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Scheinbare Realität: Raffinierte Tricks der Zauberer

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Wo hat der Magier wohl nur die  Taube versteckt gehalten, die hier so elegant aus dem Tuch auftaucht?
Wo hat der Magier wohl nur die Taube versteckt gehalten, die hier so elegant aus dem Tuch auftaucht?
Foto: imago/CHROMORANGE

Die Schwäche unseres Gehirns, nur wenige Aufgaben gleichzeitig erledigen zu können, wird von Zauberkünstlern ausgenutzt. Manchmal entgeht einem dann sogar in Gorilla, der durchs Bild läuft.

Die junge Frau bewegt eindrucksvoll ihre Arme und Beine, während ihr Kopf scheinbar vollkommen verschwunden ist. Beim Jonglieren scheint sich einer von drei Bällen einfach in Luft aufzulösen. Ein Gorilla läuft deutlich sichtbar durchs Bild und wird von den meisten Betrachtern einfach übersehen. Wie kann das sein?

Auch in unserer modernen, rationalen Welt funktionieren Zaubertricks meist wunderbar. Und dabei sind meist gar keine aufwendigen technischen Kniffe notwendig. In vielen Fällen reicht es einfach aus, die menschliche Psyche zu kennen – und ihre Schwachpunkte geschickt auszunutzen.

Ein Grund dafür, dass etwas scheinbar Unmögliches passiert, ist die begrenzte Aufmerksamkeit des Menschen: Man kann immer nur eine bestimmte Zahl von Dingen gleichzeitig wahrnehmen, für alles andere ist man sozusagen blind. Wird die Aufmerksamkeit des Beobachters nun geschickt auf einen bestimmten Aspekt des Geschehens gelenkt, werden andere Ereignisse glatt übersehen.

Unbemerkter Gorilla

Genau dies geschieht beim „Trick mit einer Zigarette und einem Feuerzeug“, wie Gustav Kuhn vom Goldsmith College in London in einem Experiment zeigen konnte. Bei diesem Trick lenkt der Magier die Aufmerksamkeit der Zuschauer zuerst auf die eine Hand, in der er ein Feuerzeug hält, dann auf die andere Hand, in der er eine Zigarette hat. Dabei lässt er den Gegenstand in der gerade unbeachteten Hand unauffällig fallen. Und obwohl das Herunterfallen deutlich zu sehen ist, entgeht es der Mehrzahl der Zuschauer.

Selbst sehr auffällige Phänomene werden so vom Betrachter einfach nicht bemerkt. So sahen die Probanden in einer Studie von Daniel Simons von der University of Illinois (USA) ein Video, in dem zwei Teams einen Basketball hin und her warfen. Dabei sollten sie zählen, wie oft der Ball in einem Team den Besitzer wechselte. Gleichzeitig lief deutlich sichtbar ein Gorilla – genauer gesagt, ein als Gorilla verkleideter Schauspieler – zwischen den Spielern umher. Er wurde jedoch von über der Hälfte der Probanden einfach übersehen.

„Dieses Phänomen bezeichnet man auch als Unaufmerksamkeitsblindheit“, erläutert Simons. „Ein verwandtes Phänomen ist die Veränderungsblindheit. Dies bedeutet, dass Menschen oft überraschend große Veränderungen übersehen, wenn sie für kurze Zeit abgelenkt sind.“ Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn jemand einen Moment lang wegschaut, eine Szene für kurze Zeit verdeckt ist oder wenn in einem Film ein Szenenwechsel stattfindet.

So konnte Ronald Rensink von der University of British Columbia in Vancouver (Kanada) zeigen, dass Veränderungen in einem Foto unbemerkt bleiben, wenn dieses ganz kurz vom Bildschirm verschwindet und dann wieder auftaucht. Doch auch größere Veränderungen fallen dem Zuschauer oft gar nicht auf: In einem weiteren von Simons’ Experimenten übersahen 75 Prozent der Teilnehmer, dass der Hauptdarsteller eines Films nach einem Szenenwechsel plötzlich ein ganz anderer Schauspieler war.

Soziale Hinweisreize

„Der entscheidende Faktor bei diesen Tricks ist nicht, was der Beobachter sieht, sondern was er bewusst wahrnimmt“, erläutert Rensink. So ließ sich im Versuch mit der Zigarette und dem Feuerzeug an der Analyse der Augenbewegungen erkennen, dass viele Probanden direkt auf die fallenden Gegenstände schauten – und diese trotzdem nicht sahen.

Auch soziale Hinweisreize spielen bei solchen Täuschungen eine Rolle – zum Beispiel die Blickrichtung oder die Handbewegungen des Vorführers. Aus früheren Untersuchungen ist bekannt, dass Menschen dazu neigen, in die gleiche Richtung zu schauen wie jemand, den sie gerade beobachten.

Kuhn und sein Team untersuchten dies in einem Experiment, in dem der Zauberer einen Ball zwei Mal hochwirft, beim dritten Mal das Hochwerfen aber nur antäuscht – in Wirklichkeit versteckt er den Ball in seiner Handfläche. Tatsächlich erwies sich dieser Trick als deutlich weniger effektiv, wenn der Magier auf seine Hand schaute anstatt mit dem Blick der scheinbaren Wurfrichtung des Balls zu folgen.

Das Erstaunliche bei all diesen Wahrnehmungstäuschungen ist: Den meisten Menschen sind die Einschränkungen ihrer Wahrnehmung überhaupt nicht bewusst. So war die Mehrzahl der Probanden im Gorilla-Experiment überzeugt, dass sie etwas so Auffälliges wie einen großen Affen im Bild auf jeden Fall bemerken würde.

Nicht umsonst bezeichnet man Zauberei auch als Illusion – der Begriff kommt vom lateinischen illusio: scheinbare Realität.

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