blz_logo12,9

Rätselhafter Anstieg: Immer mehr Kinder leiden an Diabetes

Blutzuckerkontrolle per Messgerät: Auf den Teststreifen muss ein Tropfen Blut aus der Fingerkuppe.

Blutzuckerkontrolle per Messgerät: Auf den Teststreifen muss ein Tropfen Blut aus der Fingerkuppe.

Foto:

Getty IMages/Bananastock RF

Ihr Tag beginnt mit dem Messen des Blutzuckers und er endet damit. Die Insulinspritze ist ihr ständiger Begleiter. Vor jeder Mahlzeit heißt es, die Menge der darin enthaltenen Kohlenhydrate zu ermitteln – um den Bedarf des blutzuckersenkenden Hormons daran anzupassen.

Für mehr als 30.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland wird der Alltag durch eine Krankheit bestimmt, die hierzulande immer häufiger wird: der Typ-1-Diabetes. Anders als der Diabetes vom Typ 2, der fast immer eine Folge von Übergewicht und Bewegungsmangel ist, bewirkt die – zumindest zum Teil genetisch bedingte – Autoimmunerkrankung, dass die Körperabwehr fälschlicherweise Zellen der Bauchspeicheldrüse attackiert. Dadurch verliert das Organ seine Fähigkeit, Insulin herzustellen.

In kaum einem Land der Welt leiden so viele Kinder an einer Störung des Zuckerhaushaltes: Auf 100.000 Kinder unter 15 Jahren kommen in Deutschland 148 Patienten mit Typ-1-Diabetes. Das hat eine im Sommer in der Fachzeitschrift Plos One veröffentlichte Studie ergeben, an der Wissenschaftler aus Dresden, Leipzig, Karlsburg, Ulm, Düsseldorf, Stuttgart und Tübingen beteiligt waren.

Anstieg um 18 Prozent

Die Forscher um Joachim Rosenbauer vom Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf hatten insbesondere herausfinden wollen, wie stark die Krankheit auf dem Vormarsch ist. Dazu verglichen sie die Zeiträume von 1999 bis 2003 und von 2004 bis 2008 miteinander. In dieser Zeitspanne stieg die Zahl der erkrankten Kinder um 18 Prozent.

Wieland Kiess, Direktor der Universitäts-Kinderklinik in Leipzig und Mitautor der Studie, kann diesen Trend aus eigener Erfahrung bestätigen: „Als ich 1998 nach Leipzig kam, wurden dort 160 Kinder mit Typ-1-Diabetes betreut“, sagt er. „Heute sind es 360.“ Zugleich würden die Patienten immer jünger, bei vielen bräche die Krankheit schon im Kleinkindalter aus. Selbst Neugeborene seien zuweilen betroffen. „Verhindern lässt sich der Ausbruch der Erkrankung bisher nicht“, sagt Kiess.

Auch der im November veröffentlichte „Deutsche Gesundheitsbericht Diabetes 2016“ zeichnet kein positiveres Bild: Ihm zufolge leiden derzeit 30.500 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren an Typ-1-Diabetes. Die Diagnose ist nicht nur unbequem, sondern auch gefährlich: „Ein schlecht eingestellter Blutzucker führt selbst in entwickelten Ländern jedes Jahr zu Amputationen, Erblindungen, Nierenversagen sowie zu Herz- und Gefäßkomplikationen“, sagt Baptist Gallwitz, der Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

„Es gibt viele Hypothesen, von denen keine bewiesen ist“

Wie es zu dem Anstieg der Patientenzahlen kommt, können sich die Experten bislang nicht erklären. „Es gibt viele Hypothesen, von denen keine bewiesen ist“, sagt der Leipziger Mediziner Kiess. „Fest steht nur: Da sich die Gene nicht so schnell verändern, müssen Umweltfaktoren die Schuldigen sein.“

Da auch andere Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Multiple Sklerose in den Industrieländern immer häufiger werden, liegt der Gedanke nahe, dass irgendein Aspekt des westlichen Lebensstils das Immunsystem negativ beeinflusst. Das könnte zum einen die gestiegene Hygiene sein, die unter anderem dazu führt, dass das Immunsystem mit immer weniger Keimen in Berührung kommt. „Womöglich verlernt die Körperabwehr deshalb zunehmend, vermeintliche von echten Bedrohungen zu unterscheiden“, sagt DDG-Präsident Gallwitz.

Christiane Winkler vom Institut für Diabetesforschung (IDF) am Helmholtz-Zentrum in München nennt noch eine Reihe weiterer möglicher Auslöser für den Ausbruch der Krankheit: „Die frühkindliche Ernährung könnte eine Rolle spielen: die Stilldauer, die Einführung der Beikost, speziell die von glutenhaltigem Getreide.“ Auch fehlende körperliche Aktivität könne das Entstehen von Typ-1-Diabetes womöglich begünstigen – ebenso wie eine Infektion mit Coxsackie-B-Viren.

Bei den Keimen handelt es sich um weltweit verbreitete Krankheitserreger, die unter anderem Atemwegsinfektionen und Fieber hervorrufen. „Da ihre Hülleiweiße bestimmten Bestandteilen von Inselzellen ähneln, die in der Bauchspeicheldrüse Insulin produzieren, stehen die Viren schon seit längerem in Verdacht, eine Abwehrreaktion auszulösen, die zur Zerstörung der Inselzellen führt“, erklärt Winkler.

Um den tatsächlichen Ursachen des Typ-1-Diabetes auf den Grund zu gehen, hat die Direktorin des IDF, Anette Ziegler, schon vor mehr als elf Jahren die sogenannte Teddy-Studie zu den Umweltfaktoren von Diabetes bei Kindern initiiert. In die Untersuchung wurden 8668 Neugeborene aus Deutschland, Finnland, Schweden und den USA aufgenommen. Die teilnehmenden Kinder weisen Risikogene auf, die in engem Zusammenhang mit Typ-1-Diabetes stehen. 593 der Probanden kommen aus Deutschland – etwa die Hälfte davon stammt aus Familien, in denen mindestens ein Mitglied an Typ-1-Diabetes erkrankt ist.

Kostenlose Früherkennung

Alle Teilnehmer sollen bis zu ihrem 15. Geburtstag betreut werden. Dazu befragen Ziegler und ihre Kollegen die Eltern regelmäßig zu den Themen Ernährung, Impfungen und Krankheiten. Zusätzlich nehmen sie Blut-, Speichel- und Stuhlproben sowie Nasenabstriche. „Wenn wir mit dieser Studie die Ursachen von Typ-1-Diabetes entdecken, können wir ihm in Zukunft hoffentlich besser Einhalt gebieten“, sagt Winkler.

Bis dahin bleibt Eltern nicht viel anderes zu tun, als einen beginnenden Diabetes ihrer Kinder möglichst früh zu erkennen, um ihn dann optimal zu behandeln. Auch in dieser Hinsicht ist das IDF bereits aktiv geworden: Im Rahmen der Fr1da-Studie wird in Bayern Eltern von Kindern zwischen zwei und fünf Jahren eine kostenlose Untersuchung zur Früherkennung von Typ-1-Diabetes angeboten. „Durch die Suche nach speziellen Autoantikörpern lässt sich die Erkrankung schon feststellen, bevor die ersten Symptome auftreten“, sagt Winkler. Die Patienten und ihre Familien erhielten so Zeit, sich in aller Ruhe mit dem Krankheitsbild auseinanderzusetzen.



Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?