Wer ständig mehrere Dinge gleichzeitig macht, setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Multitasking und Dauerstress sind Gift für die Psyche. Mit neuen Therapieformen gehen Psychologen gegen die Leiden der Betroffenen vor.
Der Chef hat schon dreimal gefragt, ob die Vorlage endlich fertig ist. Während des Telefonats mit einem aufgebrachten Kunden checkt man nebenbei die Mails im Posteingang. Die rechte Hand informiert rasch den Partner per SMS darüber, dass es abends wohl doch wieder später werde. Die linke steckt derweil unbewusst Schokobonbons in den Mund. Dann wird weiter unter Druck an der Vorlage gearbeitet. Als Folgen von Stress und Multitasking können Kopfschmerzen, Verspannung oder Erschöpfung auftreten. Dauerstress macht krank.
Außerdem kann sich unser Gehirn infolge des Stresses verändern, sagt der Hirnforscher Manfred Spitzer aus Ulm. Er bezieht sich auf die die Ergebnisse verschiedener Studien. Probanden, die als starke oder geringfügige Medien-Multitasker klassifiziert wurden, absolvierten kognitive Tests. Dabei zeigte sich, dass die Nicht-Multitasker die Aufgaben besser lösten, aufmerksamer und schneller waren und besser zwischen Aufgaben wechseln konnten. Spitzer glaubt, Multitasker würden sich durch ihre heftige Mediennutzung Oberflächlichkeit und Ineffektivität geradezu antrainieren.
Nebenbei den Body scannen
„Multitasking ist das Gegenteil von Achtsamkeit“, betont Britta Hölzel, Psychologin am Massachusetts General Hospital. Die junge Deutsche leitet Patienten in Achtsamkeitstherapie an und hat eine Studie durchgeführt, die erstmals zeigt, wie sich dieses Training auf das Gehirn auswirkt.
In jüngster Zeit setzen immer mehr Therapeuten und Forscher die Methode der „achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapie“ als Teil der Verhaltenstherapie ein. „Es geht darum, seine Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache zu richten, seien es das Atmen, ein Gefühl, ein Gedanke oder irgend ein körperliches Empfinden“, erklärt Britta Hölzel. „Der Geist soll zurück ins Hier und Jetzt finden, ohne wie üblich in Gedanken abzuschweifen.“
Es hilft, mit Adlerblick das eigene Leben zu betrachten. Das schaffe in der Regel eine gesunde Distanz. „Dann kann man sich fragen, was man denn eigentlich im Leben erreichen will“, rät die Psychologin. Allerdings sollte das nicht wieder an einen Leistungsgedanken gekoppelt sein.
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3. Quelle des Leistungsdrucks finden
„Wichtig ist, sich zu fragen, wo die Quelle für den empfundenen Leistungsdruck liegt“, sagt Karriereberaterin Svenja Hofert. Dann gelte es nach Lösungsansätzen zu suchen. „Dann muss man sich überlegen, ob man tatsächlich den Job wechselt, man muss seine eigenen Werte hinterfragen oder sich entscheiden, nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen.“
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4. Scheuklappen anlegen
Einig sind sich die Psychologen, dass der Mensch nur begrenzt belastbar ist. „Es ist ein frommer Wunsch, aber eine Entschleunigung des Lebens täte unserer angstmotivierten Gesellschaft sehr gut“, sagt Werner Gross. Der Psychologe rät Stressgeplagten, sich positive Scheuklappen anzulegen und nicht jedem Hasen nachzujagen. Doch auch der Fachmann weiß, dass das in der Praxis gar nicht so leicht ist.
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5. Indiz für Überforderung
„Ein klares Indiz für Überforderung ist, wenn man nicht einschlafen kann, nachts aufwacht oder zu früh aufwacht“, sagt der Psychologe Werner Gross. Da sei es wichtig, sich Ruhepausen zu schaffen. Bei manchen reiche es schon aus, vorübergehend das Handy auszuschalten.
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6. Sport treiben
Wer nach der Arbeit eine Runde joggt oder Walken geht, hat schon viel gewonnen. „Den körperlichen Prozessen ist oft schon mit Sport beizukommen, um erstmal die Stresshormone abzubauen“, sagt Karriereexpertin Claudia Schmeink.
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7. Hilfe vom Profi
Bekommt man seinen Stress selbst nicht in den Griff, sollte man sich nicht scheuen, Experten um Rat zu bitten. Langfristig sei es aber oft sinnvoll, mit professioneller Hilfe Einstellungsänderungen zu entwickeln, rät auch Psychologin Claudia Schmeink.
Stress zu vermeiden, das ist natürlich leichter gesagt als getan. „Es sind ja oft die eigenen Glaubenssätze, die man meist schon als Kind mitbekommen hat, die einen zur Leistung anleiten“, gibt Psychologin Claudia Schmeink zu bedenken. Sie rät dazu, die „Antreiber“ des eigenen Handelns zu erkunden und zu hinterfragen. „Warum glaube ich, das eine oder andere schaffen zu müssen? Wie wichtig ist es mir wirklich und warum?“
Nach kurzer Einweisung durch den Therapeuten sollen Übungen wie der „Body Scan“ vom Patienten eigenständig etwa 30 bis 45 Minuten lang täglich praktiziert werden. Beim „Body Scan“ wird die Aufmerksamkeit systematisch durch den ganzen Körper geführt – etwa beginnend bei der Hand auf der Computermaus, den Arm entlang, durch die verkrampften Schultern, den Nacken und schließlich bis zu den Zehen. Während man einen Text auf dem Bildschirm liest, lauscht ein Teil des Bewusstseins vielleicht der inneren Stimme im Kopf, die den Text spricht, und betrachtet diesen Prozess von außen.
Achtsamkeit bleibt letztlich unsichtbar und lässt sich jederzeit praktizieren. Der Psychologe Ulrich Ott von der Universität Gießen praktiziert dies sogar beim Autofahren. Es löse nicht nur Schulterverspannungen sondern führe auch zu einer gelasseneren – und spritsparenderen – Fahrweise, berichtet Ott.
Psychisch stabiler
Achtsamkeitstraining
Ende der 70er-Jahre entwickelte der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabatt-Zinn von der Universitätsklinik Massachusetts das Achtsamkeitstraining zunächst für stressgeplagte Patienten. Es nannte sich Mindfullness Based Stress Reduction.
Das Ziel des Trainings: Wird der Geist sanft und immer wieder in den jeweiligen Moment (zurück-)geführt, die Körperwahrnehmung geschult, eine beobachtende Geisteshaltung angenommen, dann wird der Mensch am Ende auch entspannter und gelassener. Die Stresssymptome nehmen ab.
Viele Störungen werden inzwischen auch mit der Achtsamkeitstherapie behandelt, darunter Depressionen, Borderline-Störungen, Burn-out, Angst, Posttraumatische Belastungsstörungen oder das Chronische Erschöpfungssyndrom.
In den letzten Jahren hat das Prinzip der Achtsamkeit, allein oder in in Kombination mit anderen Ansätzen, Einzug in die Therapie vieler Krankheitsbilder gehalten – von Stresssymptomen, über Depressionen, Borderline, Aufmerksamkeits- und Angststörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen bis zu Burn-out und Substanzabhängigkeit. Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim spricht gar von der dritten Wende in der Psychotherapie. Aber nicht nur psychische, auch somatische Symptome wie Infektionen, Hauterkrankungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Migräne, Magenprobleme und chronische Schmerzen gehören zu den Indikationen.
Beispiel Schmerzen: Hier soll über die Achtsamkeitstherapie ein anderer Umgang mit dem Schmerz gefunden werden. Man nimmt ihn wahr, aber auch, dass daneben noch anderes in Körper und Geist existiert. Dadurch soll ein gewisser Abstand und ein neues Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des Körpers aufgebaut werden. Die Stärke des Schmerzes bleibt zwar unverändert, aber die Bewertung ändert sich. So sollen auch chronische Schmerzen erträglicher werden.
Sogar gegen Übergewicht werden Achtsamkeitstechniken eingesetzt. Das von Achim Peters, Diabetologe aus Lübeck, entwickelte Abnehmkonzept „Train the Brain“ setzt – ohne jegliche Diät – neben Sport auf Gesprächs- und Verhaltenstherapie und auf Achtsamkeit im Umgang mit Stress und Gefühlen.
Vor zwei Jahren kam eine Marburger Diplomarbeit, die etwa 600 Arbeiten zum Thema Achtsamkeit ausgewertet hatte, zu dem Ergebnis, dass Menschen durch dieses Training deutlich psychisch stabiler und gesünder werden. Andere Studien zeigen, dass Achtsamkeitsübungen Feingefühl, Aufmerksamkeit und Offenheit erhöhen und weniger schreckhaft machen. Die Psychologin Britta Hölzel spricht von „self compassion“, Selbstmitgefühl, sowie Empathie gegenüber anderen. Achtsamkeit führe dazu, sich subjektiv wohler zu fühlen, mit sich und anderen liebevoller, geduldiger und freundlicher umzugehen, statt ständig überkritisch nach Fehlern und Unangenehmem zu suchen.
Wandel in der grauen Masse
Warum das so ist, wies Britta Hölzel in ihrer Studie nach: Bei Probanden, die täglich rund eine halbe Stunde Achtsamkeitsübungen praktizierten, hatte sich nach acht Wochen die Dichte der grauen Substanz in bestimmten Hirnregionen gegenüber der Kontrollgruppe messbar verändert. Im Hippocampus beispielsweise nahm sie zu. Diese Region spielt eine wichtige Rolle für das Gedächtnis, beim Lernen, der Verarbeitung von Emotionen wie Selbstgefühl und Empathie. Im Mandelkern hingegen, der negative Gefühle wie Angst und Stress verarbeitet, nahm die graue Masse ab. Das zeigten Kernspin-Aufnahmen, die zu Beginn und nach den achtwöchigen Trainings gemacht wurden. Alle Probanden fühlten sich zuvor stark gestresst und hatten keine Erfahrung mit Achtsamkeitstechniken oder Meditation.
„Wir haben gesehen, dass sich die Gehirnstruktur verändert“, betont Britta Hölzel. „Was genau das bedeutet, wissen wir noch nicht.“ Dies sei ein sehr junges Forschungsfeld und weitere Studien seien nötig. Der Hirnforscher Manfred Spitzer sagt: „Es ist nicht egal, was wir erleben, denn jede geistige Aktivität hinterlässt Spuren im Gehirn, und diese Spuren beeinflussen dessen zukünftige Funktion.“
Mehr zum Thema Achtsamkeitstraining:
Martin Bohus, Martina Wolf-Arehult: Achtsamkeit. Schritte zu seelischer Gesundheit. 2 Audio-CDs. Schattauer 2011. 19,95 Euro.
Jessica Wilker: Das Einmaleins der Achtsamkeit. Vom sorgsamen Umgang mit alltägl. Gefühlen. Herder 2011. 5 Euro.
Friedrich Hinze: Acht Schritte zur Achtsamkeit. Vandenhoeck & Ruprecht 2010. 29,95 Euro.
Zu den Kernanzeichen zählen eine gedrückte, depressive Stimmung, Interessen- und Freudlosigkeit sowie mangelnder Antrieb und erhöhte Müdigkeit. Dazu kommen mindestens zwei weitere Krankheitszeichen wie Schuldgefühle, Suizidgedanken, Appetitlosigkeit und Konzentrations- oder Schlafstörungen.
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3. Wie wird eine Depression diagnostiziert?
Den medizinischen Leitlinien für unipolare Depressionen zufolge müssen mindestens zwei Wochen lang zwei, bei einer schweren Episode drei dieser Hauptsymptome auftreten, damit die Diagnose gestellt werden kann.
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4. Was sind häufige Ursachen?
Als Ursachen für Depressionen macht die Wissenschaft ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren aus, das bei jedem Betroffenen anders ist. So könnten zum Beispiel Schicksalsschläge wie der Verlust einer wichtigen Bezugsperson oder Vereinsamung eine Rolle spielen, erläutert Prof. Frank Schneider von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde.
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5. Kann auch Stress eine Depression verursachen?
Ja. Erfolglose Strategien, Stress zu bewältigen, oder eine emotionale Instabilität sind mögliche Faktoren für eine Depression.
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6. Muss eine Depression immer behandelt werden?
„Eine Depression hat verschiedene Phasen", sagt Psychiatrie-Professor Frank Schneider. Sie kann einmalig oder mehrfach auftreten, mal stärker, mal weniger stark. Danach richtet sich auch die Behandlung. Bei leichten depressiven Episoden steht „aktives beobachtendes Abwarten“, eventuell mit unterstützenden Gesprächen, an erster Stelle.
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7. Wann ist eine Therapie nötig?
Eine Psychotherapie komme infrage bei einer leichten bis mittelschweren Depression ohne Selbstgefährdung - und wenn der Betroffene Medikamente ablehnt oder sonst etwas dagegen spricht.
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8. Wann geht es nicht ohne Medikamente?
Reicht eine Psychotherapie allein nicht aus oder ist die Depression mittelschwer, schwer oder chronisch, sind Antidepressiva angezeigt - eventuell in Kombination mit einer Psychotherapie.
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9. Wie häufig treten Depressionen auf?
Die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, liegt durchschnittlich bei acht Prozent. Wer einen Depressiven in der Familie hat, ist mehr gefährdet als andere. Und doch gibt es einige Faktoren, die davor schützen können.
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10. Was schützt vor einer Depression?
Eine dauerhafte, gute Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson und ein intaktes familiäres Umfeld können ein Schutz sein. Kontaktfreudigkeit und weniger Überlastung senken ebenfalls das Risiko, an einer Depression zu erkranken.
Jedenfalls nicht „das Traurigsein, das Bedrücktsein, das wir aus dem Alltag kennen“, sagt Prof. Ulrich Hegerl. Und auch nicht die Melancholie oder Herbstdepression. Der Mediziner von der Universität Leipzig beschreibt die Krankheit vielmehr als „hässlichen, kalten Zustand“, verbunden mit dem Gefühl, dass „die Luft raus“ ist. Dazu zeigt er das Bild eines aufblasbaren Plastikkrokodils, das schlaff am Boden liegt.