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Studie zum Honeymoon Effect: Beziehungen töten die Lust auf Sex

Im Urlaub haben Paare endlich mal Zeit für sich.

Im Urlaub haben Paare endlich mal Zeit für sich.

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Getty Images/Fuse

Sechs Monate, vielleicht ein Jahr: Länger dauert es nicht, bis sich die Leidenschaft aus Beziehungen stiehlt. Das zeigt eine aktuelle Studie des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften in Mannheim sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München, die im Juli in der Fachzeitschrift Social Science Research veröffentlicht wird. Demnach haben deutsche Paare schon im zweiten Jahr ihrer Partnerschaft deutlich seltener Lust aufeinander als in den ersten Monaten ihrer Beziehung. Die Talsohle des Begehrens wird nach sechs bis acht gemeinsamen Jahren erreicht. Danach stabilisiert sich die Lage in Deutschlands Betten oder erholt sich sogar leicht wieder – allerdings auf niedrigem Niveau.

Die Wissenschaft kennt dieses Phänomen unter dem Namen Honeymoon Effect, der übersetzt Flitterwochen-Effekt bedeutet. Der Begriff wurde 1981 vom britischen Wissenschaftler William H. James geprägt. Er hatte im Journal of Sex Research einen Artikel veröffentlicht, in dem er die sexuelle Aktivität von 21 frisch verheirateten Paaren analysierte. Sein wichtigster Befund: Ein Jahr nach der Hochzeit schliefen die Eheleute im Schnitt nur noch halb so häufig miteinander wie im ersten Monat ihrer Ehe.

Die Daten, die James in seiner Arbeit auswertete, wurden zu einem großen Teil bereits in den 1950er- Jahren erhoben – also zu einer Zeit, zu der vorehelicher Geschlechtsverkehr eher selten war. In seinem Artikel spekulierte der Psychologe jedoch schon damals, dass der Flitterwochen-Effekt bereits mit dem Beginn der sexuellen Beziehung einsetze und nicht erst nach der Eheschließung.

Zufrieden auch ohne Sex

Diese These wird in der aktuellen Studie bestätigt. „Unsere Resultate zeigen, dass im heutigen Deutschland die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs von der Dauer der Partnerschaft abhängt, nicht von Zusammenleben oder Heirat“, schreiben die Autorinnen Jette Schröder und Claudia Schmiedeberg. Die Wissenschaftlerinnen können sich dabei im Gegensatz zu James auf eine breite Datenbasis stützen. Sie haben Angaben von mehr als 2.800 repräsentativ ausgewählten Männern und Frauen ausgewertet, die seit 2009 jährlich zu Details ihrer Partnerschaft befragt wurden. Sie alle waren zwei Jahre oder länger in einer Beziehung. Den Autorinnen zufolge ist der Begriff „Honeymoon-Effect“ also irreführend – mit Hochzeit oder Flitterwochen hat die zunehmende sexuelle Unlust nichts zu tun. Übrigens auch nicht unbedingt damit, dass sich die Partner voneinander entfremden.

Die Studie zeigt, dass sich unter der Gürtellinie auch dann immer weniger abspielt, wenn die Partner sich so gut verstehen wie am Anfang der Beziehung. Sex ist also kein Gradmesser für eine glückliche Partnerschaft. Der Paartherapeut Michael Sztenc bestätigt das: „Ich kenne Partner, bei denen sich auf der erotischen Ebene kaum noch etwas tut, die aber ansonsten sehr liebevoll miteinander umgehen“, sagt er. „Andere streiten permanent und schlafen trotzdem noch regelmäßig miteinander.“

Bis zu einem gewissen Grad sei es ganz normal, dass sich die Leidenschaft in einer Beziehung abkühlt. „Das ist ein Naturgesetz, fast wie die Schwerkraft, wenn man nichts dagegen tut“, sagt Sztenc. Die ersten Monate der Verliebtheit seien eben ein absoluter sexueller Ausnahmezustand.

Wenn die Erotik zu sehr an Bedeutung verliert, kann das jedoch zu einem ernsten Problem werden: 18 Prozent der Frauen und sogar 38 Prozent der Männer stellen ihre Partnerschaft wegen sexueller Unlust in Frage. Das ergab eine Erhebung der Hamburger Partnervermittlung Elitepartner aus diesem Jahr. Befragt wurden etwa 10 000 Männer und Frauen, von denen 5 567 in einer Beziehung waren. „Lustlosigkeit ist das häufigste Thema, weswegen sich Paare bei uns anmelden“, bestätigt auch Elke Wischmann, Sexualberaterin bei Pro Familia in Düsseldorf.

Gründe für die erotische Flaute gibt es viele: Krankheiten, Langeweile. Die Unfähigkeit, die eigenen sexuellen Bedürfnisse in Worte zu fassen. Beziehungsprobleme. Aber auch eine zu große Nähe zueinander kann der Grund sein. Denn Leidenschaft lebt auch von Fremdheit, von Überraschung. Wenn Paare alles gemeinsam machen, tötet das die Lust.

Romantik als Hobby

Oft fehlt es aber zwischen Kinderbetreuung, Hausbau und Karriere schlicht und einfach an Zeit für einander. Michael Sztenc rät Paaren, Erotik als eine Art Hobby zu betrachten, für das man sich verabrede wie für das gemeinsame Joggen. „Zum Beispiel können sich die Partner den Mittwochabend immer freihalten. Sie gehen romantisch essen oder gemeinsam in die Sauna. Und dann schauen sie, ob vielleicht noch etwas passiert.“ Die Vorstellung, Sex müsse immer spontan und ungeplant sein, hält der Paartherapeut für romantischen Humbug: „Es ist selten, dass zwei viel beschäftigte Menschen gleichzeitig Lust haben und auch die Zeit, diese auszuleben.“

Wie viel Sex Paare für ausreichend halten, ist individuell völlig unterschiedlich. Elke Wischmann von Pro Familia warnt davor, das eigene Liebesleben irgendwelchen Normen zu unterwerfen. „Ich habe Paare, die schlafen dreimal im Jahr miteinander, sind aber eigentlich zufrieden damit. Im Hinterkopf spukt ihnen jedoch die Idee herum: Wir müssten doch eigentlich öfter. Schließlich hört und liest man überall etwas von zweimal in der Woche.“ Diese Möglichkeit, sich mit anderen zu vergleichen, sei einer der Kehrseiten der sexuellen Revolution, sagt Elke Wischmann. Denn mit dieser Möglichkeit steige die Angst, im Bett keine angemessene Leistung zu bringen. „Heute werden wir an allen Ecken mit Sexualität konfrontiert, bis wir schließlich denken: Mensch, wir sind nicht normal, weil wir nicht mehr so häufig miteinander schlafen wie in den ersten drei Jahren.“



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