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Territorium: Die Mauer in den Köpfen der Hirsche

Im Grenzgebiet muss man sich tarnen, scheint dieser Rothirsch zu denken.

Im Grenzgebiet muss man sich tarnen, scheint dieser Rothirsch zu denken.

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Imago/Blickwinkel

Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, dass die Grenzanlagen zwischen Ost und West abgebaut wurden. Zwischen Böhmerwald und Bayerischem Wald erstreckte sich einst die gesicherte Grenze der sozialistischen Tschechoslowakei zur Bundesrepublik und zu Österreich. Was sich heute Schulkinder kaum noch vorstellen können, ist in den Köpfen mancher Tiere noch immer präsent. Wie Naturforscher festgestellt haben, machen Hirsche – vor allem weibliche – noch immer an der alten Grenze halt.

„Die Hirsche auf der tschechischen Seite des Böhmerwalds wandern genau bis zu der Stelle, wo früher Stacheldraht den Sperrbereich vor der Staatsgrenze markierte“, sagt Pavel Sustr, Zoologe im Nationalpark Böhmerwald (Sumava), der unmittelbar an den Bayerischen Wald grenzt. Die Forscher hatten die Tiere mit Funk-Halsbändern ausgestattet und sie sechs Jahre lang beobachtet. Insgesamt erfassten sie damit das Verhalten Hunderter Tieren auf tschechischer und deutscher Seite.

Dass sich die Tiere auch heute noch an die Grenzen halten, hat gewiss nichts mit politischen Einstellungen zu tun. Nach so langer Zeit wirken auch kaum noch möglicherweise negative Erfahrungen mit den Grenzanlagen nach. Die Forscher gehen davon aus, dass die Hirschkühe ihren Nachwuchs „trainieren“ und die Abgrenzung ihres Territoriums von Generation zu Generation weitergeben. Das Wissen über die alte Grenze wird sozusagen immer weiter vererbt. Die Hirschkühe zeigen ihren Kälbern, die von Mitte Mai bis Anfang Juni geboren werden und bereits wenige Stunden nach der Geburt stehen und laufen können, in welchen Gegenden sie sich aufhalten und welche Pfade sie benutzen sollen. In Folge dessen nutzt der Rothirsch (Cervus elaphus) des Böhmerwalds ein Gebiet von etwa 60 Quadratkilometern.

Jenseits der alten Grenze sieht die Situation differenzierter aus. „Nur die Weibchen bleiben zumeist auf deutscher Seite“, sagt der Wildtierforscher des Nationalparks Bayerischer Wald, Marco Heurich. Das liege zum einen an der Topografie, weil sich zwischen Tschechien und Deutschland eine Bergkette erstreckt. Zum anderen werde auf tschechischer Seite seit einigen Jahren wieder gejagt. „Aus Sicherheitsgründen bleiben die Weibchen mit ihrem Nachwuchs dann lieber im Nationalpark auf deutscher Seite.“ Dagegen seien die männlichen Hirsche durchaus Grenzgänger, betont Marco Heurich. „Vor allem junge Tiere streifen viele Kilometer weit über die ehemalige Grenze auf der Suche nach Weibchen.“ Jährlich werden im Nationalpark auf deutscher Seite etwa 20 Tiere mit Sendern ausgestattet.

Das Mittelgebirge des Böhmerwalds ersteckt sich mehr als hundert Kilometer entlang der Grenze zwischen Tschechien, der Bundesrepublik Deutschland und Österreich. Mit dem angrenzenden Bayerischen Wald bildet es das größte zusammenhängende Waldgebiet in Mitteleuropa. (mit dpa)


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