmieter und 10 Prozent für Neuvermietungen erhöhen.

Die Wissenschaftler raten, berlinweit viele lokale Fernwärmenetze zu installieren. Eine mehr dezentrale Wärmeversorgung könnte nicht nur Öl- und Gasheizungen ablösen, sondern auch als Energiespeicher dienen, wenn sie sinnvoll mit Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen verknüpft wird. „Vattenfall installierte in Reinickendorf eine solche Lösung mit 1900 Wohnungen und will im Verbund mit einem Pufferspeicher 600 Tonnen CO2 jährlich einsparen. Die Mieter können aus dem hauseigenen Kraftwerk auch leicht verbilligten Strom beziehen“, sagt Hanno Balzer, Leiter des Bereichs Solutions der Vattenfall Europe Wärme AG. Ein ganzes computergesteuertes Netz solcher Kleinkraftwerke böte dem Energieversorger künftig die Möglichkeit, flexibel Strom- und Wärmebedarf zu befriedigen, ohne mehrere Großkraftwerke rund um die Uhr auf Vollast zu fahren.

Verkehr: Wenn sich die zukünftige Stadtentwicklung konsequent am Leitbild einer „Stadt der kurzen Wege“ orientiert, dann kann viel Verkehr vermieden werden. Die Stadtstruktur Berlins mit ihren vielen Kiez-Zentren bietet dafür sehr gute Voraussetzungen. Auch im Wirtschaftsverkehr lässt sich viel Verkehr vermeiden, und zwar mit neuen „smarten“ Logistikkonzepten, wie sie zum Beispiel Adlershofer Verkehrsforscher für Unternehmen entwickeln. Die Berliner könnten noch viel öfter statt des eigenen Autos öffentliche Verkehrsmittel, das Fahrrad oder die Füße benutzen. Dazu müsste das Wegenetz entsprechend umgebaut werden. Die Autoren der Studie schlagen eine enge Vernetzung von Angeboten wie Leihautos, Leihrädern und öffentlichem Verkehr vor – mit möglichst einem einzigen Ticketsystem.

Auch sollten erste Ansätze für effektivere Antriebssysteme, sprich: Gas- oder Elektrofahrzeuge, über Firmen- oder Carsharing-Flotten verbreitet werden. Berlin ist eines der bundesdeutschen „Schaufenster Elektromobilität“. Die Stadt konnte die Zahl der E-Fahrzeuge in den vergangenen Jahren schon vervielfachen, auch wenn es bei Weitem noch nicht genug sind. Im März 2014 waren es 1300, nur wenige davon Privatfahrzeuge. Die Technische Universität (TU) Berlin hat erst vor wenigen Tagen angekündigt, dass im Jahre 2015 in Berlin der Betrieb von E-Bussen auf der BVG-Linie 204 starten soll. Das ist ein Anfang, bei dem man nicht stehenbleiben sollte. Die Studie orientiert zugleich darauf, die Treibstoffe, ob Strom oder Gas, auch aus erneuerbaren Energien herzustellen.

Wirtschaft: Insgesamt lassen sich laut der Studie in Industrie und Gewerbe 20 bis 50 Prozent der Energie einsparen, wenn alle Firmen ihre Anlagen und Prozesse auf Effektivität trimmen. Angesichts der steigenden Energiepreise sollten sich solche Bemühungen direkt auszahlen.

Auch Gewerbeimmobilien könnten Solaranlagen aufs Dach oder an die Fassade bekommen, den Fuhrpark auf erneuerbare Energien umstellen und die Gebäude besser dämmen. Wenn es für ein Unternehmen zu aufwendig ist, so etwas allein zu planen, sind auch Energiesparkontrakte mit Dienstleistern und Beratern möglich, die sich weitgehend über die Einsparungen finanzieren. Dafür gibt es schon Pilotprojekte in der Stadt. Zum Beispiel installierte und betreibt die Berliner Energieagentur (BEA) für das Bürogebäude einer großen Versicherung oder eine Feuerwache in Charlottenburg die Wärmeanlagen. „Das Ikea-Einrichtungshaus in der Landsberger Allee spart Energie durch Wärmerückgewinnung aus dem Abwasser“, sagt Fritz Reusswig.

Haushalte: Bis 2050 rechnet man mit 250.000 Neuberlinern. In mehr als der Hälfte der rund zwei Millionen Berliner Haushalte wohnt bereits heute nur eine Person. Das spielt insofern eine Rolle, als jeder einen Kühlschrank, eine Waschmaschine und Ähnliches betreibt, was viel Energie verbraucht. Hier stecken die größten Sparpotenziale.

Einen Austausch ineffizienter Energiefresser könnte der Handel vielleicht mit einer Verschrottungsprämie anstoßen. Für den energiesparenden Umgang mit Geräten, Heizung und Warmwasser sollen neue Informationsprogramme aufgelegt werden. Die Berliner Energieagentur berät gezielt Transferleistungsempfänger, die mit hohen Stromkosten kämpfen. Jede gesparte Kilowattstunde kommt direkt der Haushaltskasse zugute.

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