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Psychische Störungen verändern das Gehirn: Macht uns der Stress seelisch krank?

Chronischer Stress führt zu Fehlanpassungen im Gehirn, die Burnout und Depressionen auslösen können, sagt der Medizin-Nobelpreisträger Thomas C. Südhof.

Chronischer Stress führt zu Fehlanpassungen im Gehirn, die Burnout und Depressionen auslösen können, sagt der Medizin-Nobelpreisträger Thomas C. Südhof.

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Getty Images/Polka Dot RF

"Schon die Jüngsten in der Kita sind durch erhöhten Stress belastet“, verkündet das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit. Der Stress setze sich fort: in Schule und Berufsleben. Man müsse lernen, mit Belastungen umzugehen und bei ersten Zeichen einer Erkrankung professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Prävention und Früherkennung von psychischen Erkrankungen will die „9. Berliner Woche der Seelischen Gesundheit“ fördern. 150 Veranstalter laden vom 10. bis 18. Oktober zu Workshops, Tagungen und Vorträgen ein.

Vor allem Burnout-Fälle scheinen mit Stress zusammenzuhängen. Zuerst aufgetreten war die Diagnose in den USA in den 70er-Jahren bei Patienten mit Pflegeberufen. „Inzwischen gibt es allerdings bereits mehr als 160 Symptome, die mit Burnout in Zusammenhang gebracht wurden“, sagt Prof. Christian Otte, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité. Das zeigt, dass heute etliche Störungen unter Burnout zusammengefasst sind, die man früher anders benannte.

Chronischer Stress führe bei vielen Menschen zu Fehlanpassungen des Gehirns, sagte vor einigen Tagen der Medizin-Nobelpreisträger Thomas C. Südhof auf einer Berliner Tagung zum Thema Stress und neuropsychiatrische Störungen, ausgerichtet von den Limes Schlosskliniken. Neuerungen wie das Smartphone hätten dazu geführt, „dass wir praktisch minütlich im Kontakt mit unserer Arbeit sind“.

Wie der „Stressreport Deutschland 2012“ zeigte, erhöhen hohe Anforderungen allein noch nicht das Krankheitsrisiko. Es geht auch darum, wie viel Kontrolle und Freiräume jemand im Job hat, ob er soziale Unterstützung sowie Anerkennung von Vorgesetzten erfährt. Hier mangelt es in vielen Unternehmen.

Erkrankung ohne äußeren Grund

Um aber wirklich psychisch zu erkranken, braucht es das, was Psychologen Vulnerabilität nennen, also eine erhöhte Verwundbarkeit. Gerade bei Depressionen ist eine Kausalkette zwischen auslösendem Stress und Krankheit nicht immer zu finden. Depressionen entwickelten sich multifaktoriell, sagt der Psychiater Christian Otte. Innere Anfälligkeit und äußere Bedingungen wirken zusammen. Otte nutzt einen erweiterten Stress-Begriff, der neben aktuellen Belastungen auch frühkindliche Erfahrungen, Missbrauch, Gewalterlebnisse, die Trennung der Eltern und anderes erfasst. „Wir wissen zum Beispiel, dass Arbeitslosigkeit ein höherer Risikoaktor ist, depressiv zu werden, als Arbeit zu haben.“

Mancher erkrankt ohne äußerlich sichtbaren Grund – früher endogene Depression genannt. Ein anderer wird trotz ererbter Anfälligkeit nicht krank. Welche Mechanismen hier wirken, erforscht unter anderem die Epigenetik, die Christian Otte als eines der zur Zeit spannendsten Forschungsfelder ansieht. Sehr vereinfacht gesagt: „Bestimmte Gene können durch Umwelteinflüsse ein- und abgeschaltet werden.“ Der Mensch sei nicht einfach Spielball seiner Gene. „Man hat zwar eine bestimmte genetische Ausstattung, und die spielt auch eine Rolle, aber man kann modifizierend eingreifen.“ Mit den beiden großen Säulen der Depressionsbehandlung – Medikamente und Psychotherapie – lässt sich bereits einiges bewirken. Bis zur An- oder Abschaltung bestimmter Gene aber ist es noch ein weiter Weg.

Noch immer verstehe die Wissenschaft nicht genau, „was wirklich im Gehirn eines Menschen passiert, der unter einer psychischen Krankheit leidet“, sagte Thomas C. Südhof. Der Charité-Psychiater Otte stimmt ihm generell zu. Es gebe aber immer wieder Einzelbefunde, bei denen man sich relativ sicher sein kann, sagt er. Eine neuere Erkenntnis sei etwa, dass bei Depressiven die Nebennierenrinde vermehrt das körpereigene Stresshormon Cortisol ausschüttet. „Wenn Stresshormone immer weiter steigen können sie unter anderem den Hippocampus schädigen“, sagt Christian Otte. Der Hippocampus ist eine tief liegende Hirnregion. Er besitzt die meisten Rezeptoren für Stresshormone. In Tierstudien konnten Forscher zeigen, dass er bei sehr hohen Dosierungen von Stresshormonen sogar deutlich schrumpft und geschädigt wird. Stresshormone können auch die sogenannte neuronale Plastizität verändern – also die Eigenschaft des Gehirns, sich an neue Anforderungen anzupassen.

Dieser chronische innere Stress muss nichts mit äußerem Stress zu tun haben. Bei bestimmten Formen von Depressionen können die neurobiologischen Stresssysteme sogar außer Kontrolle geraten, obwohl es aktuell keine stressige Situation gibt.

Es liegt nahe, aus der Erkenntnis über die Rolle des Cortisols medizinische Schlüsse zu ziehen – zum Beispiel einen Test zum Nachweis der Depression zu entwickeln. Doch das ist kaum möglich, denn das Cortisol-Level ist nicht bei jedem Depressiven erhöht, und es kann auch aus ganz anderen Gründen steigen. Glucocorticoide wie das Cortisol können auch nicht einfach medikamentös gedrosselt werden. Denn sie haben lebenswichtige Funktionen, beeinflussen den Stoffwechsel, die Elektrolyte, Herz und Kreislauf. Dennoch zeigte Otte in einer Patientenstudie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erfolgreich, dass die antidepressive Therapie bei vielen Patienten beschleunigt werden kann, wenn man in den ersten drei Wochen zusätzlich zum Antidepressivum ein Medikament gibt, das die Ausschüttung von Cortisol hemmt.

Cortisol wirkt aufs Gedächtnis

Zugleich zeigte sich, dass bei Depressiven das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung steigt. Vor allem Patienten, die nicht auf eine antidepressive Therapie ansprechen, sind betroffen – offenbar unter anderem auch eine Wirkung des Cortisols. Bei guter Therapie mit neueren Medikamenten sinkt das Risiko. Der erhöhte Cortisol-Spiegel führt auch zu schlechterer Gedächtnisleistung bei Depressiven. „Mindestens 90 Prozent der Erkrankten in der akuten Phase sind betroffen“, sagt Otte. Manche klagten auch nach dem Abklingen der Depression noch über Probleme mit Aufmerksamkeit, Gedächtnis oder Planung. Neuere Medikamente und Behandlungsmethoden sollten entwickelt werden, um auch diese Seite der Depression besser zu behandeln, fordert Otte.

Die Forschung ist trotz aller einzelnen Fortschritte noch am Anfang. „Unter dem riesigen Dachbegriff Depression verbergen sich wahrscheinlich sehr viele unterschiedliche Zustände, die auch unterschiedliche Gründe haben“, sagt der Psychiater. „In hundert Jahren sind vielleicht aus dem, was wir heute Depression nennen, fünf verschiedene Erkrankungen geworden.“ Bei dem einen bestehe dann die Therapie darin, das Cortisol zu senken. Bei dem anderen sei es vielleicht wichtiger, sich auf die Katecholamine – also Adrenalin und Noradrenalin – zu konzentrieren. Der Dritte brauche etwas ganz anderes.

„Zum Glück können wir bereits jetzt die Depression ganz gut behandeln“, sagt Otte. Er kann aus seiner klinischen Erfahrung auch nicht bestätigen, dass psychische Krankheiten rasant zugenommen hätten. „Die meisten Studien deuten darauf hin, dass es nicht zu einer epidemischen Zunahme von Depressionen gekommen ist, sondern dass mehr Patienten heute bereit sind, sich zu outen und zu öffnen.“ Depressionen würden mehr erkannt und behandelt. Es gebe neue und wesentlich sicherere Medikamente, bessere Psychotherapien. Das hat offenbar auch dazu geführt, dass sich die Zahl der Suizide seit 1980 fast halbierte. Tragisch ist dennoch jeder einzelne Fall, bei dem es nicht gelingt, die Krankheit rechtzeitig zu diagnostizieren und wirksam zu therapieren.