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Studie zu Schulmassakern: Amokläufer sind selten Mobbingopfer

Einschusslöcher, die der Amokläufer von Winnenden hinterließ.

Einschusslöcher, die der Amokläufer von Winnenden hinterließ.

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DPA/Boris Roessler

Erst vor wenigen Tagen war wieder eine dieser Meldungen zu lesen: In Kalifornien vereitelte die Polizei einen Amoklauf. Zwei Jugendliche sollen geplant haben, so viele Menschen wie möglich an ihrer High School zu töten. Die Schulverwaltung schaltete die Polizei ein, weil die beiden sich verdächtig verhalten hätten. Unter anderem sollen sie sich im Internet ausgetauscht haben, wie man Sprengstoff herstellen könnte und welche Waffen geeignet wären.

Leaking nennt die Forschung das Durchsickern von Absichten vor einer möglichen Gewalttat. Für die Prävention spielt es eine ganz entscheidende Rolle. Ein Forscherteam um den Entwicklungspsychologen Herbert Scheithauer von der Freien Universität (FU) Berlin hat deshalb im Zuge des Berliner Leaking-Projekts auch ein Netzwerk namens Netwass installiert, das mögliche Warnhinweise sammeln und zugänglich machen soll. Diese können sehr vielfältig sein. Schüler kündigen ihre Tat direkt an – in einer Drohung, einem Gespräch, bei Facebook, als Zeichnung. Oder sie verhalten sich auffällig, zeigen übermäßiges Interesse an Waffen, sammeln Material über Schulmassaker und Massenmorde, tragen Tarnkleidung oder drohen mit Selbstmord.

Gut geplant und zielgerichtet

All dies kann, muss aber keinesfalls auf eine mögliche Tat hinweisen. Wie schwer Diagnosen zu stellen oder gar Prognosen zu treffen sind, das hat die Debatte nach den großen deutschen Schulmassakern in Erfurt 2002 und Winnenden 2009 gezeigt, bei denen mehr als dreißig Menschen erschossen wurden. Verstört von den ungeheuerlichen Taten behaupteten Medien und auch Forscher, dass Schul-Amokläufer meist selbst Opfer von Mobbing, Menschen ohne Freunde und Außenseiter seien. Es habe sich ein bestimmter Täter-Prototyp verbreitet, sagte der FU-Professor Herbert Scheithauer am Mittwoch in Berlin-Dahlem bei der Präsentation einer neuen Studie, die diese Vorstellungen zumindest relativiert, wenn nicht gar widerlegt.

Untersucht wurden dazu erstmals 35 Studien, die 126 Taten aus 13 Ländern erfassten, darunter die USA, Deutschland, Kanada und Finnland. Bei 67 Taten konnten die Forscher das schulische Umfeld und die Beziehungen der Täter genauer analysieren. Und es stellte sich heraus, dass nur eine Minderheit von 30 Prozent der Täter Opfer von Mobbing durch Gleichaltrige war, auch wenn etwas mehr als die Hälfte durchaus Formen von Zurückweisung im Umfeld der Schule erlebten. Ein Drittel erfuhr dabei eine „romantische Zurückweisung“, wie die Forscher es nennen. Kurz, sie fanden kein Gehör beim anderen Geschlecht, wie es wohl die Mehrheit der 17- oder 18-Jährigen hin und wieder erlebt, ohne zu Gewalttätern zu werden. Besonders interessant: 13 Prozent der Schul-Amokläufer traten vor ihrer Tat selbst als Mobbende in Erscheinung. Das Bild vom einsamen Opfer, das plötzlich „austickt“, lässt sich also nicht halten.

Wie die im International Journal of Developmental Science erscheinende Studie weiter ausführt, hatten 43 Prozent der Täter durchaus Freunde und waren nicht völlig sozial isoliert, wie es in früheren Studien dargestellt wurde. Zwar wurden 48 Prozent der Täter von anderen als Einzelgänger bezeichnet, aber nur 24 Prozent sahen sich selbst als solche.

Die Studie ist Ergebnis des Forschungsprojekts Target, das 2013 an der FU Berlin angesiedelt wurde. Forscher aus sieben Hochschulen und Institutionen arbeiten hier zusammen. Mit dabei sind Entwicklungsforscher, Psychologen, Konflikt- und Gewaltforscher oder Kriminologen.

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