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Berliner Zeitung | Pflanzen als Baustoffe: Bambus kann Stahl ersetzen
01. October 2014
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Pflanzen als Baustoffe: Bambus kann Stahl ersetzen

Künftig könnten Städte ganz anders aussehen. Ein Beispiel aus Bali, Indonesien. Hier bestehen die Bauten des Öko-Projekts „Green School“ ganz aus Bambus.

Künftig könnten Städte ganz anders aussehen. Ein Beispiel aus Bali, Indonesien. Hier bestehen die Bauten des Öko-Projekts „Green School“ ganz aus Bambus.

Foto:

PT. Bamboo Pure

Eine Legende in Kolumbien erzählt, wie gut sich die Einheimischen gegen die spanischen Eroberer vor 500 Jahren zur Wehr setzen konnten, und zwar mit einer Ausrüstung, die die mit eisernen Schwertern und metallenen Schutzpanzern vorrückenden Europäer nicht kannten. Die indigenen Stämme lebten nicht nur in Häusern aus Bambus sondern nutzten die einheimische Pflanze auch zur Herstellung von Lanzen und Rüstungen, bauten damit Fallen mit messerscharfen Spitzen. Während die Spanier Jahre später den Bambus mit nach Europa brachten, kamen auf dem Rückweg Steine und Stahl ins Land, die die Immobilienwelt in Südamerika seitdem prägen. Der Bambus geriet in Vergessenheit.

Andrés Bäppler gehört zu denen, die dabei sind, das zu ändern. Mit seiner Frau, die in Frankfurt am Main als Architektur-Professorin arbeitet, hat der Architekt vor einigen Jahren am Rand der kolumbianischen Millionenstadt Calí das Sozialprojekt „Schule fürs Leben“ gegründet. Deren Häuser bestehen fast vollständig aus der in Südamerika verbreiteten Bambusgattung Guadua – Klassenräume, die Kantine, selbst die Tore auf dem Sportplatz. „Wir wollen den Nachweis erbringen, dass man mit Guadua genauso stabil und hochwertig bauen kann wie mit herkömmlichen Materialien – und deutlich günstiger“, sagt Bäppler. Trotz der präkolumbianischen Geschichte oder gerade deshalb.

Behandlung mit Borax

Der Bambus gilt vielen nicht nur in Kolumbien als Baustoff der Armen. Das kommt nicht von ungefähr, denn in der Vergangenheit sind Bambushäuser immer wieder eingestürzt, weil das Süßgrasgewächs in unbehandelter Form ein gefundenes Fressen für Bakterien, Termiten und Schädlinge aller Art ist. Wie jedes Holz darf Bambus nicht einfach im Regen stehen. Bambusbauten brauchen Dächer aus anderen Materialien, die als Schutz dienen. Grundsätzlich müssen die Bambusrohre nach der Ernte etwa 20 Tage trocknen, sagt Bäppler. Anschließend lagern sie für mehrere Tage in einer Lösung aus Wasser und dem Holzschutzmittel Borax, einem in der Natur vorkommenden Mineral.

„Durch die Behandlung mit Borax wird Bambus so langlebig wie herkömmliche Produkte der Bauindustrie“, erklärt Dirk Hebel, Assistenzprofessor für Architektur und Konstruktion an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Hebel leitet das Forschungsprojekt Future Cities Laboratory, das die ETH in Singapur zur Erforschung von Alternativen des künftigen Städtebaus unterhält. Der Projektsitz ist nicht von ungefähr gewählt. Singapur liegt in einer Region, die für den künftigen Bambuseinsatz prädestiniert ist. „Der Städtebau der Zukunft wird vor allem in Schwellenländern stattfinden“, sagt Hebel, „aber durch immer knapper werdende Baustoffe wie Sand und Stahl allein nicht zu bewältigen sein.“

Wegen der enormen Nachfrage nach neuen Straßen und Häusern weltweit drohen heute schon Knappheiten beim Sand. Bambus kann in die Bresche springen. „Die meisten Megastädte der Zukunft entstehen in Regionen, wo der Bambus klimatisch zu Hause ist“, sagt Hebel. Asien und Lateinamerika müssten den Baustoff nicht mehr importieren sondern könnten ihn vor Ort gewinnen. Die Pflanze ist anspruchslos. In Kolumbien braucht sie sechs Monate, um die Länge von 25 Metern zu erreichen. Sie muss vier Jahre aushärten, bevor sie geerntet werden kann. Dann kann Bambus Stahl ersetzen. „Einige Bambusarten weisen grundsätzlich die gleiche Trag- und Zugfestigkeit wie Stahl auf“, sagt Hebel. Mit dem Baustoff sind Brücken über breite Flüsse oder mehrstöckige Häuser aus Bambus grundsätzlich keine ferne Zukunft mehr. Die Haltbarkeit mit erwarteten 50 bis 80 Jahren entspricht der für Baustoffe üblichen Lebensdauer.

Bauherren sind zu gewinnen

Auch ökologisch ist der Bambus ein Gewinn, wie die Forstwirtin Adriana Betancourt berichtet, die für das kolumbianische Schulprojekt in Calí den Anbau von Guadua-Bambus leitet. „Der Guadua ist ein Segen für die Umwelt, etwa für den Gewässerschutz.“ So wird die Ebene, in der die Stadt liegt, von mächtigen Flüssen durchzogen, die in der Regenzeit dort über die Ufer treten, wo die traditionellen Bambushölzer abgeholzt wurden. Der Grund: „Die Bäume können in ihren Stämmen bis zu einer Höhe von drei Metern Wasser speichern und regulieren so auf natürliche Weise das Hochwasser.“

Auch wenn die Vorteile des Bambus groß erscheinen: Noch fehlt es an vorzeigbaren Referenzobjekten im Großstadtformat. Um das zu ändern, haben die Zürcher Forscher ein Material entwickelt, das zu 90 Prozent aus extrahierten Bambusfasern und zu zehn Prozent aus Epoxidharzen besteht, die aus Pflanzenölen gewonnen wurden. „Durch diese Mischung wird der Bambus haltbar gemacht“, erklärt Hebel, „sieht aber optisch nicht mehr aus wie klassischer Bambus.“ Damit soll er bewusst aus der Öko-Ecke herausgeholt werden. Ohne Akzeptanz bei den künftigen Bauherren wird der Bambus sein Potenzial als Stahl der Zukunft nicht ausspielen können.


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