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Berliner Zeitung | Potsdamer Forscher über Erderwärmung: Das Weltklima kann noch gerettet werden
06. January 2016
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Potsdamer Forscher über Erderwärmung: Das Weltklima kann noch gerettet werden

Das größte Braunkohlekraftwerk Europas steht in der Nähe der polnischen Stadt Belchatow. Es gehört zu den Anlagen mit dem höchsten CO2-Ausstoß.

Das größte Braunkohlekraftwerk Europas steht in der Nähe der polnischen Stadt Belchatow. Es gehört zu den Anlagen mit dem höchsten CO2-Ausstoß.

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REUTERS

Das neue Jahr beginnt voller Hoffnung. Unter anderem besteht die Chance, dass der Klimawandel in nächster Zeit noch gestoppt werden könnte. So zumindest klingen die Signale nach dem Ende der UN-Weltklimakonferenz im Dezember in Paris. Was aber sagen Klimaforscher dazu? Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat das Abkommen bewertet.

Herr Professor Levermann, wie schätzen Sie das Ergebnis der Pariser Klimakonferenz ein?

Das Abkommen ist tatsächlich ein historischer Durchbruch. 196 Staaten haben sich geeinigt, den Ausstoß von Treibhausgasen innerhalb weniger Jahrzehnte auf Null zu reduzieren. Das ist das klare Signal an die Welt: Das Zeitalter der fossilen Energie ist vorbei. Das ist mehr, als ich persönlich zu hoffen gewagt hatte. Natürlich gibt es eine Spannung zwischen den von den Staaten angekündigten Emissionsreduktionen und dem im Vertrag vereinbarten Ziel, die Erwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten. Bislang werden die Klimapläne fast aller Nationen diesem Ziel nicht gerecht. Aber das Ziel gilt, und jetzt müssen die Regierungen eben Maßnahmen beschließen, um es zu erreichen.

Ist das Ziel, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten, überhaupt noch realistisch?

Das Ziel ist physikalisch noch erreichbar. Dafür müssen auch nicht morgen alle Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, aber es dürfen praktisch keine neuen mehr gebaut werden. Die beschlossene Zwei-Grad-Grenze bedeutet, dass der Ausstoß von Treibhausgasen jetzt schnell verringert werden muss. Dann kriegen wir das über ein paar Jahrzehnte hin. Die Überprüfung alle fünf Jahre, ob die Emissionsreduktionen ausreichend sind, ist extrem wichtig. Technisch machbar ist sie auf jeden Fall, auch wenn das Ergebnis sicher nicht perfekt sein wird. Im Vertrag ist jetzt klar verankert, dass die Ziele dabei nur verschärft werden und nicht gelockert werden dürfen. Bisher reichen die Selbstverpflichtungen der Staaten noch nicht aus, deshalb ist entscheidend, dass der öffentliche Druck bestehen bleibt.

Wie schnell muss man handeln?

Die Staaten müssen sofort anfangen zu handeln – dann haben wir auch ein paar Jahrzehnte Zeit, bis wir uns ganz von Kohle und Öl freimachen müssen. Trippeln wir jetzt hingegen auf der Stelle und zögern bis 2030, dann könnte es zu spät sein oder wird zumindest viel teurer. Wie die einzelnen Staaten die gemeinsam gesetzten Ziele erreichen, entscheiden sie selbst. In den USA wird der Treibhausgas-Ausstoß von Kohlekraftwerken per Verordnung reguliert, China baut einen Emissionshandel wie Europa auf, Deutschland hat den Ausbau der erneuerbaren Energien stark gefördert, andere Staaten führen CO2 -Steuern ein. Die Industrieländer haben beim Klimagipfel versprochen, insgesamt voranzugehen. Sie tragen schließlich durch ihren bisherigen Ausstoß von Treibhausgasen eine besondere Verantwortung. Zugleich haben sie die technischen und finanziellen Mittel für den Umbau. In Paris wurde aber auch erstmals festgeschrieben, dass die Entwicklungsländer ebenfalls handeln müssen. Armutsbekämpfung geht nur, wenn wir den Klimawandel aufhalten, hat die Weltbank festgestellt. Die Energien der Zukunft sind erneuerbar. Auch für Entwicklungsländer ist es dann nicht mehr sinnvoll, in Energien der Vergangenheit zu investieren.

Mindestpreises für CO2 wäre sinnvoll

Was konkret muss Deutschland tun?

Die Bundesregierung hat gemeinsam mit der EU in Paris starken Einsatz gezeigt. Das war einer der Gründe für den Erfolg dort. Wie andere Länder auch muss Deutschland jetzt erstens prüfen, ob die bisherigen Pläne zur Emissionsreduktion nachgebessert werden müssen. Weil wir einen europäischen Emissionshandel haben, müssen wir uns auch diesen noch einmal genau anschauen. Momentan funktioniert der nicht gut, hier wäre die Einführung eines Mindestpreises für CO2 aus Sicht der ökonomischen Forschung sinnvoll. Es geht ja nicht darum, die Wirtschaft zu belasten, sondern die Zukunftsstrategien zu verändern. Zweitens wäre es wichtig, die Energiewende zum Erfolg zu führen, denn sie ist ein weltweit beachtetes Beispiel. Deutschland könnte auch andere Länder bei der Klimawende unterstützen. Es geht darum, nicht zu den Bremsern und Verlierern der globalen Energiewende zu gehören, sondern zu den Treibern und möglichen Gewinnern.

Ab der zweiten Jahrhunderthälfte soll sogenannte Emissionsneutralität erreicht werden. Wie kann es gelingen, keine zusätzlichen Treibhausgase mehr auszustoßen?

Der Pakt von Paris ist – wie schon gesagt – ein starkes Signal: Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe geht zu Ende. Der Himmel gehört allen und kann keine Müllkippe mehr sein. Wenn Entscheider in Wirtschaft und Politik dieses Signal aufgreifen, dann werden Investitionen verstärkt in Entwicklung und Ausbau sauberer Technologien strömen. Bei der Solar-Energie haben wir gesehen, wie rasch hierbei Innovationen wachsen und Kosten sinken können. Weil etwa die Landwirtschaft auch in Zukunft noch Treibhausgase ausstößt, werden im UN-Klimavertrag den Quellen von Emissionen die Senken gegenübergestellt, also jene Stellen, wo Klimagase aus der Atmosphäre entnommen werden. Gemeint ist etwa die Aufforstung von Wäldern, weil Pflanzen beim Wachsen Kohlendioxid aus der Luft aufnehmen und binden.

Auch technische Möglichkeiten dafür werden erprobt. Konkret ist das etwa die Kombination von Biomasse-Kraftwerken mit CCS. Die Abkürzung steht für Carbon-Capture-and-Storage. Gemeint ist das Abspalten und unterirdische Verpressen von Kohlendioxid, das beim Verbrennen der Biomasse in Kraftwerken frei wird. Dadurch gerät es nicht in die Luft. Hier muss die Technik noch weiterentwickelt und gesellschaftlich diskutiert werden. Kurz: Wir stehen am Anfang einer neuen industriellen Revolution.