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Schmutzforschung: Sternenstaub im Handfeger

Mit einem Wisch ein ganzes Universum weggekehrt: Wollmäuse im Handfeger.

Mit einem Wisch ein ganzes Universum weggekehrt: Wollmäuse im Handfeger.

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Es ist nicht mehr als ein gräuliches Häuflein, eine Handvoll Staub. Aber für Wolfgang Stöcker ist es weit mehr als das. Für ihn ist es eine Reliquie aus Peking. „Das ist der Kaiserliche Palast“, sagt Stöcker mit Ehrfurcht. Dann deutet er auf ein Foto des prachtvollen Gebäudes, das neben der Staubprobe auf dem Blatt Papier klebt. „Und das ist er auch.“ Der Kölner Künstler sammelt seit dem Jahr 2004 Staubproben aus aller Welt. Sie lagern, abgepackt in Tütchen, in Aktenordnern in seinem Büro. „Staub erzählt eine Geschichte“, sagt er.

Der 46-Jährige hat 19 Aktenordner voller Stäube gesammelt, rund 400 mögen es sein, gezählt hat er sie schon länger nicht mehr. Stöcker besitzt Staub vom Mount St. Helens im US-Bundesstaat Washington, gesammelt am Tag seines Ausbruchs am 18. Mai 1980. Aus dem Vatikanischen Museum. Aus dem Petersdom, gesammelt am Tag von Papst Benedikts letzter Weihnachtsmesse. Von den Türmen des Schweigens im Iran, dem Queen Victoria Memorial in Kalkutta und aus Wilhelm Buschs Geburtszimmer. „Staub ist demokratisch, er macht vor keinem Ort der Welt Halt“, sagt Stöcker.

Mit seiner Faszination ist er nicht allein. Philosophen, Chemiker, Biologen, Geologen, Kriminologen und Kosmologen interessieren sich ebenfalls für die Partikel. Einer von ihnen ist Jens Soentgen, wissenschaftlicher Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt an der Universität Augsburg, der bildreich beschreibt, wie sich die Fluse „unter dem Bett mästet und auf- und abrollt wie Seetang in der Brandung“. Der Kampf gegen den Staub sei erfolglos, sagt er, auch mit High-tech-Staubsaugern: „Staub ist ein fahrender Geselle, den man nicht zu fassen kriegt. Auch wenn man ihm auf den Knien hinterherrutscht, weicht er einem aus.“

Jede Fluse hat ihren eigenen Fingerabdruck

Neben Textilfasern finden sich Hautschuppen, Milben und Pilzsporen im Hausstaub wieder. Die Zusammensetzung ist meist ähnlich, und doch ist jeder Staub einzigartig, weil jedes Haar anders und jede Textilfaser spezifisch ist, jede Hautzelle eine andere DNA enthält, jeder Pilz andere Sporen entwickelt. Jeder Staub hat seinen eigenen Fingerabdruck, er kann sogar als Beweismittel in Kriminalfällen dienen. „Die Fluse erzählt von dem Biotop, in dem sie entstanden ist“, sagt Soentgen.

Mit einem Klebestreifen fangen Spurensicherer Proben ein. Sogar Schmauchspuren, anhand derer sich der Revolvertyp zurückverfolgen lässt, können später darin nachgewiesen werden. „Ein Verbrecher versucht natürlich, alles zu entfernen, was auf ihn schließen lässt“, erklärt Jens Soentgen.

„Doch einige kleinste Partikel, ohne Lupe unsichtbar, bleiben immer.“ Es gelingt ihm ebenso wenig wie der Putzkolonne, sie völlig zu eliminieren. Jeder Mensch ist von einer eigenen Staubwolke umgeben, der sogenannten Personal Cloud. Wie sie zusammengesetzt ist, hängt davon ab, was wir anziehen, ob wir rauchen, welche Haustiere wir haben oder welche Kosmetikprodukte wir benutzen. Je mehr Bewegung in einem Haus, desto mehr Staub entsteht. Bei kleinen Kindern, die im Haus herumwuseln, lösen sich durch die Reibung besonders viele Fasern von ihren Textilien.

Urzeitzeigen, Edelmetalle und Gifte

Staub, das ist alles, was der Wind bewegen kann und was lange in der Luft schwebt. Setzt es sich nieder, kann es schon durch sachte Bewegungen wieder aufgewirbelt werden. Es sind die kleinsten, für das menschliche Auge noch sichtbaren Teilchen. Obwohl aus demselben Material, verhalten sich die winzigen Staubteile völlig anders als das große Ganze, von dem sie stammen: Sie haften an senkrechten Oberflächen, sie brechen nicht, selbst wenn sie aus zerbrechlichem Material bestehen. Sie trotzen der Schwerkraft. Grund dafür ist ihre im Vergleich zur Masse größere Oberfläche.

Als Chemiker beschäftigt sich Jens Soentgen mit den gesundheitsgefährdenden Feinstäuben und der Frage, wie wir sie aus unserer Luft verbannen können. Als Philosoph interessieren ihn auch die guten Seiten des Staubs. „Im Staub finden sich Partikel, die so alt sind wie das Sonnensystem“, sagt er. „Urzeitzeugen, Edelmetalle, Gifte – alles einträchtig nebeneinander in einer völlig bizarren Szenerie.“

Wissenschaftler vom Institut für Astrobiologie der US-Raumfahrtbehörde Nasa an der University of Hawaii wollen herausgefunden haben, dass wir dem Staub sogar die Existenz unserer Erde und das Leben darauf zu verdanken haben. Sie glauben, dass sich unser Planet einst aus wassergetränkten Staubkörnchen des solaren Urnebels zusammengeballt hat. So erkläre sich auch das Wasservorkommen auf unserer Erde. Woher das stammt, konnte nämlich noch nie wirklich geklärt werden.

Die Erde ist eine riesige Wollmaus

Etwa 40 Tonnen Sternenstaub pro Tag segeln aus dem All auf die Erde hinab. Dort mischen sich die Partikel mit allem, was sonst noch durch die Atmosphäre schwebt, und landen auf unseren Schreibtischen, kaum mehr zu unterscheiden von all den irdischen Kleinstteilchen. Wissenschaftler statten deshalb Flugzeuge mit speziellen Staubfängern aus und schicken sie in zwanzig Kilometer Höhe, auch Raumsonden sind im Weltall unterwegs, um kosmischen Staub einzusammeln.

Die Elemente, aus denen der kosmische Staub besteht, sind zwar die gleichen, aus denen auch unsere irdischen Stäube heute bestehen. Die Substanzen unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung dennoch sehr deutlich voneinander. Teilweise 4,6 Milliarden Jahre alt ist dieser Staub. Kosmologen erhoffen sich von ihm Informationen über die Frühzeit unseres Sonnensystems, schließen durch ihn auf Wasservorkommen auf fernen Planeten und versuchen zu entschlüsseln, wie sich Stäube zu Monden verdichtet haben.

Die Entstehung von Planeten funktioniert nämlich ganz ähnlich wie die einer Wollmaus: Gesteinsbrocken von einigen Zentimetern Durchmesser sammeln im All Sternenstaub auf, werden größer und ziehen weitere Teilchen an, die sich verdichten. So ist es auch bei der Wollmaus: Staub zieht immer weitere Partikel an, bis ein stattliches Exemplar herangewachsen ist.

Asche zu Asche, Staub zu Staub

Wolfgang Stöcker lässt sich seine fusseligen Sammlungsstücke von „Staubscouts“ mitbringen, Freunden und Bekannten auf Reisen. Außerdem schickt er Anfragen an öffentliche Institutionen, mit der Bitte um eine Staubprobe. Die Korrespondenz und die Geschichten, die dabei entstanden sind, hebt er gemeinsam mit dem Staub auf. Zum Beispiel ließ der chinesische Zoll den Staub nicht aus dem Land, den ein Reinigungsmann an Stöcker schicken wollte. Schließlich nahm der Mann den Staub auf eine Reise nach Europa mit und gab ihn dort auf.

„Ich selbst komme nicht viel rum“, sagt Wolfgang Stöcker. „Aber ich habe Staub aus fast allen Ländern. Ich kann ihn rausnehmen und anfassen. Dadurch bin ich auch irgendwie an diesen Orten.“ In den Uffizien in Florenz habe er vergeblich eine Wollmaus gesucht. „Dort entstauben Restauratoren die Gemälde.“ Als er eine Anfrage an den Gastrokritiker Wolfram Siebeck sandte, antwortete der: „Herr Stöcker, besorgen Sie sich einen Staubsauger!“ Winzer hingegen sähen Staub positiv: Alter wird dort neugierig betrachtet, verstaubte Flaschen gelten als Rarität.

Vor allem an Orten wie dem Kaiserlichen Palast mahnt der Staub den Menschen, das von ihm Geschaffene vor dem Zerfall zu bewahren. Aus Staub ist die Erde entstanden, zu Staub zerfällt sie wieder.