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Social Freezing: Über das Verschwinden der Großeltern

Noch gibt es viele, die mit 60 Jahren oder früher Oma und Opa werden. Einst sorgten die Großeltern für den entscheidenden Evolutionsvorteil des Menschen.

Noch gibt es viele, die mit 60 Jahren oder früher Oma und Opa werden. Einst sorgten die Großeltern für den entscheidenden Evolutionsvorteil des Menschen.

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Getty Images/Charriau Pierre

Mit 34 Jahren, so schreibt die Autorin eines Magazins, wolle sie sich noch nicht für oder gegen eine Familie entscheiden müssen. Deshalb habe sie sich Eizellen einfrieren lassen. Irgendwann soll daraus vielleicht ein Kind entstehen. Was hätte es für Folgen, wenn immer mehr Frauen ihren Kinderwunsch so weit wie möglich hinausschieben – unter anderem mit Hilfe des Social Freezings?

Unabhängig davon, ob man diese Tendenz begrüßt oder nicht, könnte sie sich dramatisch auf das Generationengefüge auswirken und vor allem eine Generation schwinden lassen, die nach Aussagen von Forschern bei der Menschwerdung eine entscheidende Rolle gespielt hat: die der Großeltern.

Fast jedes vierte Kind, das heute geboren wird, hat eine Mutter, die mindestens 35 Jahre alt ist. 1981 war dies nur bei jedem 16. Kind der Fall, teilte das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung mit. Setzt sich dieser Trend fort, könnte es sein, dass irgendwann die meisten Menschen ihre Enkel erst mit 70 bis 80 Jahren kennenlernen, wenn sie ihre Großelternrolle nicht mehr lange wahrnehmen können.

Entgegenzuhalten wäre, dass die Menschen immer älter werden. Eine Frau, die 40 Jahre alt ist, kann mit 43 weiteren Jahren rechnen. Bei einem Mann sind es 39 Jahre. Aber für ein Lebensalter von 80 oder gar 90 Jahren gibt es keine Garantie. Und selbst dann hätte man seine Enkel vielleicht nur noch für wenige Jahre. Hinzu kommt: Mit 80 Jahren leiden bereits 10 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen unter einer Demenz-Krankheit. Unter den 90-Jährigen ist bereits ein Drittel der Frauen dement, bei den Männern etwas weniger. Es könnte also sein, dass viele Kinder Oma und Opa nur noch als alte, verwirrte Menschen kennenlernen.

Abschied von den Menschenaffen

Aber warum ist es so wichtig, auf solche Tendenzen hinzuweisen? Heute verändern sich doch die Lebensmodelle generell. Die Generationen sind mobiler, leben oft weit auseinander, sodass die Großeltern vielleicht gar nicht mehr so sehr gebraucht werden. Interessanterweise aber zeigte eine Studie des Deutschen Jugendinstituts, dass jedes dritte Kind von bis zu drei Jahren mindestens einmal die Woche für mehrere Stunden bei Oma und Opa ist. 40 Prozent der Kinder bis 16 Jahre haben nur eine Viertelstunde Fußweg bis zu ihren Großeltern. In einer Schweizer Untersuchung betonten 90 Prozent der 12- bis 16-Jährigen, dass ihnen ein regelmäßiger Kontakt zu den Großeltern wichtig sei. Diese sind in vielen Familien auch unentbehrliche Helfer.

Aber auch aus evolutionärer Sicht könnte das Schwinden der Großelterngeneration ein tiefer Einschnitt sein. Hat diese Generation doch die Menschwerdung einst erst möglich gemacht. So zumindest sehen es Forscher. „Mit der Evolution der Großmütter und der Langlebigkeit haben wir uns erst aus dem Kreis der anderen großen Menschenaffen verabschiedet“, sagt Eckart Voland, Professor für Biophilosophie an der Universität Gießen. Die Menschen hätten ihren evolutionären Sonderweg nur eingeschlagen, weil sie die Reproduktion auf viele Schultern delegierten. Das begann wahrscheinlich schon vor Millionen Jahren. Vor allem die Großmütter spielten eine entscheidende Rolle. Sie halfen bei der Aufzucht der Kinder, entlasteten die Mütter, die bald wieder schwanger werden konnten. Anders etwa als Orang-Utan-Weibchen, die keine Hilfe erhalten und sich deshalb im Schnitt fünf Jahre Zeit lassen, bevor sie wieder trächtig werden. Bei Schimpansen dauert es noch länger.

Die immer älter werdenden Menschen, die sich wiederum selbst noch fortpflanzten, gaben ihre Gene an die Nachkommen weiter und förderten damit die Langlebigkeit. Mehr Kinder und längeres Leben – das bedeutete eine wachsende Population. Der Mathematiker und Anthropologe Adam Powell vom University College London berechnete: Erst wenn es genügend Menschen auf bestimmtem Raum gibt, entsteht „kulturelle Komplexität“ – Handelsnetze, Kooperationssysteme, ja auch Kunst.

Sogar die Gehirnentwicklung soll durch die Großeltern gefördert worden sein. Peter Weber, Autor des Buches „Der domestizierte Affe“ (2005) beschreibt, dass innerhalb von zwei Millionen Jahren das Gehirn der Urmenschen auf das Vierfache anschwoll. Begründung: Während sich junge Frauen um die Babys kümmerten, fütterten fleißige Großmütter ihre Enkel mit Beeren, Knollen, Wurzeln und Proteinen. Das machte ein größeres Gehirn mit höherem Energiebedarf erst möglich.

Das alles ist ewig her, mag man einwenden. Wir leben in einer modernen Welt mit anderen Formen der Arbeitsteilung. Heute braucht es die Großeltern zum Überleben nicht mehr. Und die Gefahr, dass die Evolution zurückgedreht wird – samt der menschlichen Langlebigkeit –, besteht nach Meinung von Forschern nicht. „Es wird zu einer Veränderung der sozialen Rollen innerhalb der Gesellschaften kommen“, sagt Eckart Voland. „Die Mitspieler auf der Bühne des Sozialen werden sich anders definieren, sich anders verstehen.“ Die sozialen Rollen seien in der Menschheitsgeschichte immer wieder umgebaut worden. Familienstrukturen wandelten sich ständig, und jede Generation bewerte das neu.

Gewiss sind viele Modelle denkbar. So könnten vielleicht die Freunde 50- oder 60-jähriger Eltern die Rolle der bisherigen jungen Großeltern übernehmen. Wenn der Karrieredruck nicht mehr ganz so groß ist, geht vieles entspannter. Und ältere Mütter fühlen sich auch oft ruhiger, reifer und selbstbewusster, als sie mit 20 oder 25 Jahren waren.

Das einzige positive Altersbild

Dennoch gibt es Argumente gegen ein Einfrieren des Kinderwunsches auf unbestimmte Zeit – für ein früheres Kinderkriegen und ein Familienmodell mit relativ jungen Großeltern. Wie eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung ergab, erleichtert die Großelterngeneration jungen Paaren die Entscheidung für das erste Kind oder weitere. Der Einfluss der Großeltern ist größer als der staatlicher Förderung. Sie unterstützen Paare oder Alleinerziehende, sind aber auch Vorbilder: dadurch, dass sie einst selbst als Eltern in der schöpferischen Mitte des Lebens den Alltag mit ihren Kindern meisterten.

Ein positiver Effekt entsteht auch daraus, dass Kinder Einblick in das Leben zweier, nicht selten auch dreier älterer Generationen bekommen: der mitten im Berufsleben stehenden Eltern, der Großeltern und oft auch der Urgroßeltern. Diese sorgen für das Weitergeben von Familiengeschichten und Traditionen. Untersuchungen aus Oxford und München zeigten zudem, dass Kinder, die eine gute Beziehung zu ihren Großeltern haben, häusliche Krisen wie etwa die Scheidung der Eltern besser durchstehen. Für viele sind Oma und Opa eine Art Kummerkasten.

Wichtig scheint auch, dass die Großeltern-Rolle eines der wenigen positiv besetzten Altersbilder ist. Das ergab die Studie des Züricher Soziologen Francois Höpflinger. In der Familie entscheidet sich, welche Haltung die Kinder gegenüber dem Alter haben. Können sie alle Phasen des Erwachsenseins mitverfolgen – oder haben sie von Anfang an Großeltern als Pflegefälle und relativ alte Eltern, denen selbst schon vieles schwer fällt? Und die dann vielleicht selbst besonders betreuungsintensiv werden, wenn ihre eigenen Kinder im besten Karriere-Alter sind. Auch daran sollten jene denken, die jetzt ihren Kinderwunsch möglichst weit nach hinten schieben.