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Star Trek: Wir treffen uns auf dem Holodeck

Mister Spock (Leonard Nimoy), der vulkanische Wissenschaftsoffizier der „Enterprise“, mit einem futuristischen Messgerät.

Mister Spock (Leonard Nimoy), der vulkanische Wissenschaftsoffizier der „Enterprise“, mit einem futuristischen Messgerät.

Foto:

PARAMOUNT PICTURES / Album

„Bordkarte, bitte“, verlangt der junge Mann im goldenen Shirt der Sternenflotte. Angesichts der mit Lasergewehren bewaffneten Mannschaft der „USS K’Ehleyr“ zücken die Besucher schnell ihre im Internet bestellten Tickets. Dann besteigen sie das Raumschiff „USS Audimax“ im Henry-Ford-Bau der Freien Universität (FU) Berlin zur intergalaktischen Gastvorlesung von „Captain Zitt“. Das Publikum ist bunt gemischt. Man sieht martialische Klingonen, spitzohrige Vulkanier oder Jedi. Sogar ein paar ganz gewöhnliche Erdlinge sind darunter. Unter den Klängen der bekannten Filmmusiken treffen die verschiedensten Galaxien aufeinander. Auch Schulklassen aus Berlin und Brandenburg sind angereist zum Vortrag von „Captain Zitt“.

Hubert Zitt, in seinem irdischen Dasein Dozent an der Fachhochschule (FH) Kaiserslautern, ist selbst Fan. Als Ingenieurwissenschaftler interessiert ihn der reale Hintergrund der futuristischen Technologien bei Star Trek. Unter diesem übergreifenden Titel entstanden seit den 60er-Jahren mehrere US-Fernsehserien und Kinofilme. Sie nahmen auf verblüffende Weise technische Entwicklungen vorweg, die heute zum Alltag gehören oder an denen gearbeitet wird.

Entscheidend verantwortlich für den hohen Realitätsgehalt der Visionen war der geistige Vater der US-Fernsehserie aus den 60er-Jahren, Gene Roddenberry. Er legte großen Wert darauf, die Gesetze der Physik zu achten. Von Anfang an beriet er sich mit Wissenschaftlern, damit seine phantastischen Sternenreisen möglichst realistisch erschienen. Mit Erfolg: Spätere Nasa-Bewerber erklärten, Star Trek habe sie motiviert, wirklich nach den Sternen zu greifen. Eines der echten Spaceshuttles wurde nach dem imaginären Raumschiff „Enterprise“ benannt.

Hersteller kupferten ab

In einer Powerpoint-Präsentation erläutert „Captain Zitt“ anhand von Filmszenen, Grafiken und aktuellen Werbespots, wie aus den einstigen Visionen technologischer Alltag wurde. Bekanntestes Beispiel ist zweifellos der Communicator, ein handliches Gerät zum Aufklappen, mit dem die Sternenreisenden von jedem Planeten ihr Raumschiff rufen konnten und auch zu orten waren. Vor 50 Jahren, als es nicht einmal in jedem Haushalt Telefon gab, war dies eine wilde Utopie. Heute, im Mobilfunkzeitalter, ist es längst Normalität. Der Handyhersteller Motorola bekennt offen, bei der Gestaltung seiner Geräte bei Star Trek abgeschaut zu haben. Für die Serie arbeiteten talentierte Requisiteure, die neben dem Sprechgerät auch Tablet-Computer entwarfen. Sie nahmen schon 1987 vorweg, was heute jeder Elektronikmarkt verkauft.

Zur Normalität im Raumschiff von 1966 gehörten zum Beispiel auch Automatiktüren, ein Faxgerät oder die Computer-Identifikation einer Person an ihrer Stimme. Ganz selbstverständlich waren auch Gespräche mit Bildübertragung auf Flachbildschirmen. Diese sind erst heute dank schneller Internetverbindungen weltweit möglich. Als einziges Hindernis wirken da noch die Zeitunterschiede – wenn es für den einen Gesprächspartner mitten in der Nacht, für den anderen aber früher Morgen ist. Bei der Kommunikation musste auch Star Trek Kompromisse im Realismus machen, denn selbst mit Lichtgeschwindigkeit reisen Signale zwischen entfernten Raumschiffen und Planeten Stunden oder Tage. So lange wartet in einem Film niemand auf Antwort.

An anderen Stellen hat die Realität die Vorstellungskraft weit überholt. Zwar gab es 1987 auf dem TV-Raumschiff der Next Generation schon Musik aus dem Computer und Digitalfotografie mit Sofortbildern. Aber dass kleine Smartphones alle diese Funktionen heute in einem Gerät vereinen, dass man mit ihnen dazu noch filmen und im Internet surfen kann, war auch für Visionäre unvorstellbar. Bei der Energieversorgung dieser kleinen Wundergeräte hinken wir allerdings laut „Captain Zitt“ extrem hinterher. Mit den erdachten Energiezellen der Raumschiff-Computer bräuchte man kein Ladegerät, weil sie mit einer einzigen Akkuladung 20 Millionen Jahre arbeiten könnten, während heutige Smartphones jeden Tag an die Steckdose müssen.

Ein anderes visionäres Multifunktionsgerät ist der tragbare Tricorder, der Daten erfasst und verarbeitet, aber auch Messungen und Analysen sofort durchführt. Derzeit läuft bei der US-Stiftung X-Prize eine Ausschreibung über zehn Millionen Dollar für ein Gerät, das verschiedene medizinische Daten erfassen und auswerten kann, wie Blutdruck, Herzfunktionen und bestimmte Blutwerte. Handyhersteller entwickeln Zusatzgeräte, die etwa die Pulsfrequenz oder den Blutzucker überwachen sollen. Hyposprays – Spritzen ohne Nadeln, die per Luftdruck arbeiten – waren bereits 1966 visionärer Standard im All, seit 1999 gibt es sie wirklich.

Beliebteste Erfindung: das Holodeck

Die beliebteste Erfindung unter Star-Trek-Fans ist wohl das Holodeck, erdacht für die Raumschiffe der 80er-Jahre. Hier wird mit Hilfe von holografischen Bildprojektionen eine künstliche Umgebung nach Wahl erschaffen. Über Magnetfelder wirken die Bilder auch wie feste Gegenstände oder Personen. Auf diese Weise könnte man also selbst körperlich in einen Film oder ein Computerspiel einsteigen. „Captain Zitt“ macht den Zuschauern Hoffnung, dass sie diese Erfindung noch erleben könnten.

Denn Vorstufen des Holodecks sind schon in der Entwicklung: In recht realistischen Computerprojektionen führen zum Beispiel Makler ihre Kunden virtuell durch die Räume ihres künftigen Wohnhauses. Und eine japanische Universität konnte mittels Ultraschall Menschen das Gefühl geben, sie spürten holografische Regentropfen tatsächlich auf der Haut. Die Firma Cisco erzeugt in einem Glaskubus ein lebensechtes Ganzkörperbild des Telefon-Gesprächspartners mit kaum spürbarer Zeitverzögerung. Eine interessante Anwendung zum Beispiel für Fernkonsultationen von Ärzten oder Modedesignern.

Im vierten Star-Trek-Kinofilm sorgte es noch für Lacher, dass der Chefingenieur versuchte, mit einem klobigen Computer des Jahres 1986 einfach zu reden, anstatt seine Befehle per Tastatur einzugeben. Heute verstehen Computer bereits gesprochene Befehle und können Reden auch als Text niederschreiben. Apple stellte 2011 sein Siri-Programm vor, mit dem man das Mobiltelefon auch ohne feste Befehlsformel zum Beispiel nach dem Wetter fragen kann.

Eine große Kommunikationshürde stellt dagegen oft noch die Fremdsprache dar. Die virtuelle Sternenflotte nutzte bei Begegnungen mit Anderssprachigen den Universalübersetzer, ein Computerprogramm, das die Hirnwellen selbst von Aliens erkennen und in alle gewünschten Sprachen wandeln konnte, sogar mit einer passenden Stimme. 50 Jahre danach gibt es erste Fortschritte für die irdischen Sprachen. Neben Übersetzungsprogrammen für Texte im Computer bietet ein japanischer Mobilfunkanbieter seinen Kunden mittlerweile ein Tool an, dass simultan japanisch-englische Gespräche dolmetscht. Andere Sprachen sollen folgen. Und Microsoft präsentierte 2012 in China ein Programm, das nach einer gewissen Einhörzeit eine Ansprache des Chefentwicklers aus dem Englischen ins Chinesische übersetzte und dabei dessen eigene Stimme nutzte.

Ohne Visionen keine Erfindung

Bis zu lichtschnellen Raumschiffen mit Warpantrieb wird es wohl noch länger dauern, auch wenn Physiker sie nicht für unmöglich halten. Ob das langersehnte Beamen, also das Reisen im Energiestrahl, jemals Wirklichkeit werden kann, steht in den Sternen. Doch die vorgestellten Beispiele zeigen eindrücklich, dass ohne kühne Visionen keine erfolgreichen Erfindungen entstehen. Deshalb wird „Captain Zitt“ am Ende wieder zum Dozenten, der den Schülern und Studenten zuruft: „Glaubt an eure guten Ideen!“


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