Neuer Inhalt

Organspenden: Der Hirntod - eine gefährliche Definition

Erst die Definition des "Hirntods" macht die Entnahme von Organen möglich.

Erst die Definition des "Hirntods" macht die Entnahme von Organen möglich.

Foto:

REUTERS

Jeder Zeitungsleser kennt den Tod. Bombenanschläge, Verkehrsunfälle, Polizeiberichte, kein Tag ohne Tod in allen Variationen. Aber in dieser Woche gab es schon eine eigenartige Häufung von ganz außergewöhnlichen Nachrichten vom Tod – und von der Medizin.

Vor acht Tagen konnte man von Karl-Heinz Pantke lesen. Er war noch keine vierzig Jahre alt, als der Berliner Physikprofessor vor sieben Jahren vom Schlag getroffen wurde. Schon im Krankenwagen beugte sich der Sanitäter über ihn: „Exitus.“

Im Krankenhaus wurde dann das Locked-in-Syndrom festgestellt, ein Wachkoma ohne jede Möglichkeit der Lebensäußerung. In diesem Zustand versterben eigentlich alle Patienten, Karl-Heinz Pantke jedoch überlebte. Er ist wieder zu Hause, allen Prognosen zum Trotz.

Vor fünf Tagen konnte man von einem kleinen argentinischen Mädchen lesen, das in der 26. Woche, viel zu früh, zur Welt gekommen und für tot erklärt worden war. Die Eltern wollten ihr Kind noch einmal sehen. Sie fanden es in einem kleinen Sarg in der Kühlkammer des Krankenhauses vor, von Raureif überzogen, es bewegte Hände und Füße und öffnete seine Augen. Um das Leben von Luz Milagros wird jetzt gekämpft, mit ungewissem Ausgang.

Und dann vor drei Tagen: Der 17-jährige Steven Thorpe war nach einem Autounfall in der Universitätsklinik Coventry für tot erklärt worden, nein für hirntot. Die Ärzte sprachen die Eltern auf eine Organentnahme an.

Ob es ihr Entsetzen war, ihre Ungläubigkeit oder nur einfach Hoffnung, die Eltern glaubten diesen Ärzten nicht, zogen eine andere Ärztin zurate; diese stellte Leben fest. Die intensivmedizinische Behandlung musste fortgesetzt werden. Steven Thorpe studiert heute in Coventry und hat noch mit einem tauben linken Arm zu kämpfen.

Der Hirntod ist eine Erfindung von Menschen, so wie jede Definition des Todes eine gesellschaftliche Vereinbarung, einen kulturellen Konsens darstellt. Was ist hirntot? Nicht mehr lebendig, noch nicht tot? Gibt es verschiedene Tode?

Aus der Sicht von Organempfängern ist der Hirntod eine segensreiche Erfindung, eine gelungene Konstruktion. Ohne den Hirntod könnte man keine Organe entnehmen. Tote Organe kann man nicht transplantieren. Aus der Sicht der Organspender ist der Hirntod hingegen eine riskante Erfindung, eine beängstigende Konstruktion.

Es ist nicht ehrlich, dass davon nichts im Organspenderausweis steht, denn den trägt man ja als Spender bei sich, nicht als Empfänger.

Buchtipp:Vera Kalitzkus: Dein Tod, mein Leben. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt am Main 2009, 8,50 Euro.


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?