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Neurochirurg Henry Marsh: "Gehirne zu operieren ist Bergsteigen für Feiglinge"

Henry Marsh.

Henry Marsh.

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imago/APress

Nichts in dieser Wohnküche im Süden Londons deutet darauf hin, dass der Mann, der hier wohnt, sich durch 8000 lebendige Menschenhirne gewühlt hat. Die Sonne scheint von draußen auf einen Holztisch, darauf wohnliche Unordnung. Benutztes Geschirr, ein handgeschriebener Brief, daneben ein Dutzend Honiggläser in verschiedenen Größen. Henry Marsh, 65, ist nicht nur ein führender Neurochirurg in Großbritannien, sondern auch Imker.

Den Tisch hat er gebaut, sagt er, auch die gläserne Kuppel im Dach über der Küche. Im Flur liegen Latten für Fenster, die er schreinern will. Marsh, hohe Stirn, wache Augen hinter einer runden Hornbrille, sieht sich haupt- und nebenberuflich als Handwerker.

Auch wenn die Verantwortung in der Neurochirurgie sehr viel größer ist als bei der Arbeit mit unbelebter Materie. Fehler können Lähmungen, Koma und Tod zur Folge haben. Marsh spricht in seinem Buch „Um Leben und Tod – ein Hirnchirurg erzählt vom Heilen, Hoffen und Scheitern“ offen davon, was er angerichtet hat, im Guten und im Schlechten. Tausende Briefe und E-Mails habe er bekommen, sagt Marsh, der auf dem Tisch sei einer davon. Marsh spricht mit energischer Stimme, auch wenn seine Miene manchmal Nachdenklichkeit ausdrückt. Immer wieder lacht er aber auch, besonders, wenn er Anekdoten aus dem Neurochirurgen-Alltag erzählt.

Mr. Marsh, Sie haben schon viele Schädel geöffnet. Wie sieht das Gehirn eines lebendigen Menschen aus?

Meistens sehe ich es durch ein Operationsmikroskop, ein Gerät, das ich aufrichtig liebe. Ich bin es so gewohnt, es zu benutzen, dass es sich anfühlt wie ein Teil von mir. Ich habe nie Computer gespielt, aber das Operationsmikroskop erschafft so etwas wie eine virtuelle Realität. Man hat das Gefühl, im Gehirn zu sein, durch Gänge ans Ziel zu kriechen.

Was sehen Sie dort?

In seinem Inneren ist das Gehirn nicht besonders interessant, es sieht aus wie weißes Gelee. Aber wenn man zum Beispiel unter dem Gehirn ist, dann blickt man auf schimmernde, tiefblaue Hirnvenen, ein Geflecht, das wirkt wie das Dach einer Kathedrale.

Ist es ein erhabener Augenblick, wenn man in das Organ schaut, in dem unser Bewusstsein entsteht?

Man gewöhnt sich dran. Wenn man ein Gehirn anschaut, lernt man nichts darüber, was wichtig ist im Leben. Aber als Arzt, der mit Gehirnproblemen zu tun hat, erkennt man: Was wir denken und fühlen ist Elektrochemie.

Sie benutzen den Vergleich mit der Kathedrale. Lässt sie der Anblick des Gehirns nicht an etwas glauben, das über die bloße Biologie hinausgeht?

Nein, die Kenntnis der Hirnanatomie zerstört den Glauben komplett. Wenn Teile des Gehirns, insbesondere in der Front, zerstört werden, gehen auch unsere sozialen Fähigkeiten und unsere Moralvorstellungen zugrunde. Wir sind, was unser Gehirn ist – und wenn unser Gehirn stirbt, sterben wir.

Ein US-Mediziner wog einmal Menschen vor und nach dem Tod und wollte aus diese Weise festgestellt haben, dass die entweichende Seele 21 Gramm wiege …

Eine dermaßen tumbe Vorstellung muss man nicht weiter kommentieren. Die unsterbliche Seele ist höchst unwahrscheinlich. Bewusstsein und Empfindungen fühlen sich zwar für uns nicht wie Elektrochemie an. Aber die Neurowissenschaft sagt uns, dass sie nichts anders sind.

Liebe, Hass, Hoffnung – alles nur Materie?

Nicht „nur“! Dieses Wissen nimmt uns zwar den Glauben an ein Leben nach dem Tod. Aber es wertet die Materie auf. Denn die Wissenschaft kann nicht ansatzweise erklären, wie Bewusstsein entsteht. Wir wissen es einfach nicht. Das heißt nicht, dass ich an etwas Mystisches glaube, es heißt nur, dass wir Materie noch nicht komplett verstehen. Wenn man sich die Quantenmechanik anschaut, dann ist die Welt auf dem Quantenlevel wirklich seltsam und verrückt.

Auf einem sozialen Level auch gelegentlich..

Ja, aber das ist ein bisschen mehr auf der Makroebene. Wenn man dagegen irgendwas aus der Neurowissenschaft mitnehmen kann, dann, wie wenig wir wirklich wissen. Je mehr Türen wir öffnen, desto mehr Fragen tun sich auf. Weil es so kompliziert ist, und weil die Forschung durch Experimente weiterkommt. Diese aber kann man mit Menschen selbstverständlich nicht machen. Die einzigen Möglichkeiten sind: Man kann sich erstens anschauen, wie Menschen reagieren, bei denen bestimmte Hirnregionen zerstört wurden. Zweitens kann man untersuchen, was mit Epilepsie-Patienten passiert, bei denen verschiedene Hirnareale elektrisch stimuliert werden.

Erstaunlicherweise kann das Gehirn keinen Schmerz empfinden – warum?

Das Gehirn kann nicht wehtun, weil es keine Schmerzrezeptoren hat. Wenn man Schmerz im Gehirn spüren wollte, bräuchte man ein anderes Gehirn irgendwo, das diesen Schmerz spüren könnte.

Können Sie das genauer erklären?

Je mehr man über Schmerz nachdenkt, desto seltsamer ist er. Wenn ich mir in den Finger kneife – dann ist der Schmerz nicht im Finger. Er entsteht erst im Gehirn. Wir verbinden die Serie der elektrischen Impulse, die vom Finger zum Gehirn gehen, nur mit unserem Finger. Wir denken, dass der Schmerz im Finger ist, aber das stimmt nicht. Es gibt ein berühmtes Experiment, in dem das für jeden Menschen nachvollziehbar gezeigt wurde.

Wie funktioniert es?

Der Proband wird angehalten, zum Beispiel die rechte Hand auf den Tisch zu legen. Die linke dagegen platziert er unterhalb, sodass er sie nicht sehen kann. An ihrer statt wird neben die rechte Hand eine Gummiattrappe auf den Tisch gelegt. Dann werden die Hand, die unter dem Tisch ist und die Gummihand gleichzeitig mit einem Pinsel gestreichelt. Das Überraschende ist: Die meisten Versuchsteilnehmer haben nach wenigen Minuten das Gefühl, dass sie die Pinselstriche mit der Gummihand spüren, dass diese Attrappe zu ihnen gehört. Das Gehirn erfindet keine Realität, aber es täuscht uns.

Sie operieren ohne Betäubung am Gehirn. Warum?

Das Gehirn hat keinen aufgemalten Plan, auf dem, wie auf einem Schnittmuster, Scheren eingezeichnet sind, um zu zeigen, wo man schneiden soll. Wie der Patient reagiert, ist der beste Anhaltspunkt beim Operieren. Man merkt direkt, wenn man im Begriff ist, etwas Wichtiges zu schädigen und kann dann an der Stelle sofort aufhören.

Dass Sie ohne Betäubung am Gehirn herumschneiden, klingt trotzdem nach Horrorfilm …

Ich habe das Verfahren vor 30 Jahre in Europa eingeführt, jetzt ist es Standard. Der Patient bekommt natürlich ein Beruhigungsmittel, und die Haut am Kopf wird betäubt. Die meisten kommen dann mit dem Eingriff gut klar. Ich habe Hunderte Male so operiert, und nur zwei Mal waren Patienten so ängstlich, dass wir abbrechen mussten.

Sie bekennen sich in Ihrem Buch zu Ihren Fehlern. Haben Sie je geweint weil Sie Menschen mit einer Operation mehr geschadet als genützt haben?

Wenn ich alleine war, ja.

Erinnern Sie sich an die Situation?

Als ich noch Assistenzarzt war, operierte ich ein Mädchen im Teenageralter, ein sehr komplizierter Tumor. Sie überlebte, aber sehr geschädigt. Es hat mich fertiggemacht.

Was genau ist passiert?

Das möchte ich nicht sagen. Es schmerzt zu sehr. Ich habe geweint, für mich alleine. Wissen Sie, wenn man so eine Arbeit macht, muss man eine Balance finden zwischen Liebenswürdigkeit und professionellem Abstand. Ich habe, wie wohl jeder Chirurg, Phasen tiefster Verzweiflung erlebt.

Im Buch beschreiben Sie eine Szene, in der Sie diesen Abstand verloren haben …

Ja, ich hatte einen Patienten, ein junger Familienvater, der ein guter Freund geworden war. Er hatte einen Tumor, ich habe ihn entfernt. Zehn Jahre habe ich den Mann danach als Arzt betreut. Aber es war immer klar, dass dieser Tumor bösartig zurückkommen würde. Das war schließlich der Fall – ich musste dem Patienten sagen, dass er bald sterben würde, dass es keine Hoffnung mehr gab. Er vertraute mir und akzeptierte das. Er nahm es mit großer Würde hin. Ich wusste, ich hatte als Arzt das Richtige getan, in der Behandlung über all die Jahre genauso wie in diesem Gespräch. Als ich danach im Auto saß und nach Hause fuhr, weinte ich. Nicht wegen Schuldgefühlen, sondern weil es diesen Mann so früh treffen musste.

Ist er gestorben?

Wenige Wochen später war er tot.

Muss man als Arzt nicht immer Hoffnung vermitteln?

Das ist eine der großen Schwierigkeiten. Man sollte nicht lügen, aber man darf Patienten nie ganz die Hoffnung nehmen. Ein Teil von uns weiß, dass wir sterben müssen, aber ein anderer Teil hofft, dass es nicht passieren wird. Wenn man mit einem sterbenden Menschen spricht, spricht man quasi mit zwei Personen. Man lügt aber nicht, wenn man einerseits sagt: „Ja, der Tumor, den Sie haben, ist tödlich.“ Und andererseits: „Aber wir können eine weitere Operation ins Auge fassen, und dann schauen, wie es sich entwickelt.“ Denn Leben ohne Hoffnung ist sehr schwierig für uns Menschen. Wir verbringen die meiste Zeit unseres Lebens damit, an aufregende Dinge in der Zukunft zu denken.

Ihr Kollege Richard Smith, Medizinprofessor in Warwick, hat vor einiger Zeit viel Aufsehen erregt mit einem Artikel, in dem er behauptete, Krebs sei die beste Art zu sterben.

Plötzlich tot umzufallen, mag schön sein für denjenigen, der stirbt, aber für die Angehörigen ist es schrecklich. Der Tod ist immer traurig, aber meine Mutter hatte Krebs und einen Rolls-Royce-Tod. Sie konnte sich von der gesamten Familie verabschieden und umgekehrt. Sie ist zu Hause gestorben – was den meisten Menschen heute nicht vergönnt ist, sie sterben im Beisein von Fremden, in Fabriken, die sich Krankenhäuser nennen. Also, Richard Smith hatrRecht. Wir werden ohnehin sterben, und wenn schon, dann lieber an Krebs als an Alzheimer.

Warum ist Demenz schlimmer als Krebs?

Weil der Tod sehr langsam kommt. Man zerfällt mental und ist eine Belastung für die eigene Familie. Mein Vater ist mit 96 an Alzheimer gestorben. Leider neigen wir dazu, Menschen so in Erinnerung zu behalten, wie sie waren, als sie starben. Das ist sehr traurig, denn mein Vater zum Beispiel war ein großartiger Mann. Als er starb, war er aber eine leere Hülle. Ich möchte nicht so enden.

Man kann es sich nicht aussuchen …

Ich hätte gern die Option, meinem Leben selbst ein Ende setzen zu können – und wenn ich das etwa auf Literaturfestivals gefordert habe, bekam ich auch immer viel Applaus. Ich denke, es ist eine katholische Minderheit, die sich stur gegen Sterbehilfe stellt. Es ist ein bemerkenswerter Widerspruch, dass die katholische Kirche, in der der Glaube an das Leben nach dem Tod so wichtig ist, gegen Sterbehilfe ist.

Am Ende einer langen Karriere als Neurochirurg: Mit welchen Grundsätzen verhindert man Fehler, was können Sie da jungen Kollegen raten?

Niemals Entscheidungen treffen, wenn man in Eile ist. Wenn man nicht weiß, was zu tun ist – mit Kollegen diskutieren. Sich nicht zu einer Entscheidung drängen lassen, hinter der man nicht steht. Alle Menschen haben schlechte Anteile, die muss jeder Arzt selbstkritisch bei sich analysieren. Ich fahre manchmal aus der Haut und werde wütend – das bereue ich hinterher immer. Außerdem habe ich auch Fehler gemacht, weil ich dumm war, grob oder grausam. Daraus habe ich auch gelernt, aber ich möchte nicht darüber reden.

Warum tun sich die meisten Ärzte schwer, Fehler zuzugeben?

Weil es weh tut – und alle Menschen vermeiden schmerzhafte Wahrheiten.

Was ist der richtige Weg für Ärzte, mit Fehlern umzugehen?

Zuerst sollte man ehrlich zu sich selbst sein. Wenn man sich nicht eingesteht, dass man einen Fehler gemacht hat, kann man nicht daraus lernen. Dann muss man es auf sich nehmen, dem Patienten oder der Familie zu sagen, was passiert ist.

Sie haben sogar Menschen geraten, Sie zu verklagen?

Ja, wenn ich mich wirklich für einen Fehler verantwortlich fühlte. Aber das macht man erst, wenn man große Erfahrung hat. Die meisten Ärzte raten nicht dazu, sie zu verklagen – und die Versicherung war auch nicht begeistert davon. Aber ich bin als Erstes für meinen Patienten verantwortlich und nicht für die Versicherung, nicht für das Gesundheitssystem, nicht für die Regierung.

Wie haben ihre ehemaligen Patienten beziehungsweise deren Angehörige reagiert, die sich im Buch wiederfanden?

Ich habe Details verändert, um die Schweigepflicht zu wahren. Aber trotzdem haben sich viele wiedererkannt, zum Beispiel die Tochter einer Frau, die ich operiert hatte, und die danach schwer geschädigt war. Sie schrieb: „Wir wissen, dass die Operation damals ein Desaster war, aber wir hatten trotzdem eine hohe Meinung von Ihnen, Sie haben Ihr Bestes gegeben.“ Ich sei zu selbstkritisch, meinte sie – und das hat mich dann doch berührt und versöhnt.

Bei allen schweren Vorfällen und Entscheidungen in Ihrer Karriere als Neurochirurg – man gewinnt in ihrem Buch den Eindruck, dass der Operationssaal auch ein angenehmer Arbeitsplatz sein kann. Zum Beispiel hörten Sie viel Musik. Welche passt gut zum Öffnen eines Schädels und Rausschneiden eines Tumors?

Eine Zeit lang habe ich immer Musik aufgelegt beim Operieren – von Abba über Bach bis zu afrikanischer Musik. Meine Kollegen fanden meinen Musikgeschmack zum Teil seltsam, haben sich aber damit arrangiert. Besonders beliebt war die sogenannte Schließmusik, Chuck Berry, B. B. King oder andere schnelle Rock- und Bluesmusik. Wir hörten sie, wenn wir den Kopf eines Patienten zunähten.

Hört sich an, als ob es im Operationssaal zum Teil sehr lustig zuginge.

Oh ja, es gibt eine sehr gute Kameradschaft. Es wird viel gelacht. Ich erinnere mich an eine Operation, noch bevor ich Neurochirurg wurde. Der Patient hatte einen Bruch in der Bauchdecke, den wir schließen wollten. Weil der Mann schon älter war und wir ihn nicht mit einer Vollnarkose belasten wollten, machten der Oberarzt und ich den Eingriff unter örtlicher Betäubung. Als wir also mit vier Händen arbeiten, tauchte auf einmal eine fünfte Hand in der Wunde auf. Wir sind dermaßen erschrocken. Es war der Patient, der uns mit seiner linken Hand helfen wollte!

Als Neurochirurg war dann aber Schluss mit lustig?

Auf keinen Fall! Als Oberarzt hatte ich oft grandiose Assistenten und OP-Pfleger und Schwestern an meiner Seite. Wir waren wie eine Familie. An einen lustigen Fall erinnere ich mich besonders: Ich habe einen Mann mit einem Hydrocephalus, umgangssprachlich Wasserkopf, operiert. Das heißt, in seinem Kopf staute sich aus unbekanntem Grund die Hirnflüssigkeit, eine bedrohliche Situation, der Druck im Schädel steigt. Das Gehirn kann dadurch irreparabel geschädigt werden.

Bis jetzt hört sich das wenig lustig an …

Ich drang mit dem Endoskop in sein Gehirn ein, um das zu finden, was verhinderte, dass die Spinalflüssigkeit im Gehirn des Patienten zirkulieren konnte. Plötzlich stieß ich auf eine Art Membran. Ich zog sie heraus. Weil ich keine Ahnung hatte, um was es sich handelte, gab ich die unbekannte Struktur zur schnellen Analyse ins Labor – es hätte zum Beispiel ein Tumor sein können. Wir warteten im Operationssaal auf das Ergebnis, um dann zu entscheiden, wie wir weiter vorgehen würden. Plötzlich steckte der Pathologe den Kopf durch die Tür und rief aufgeregt: „Es ist nicht menschlich!“ Das klang schon sehr nach Science-Fiction.

Und was war es?

Man muss dazu sagen, dass der Patient ein weißer Engländer war. Später stellte sich heraus, dass er drei Jahre zuvor in Simbabwe seinen Onkel besucht hatte. Dort hatte er sich wohl einen Parasiten eingefangen, der schließlich bis in sein Gehirn vorgedrungen war. Es war eine totale Überraschung, denn in unseren Breiten gibt es solche parasitischen Würmer nicht. Den hatte ich ihm aus dem Gehirn gezogen. Der Pathologe hatte sich aber angehört, als hätten wir einen Alien in seinem Kopf gefunden. Wir haben sehr gelacht, auch, weil es eine erfolgreiche Operation war. Der Patient war geheilt, das war sehr schön.

Ist es eigentlich schön, Neurochirurg zu sein?

Ja. Gerade, weil man Angst hat. Wenn man operiert, ist das, als ob man in einen Dschungel geht oder einen hohen Berg besteigt. Chirurgie kann abhängig machen, weil sie so aufregend ist.

Das klingt eher nach der Suche nach dem Kick als nach Medizin?

Es ist Bergsteigen für Feiglinge, weil man nicht das eigene Leben, sondern das eines anderen riskiert.

Sie sind jüngst in den Ruhestand gegangen – vermissen Sie Ihre Arbeit?

Ich helfe meinem Nachfolger noch bei schwierigen Operationen und lehre junge Kollegen Neurochirurgie. Ich war mir nicht sicher, ob ich das Operieren vermissen würde, als ich in den Ruhestand ging – aber tatsächlich merke ich jetzt, dass ich gerne komplett aufhören würde. Als junger Chirurg gibt es immer einen nächsten Gipfel, den man besteigen will. Aber am Ende seiner Karriere hat man die meisten Berge bestiegen. Man empfindet den Stress mehr als das Hochgefühl nach einer erfolgreichen Operation. Das liegt wahrscheinlich an meinem verringerten Testosteronspiegel im Alter. Ich will lieber zu früh aufhören als zu spät – es ist besser zu gehen, bevor es heißt: „Er hat es nicht mehr drauf.“

Das Interview führte Frederik Jötten.