07.12.2011

Viren gegen Krebs: Tödliche Erkältung für den Krebs

Von Karl-Heinz Karisch
Trotz aller medizinischer Fortschritte: Jeder dritte Krebspatient stirbt derzeit an seiner Krankheit. Nun wurde der erste Patient mit speziellen Viren behandelt, die eines Tages Tumore beseitigen sollen.
Trotz aller medizinischer Fortschritte: Jeder dritte Krebspatient stirbt derzeit an seiner Krankheit. Nun wurde der erste Patient mit speziellen Viren behandelt, die eines Tages Tumore beseitigen sollen.
Foto: dpa

Trotz aller medizinischer Fortschritte: Jeder dritte Krebspatient stirbt derzeit an seiner Krankheit. Nun wurde der erste Patient mit speziellen Viren behandelt, die eines Tages Tumore beseitigen sollen.

Die Schlacht findet im Mikrokosmos statt. Viren docken an Zellen an, pressen ihr Erbgut hinein. Die Zellen werden dadurch gezwungen, unzählige Kopien der Viren herzustellen – und sterben selbst dabei ab. Das menschliche Immunsystem ist ständig damit beschäftigt, diese Attacken abzuwehren. Die meisten Angriffe bemerkt der Mensch gar nicht – viele Viren machen aber krank, teilweise sind sie sogar tödlich. Selbst aggressive Krebszellen sind nicht vor ihnen gefeit. Deshalb wollen Mediziner diese Schwachstelle der Tumore nutzen und schon bald Viren für unkonventionelle Krebstherapien einsetzen. Trotz aller medizinischer Fortschritte: Jeder dritte Krebspatient stirbt derzeit an seiner Krankheit.

Nach rund zehn Jahren Vorbereitung ist vor kurzem an der Universitätsklinik in Heidelberg der erste Patient mit einem Gehirntumor (Glioblastom) mit sogenannten onkolytischen Viren behandelt worden. Weltweit erstmals wurden dafür Parvoviren eingesetzt.

Winzlinge im Mikrokosmos

Der Speichel tollwütiger Hunde ist
der Ursprung des Wortes Virus. Es stammt aus dem Lateinischen und
bedeutet Gift oder Schleim.

Viren benötigen Wirtszellen, um sich zu vermehren. Dazu docken Viren an Zellen an und programmieren die Zelle mit ihrem eingeschleusten Virus-
Erbgut so um, dass die Zelle beginnt, in großer Anzahl Virusbestandteile zu produzieren. Die einzelnen Bauteile lagern sich von selbst zu bis zu tausend kompletten neuen Viren zusammen. Bei deren Ausschwärmen sterben die Wirtszellen meist ab. Die neuen Viren infizieren nun weitere
Zellen.

Die Größe von Viren variiert zwischen 20 und 300 Nanometern (Millionstel Millimeter); sie sind üblicherweise sehr viel kleiner als Bakterien.

In der Medizin werden Viren derzeit versuchsweise in der Krebstherapie eingesetzt. Weitere Möglichkeiten sind die Bekämpfung von resistenten Bakterien bei Infektionen und die Gentherapie. Dabei wird eine Virushülle mit gesundem menschlichem Erbgut beladen, das dann vom Virentaxi in den Zellen abgeladen wird

Weitere 17 Patienten sind eingeplant

Nach Angaben von Andreas Unterberg, dem Ärztlichen Direktor der Neurochirurgie, hat der Patient die Therapie sehr gut überstanden und konnte die Klinik bereits verlassen. In dieser ersten Phase wird allerdings noch nicht eine Heilung angestrebt, dafür sind die Virusmengen noch zu gering. Mit weiteren 17 Patienten soll in den kommenden eineinhalb Jahren zunächst die Unbedenklichkeit des Verfahrens belegt werden. Entwickelt wurde die Parvoviren-Therapie von Professor Jean Rommelaere vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. „Das Glioblastom ist ein bösartiger Tumor, für den es keine gute Therapie gibt“, erläutert der Krebsforscher. Auch wenn die Geschwulst mit Operation, Bestrahlung und Chemotherapie behandelt wird, leben nach fünf Jahren nur noch fünf von hundert Patienten.

Gemeinsam mit dem Chirurgen Karsten Geletneky, der jetzt auch den ersten Eingriff am Menschen vornahm, konnte Rommelaere bereits im vergangenen Jahr zeigen, dass im Tierversuch mit Ratten bei acht von zwölf Tieren der Tumor vollständig abstarb. „Parvoviren töten Tumoren aufgrund natürlicher Eigenschaften ab und bauen ihr Erbgut auch nicht in das Genom der Wirtszelle ein“, erläutert er die Vorteile. Normalerweise befallen Parvoviren Nagetiere wie Ratten. Sie haben einen Durchmesser von nur 20 Millionstel Millimeter und gehören damit zu den kleinsten bekannten Viren.

„Unser Parvovirus H1 verursacht beim Menschen keine Krankheitssymptome“, sagt der Krebsexperte. Da das menschliche Immunsystem zudem nur selten mit diesen Viren in Kontakt komme, bestehe meist noch keine Immunität. So können die Viren in aller Ruhe zunächst den Tumor zerstören, bevor sie selbst zur Zielscheibe der körpereigenen Abwehr werden.

Kurzes Zeitfenster

„Wir nutzen ein Fenster von rund zehn Tagen, in denen das Virus den Krebs angreifen kann, ohne dass das Immunsystem bereits die Viren beseitigt“, sagt Rommelaere. Man habe zudem zeigen können, „dass die Parvoviren mit dem Immunsystem koexistieren können, sie werden nicht komplett beseitigt“.

Oberarzt Geletneky will die Patienten mit zwei Varianten behandeln. „Entweder injizieren wir zuerst die Viren über einen stereotaktischen Eingriff direkt in den Tumor – oder der Patient erhält die Therapie zu Beginn über die Vene“, berichtet er. Denn Parvoviren können vom Blut direkt ins Gehirn wandern. Nach zehn Tagen werde dann der geschrumpfte Tumor entfernt und der Patient bekomme weitere Viren direkt in den Bereich um das entfernte krankhafte Gewebe herum verabreicht.

Das gesamte Verfahren der Studie ist langwierig. „Erst wenn die erste Phase gut abgeschlossen ist, können wir mit höheren Virusmengen arbeiten, die dann auch den Krebs stärker angreifen sollten“, sagt Krebsforscher Rommelaere. „Allerdings hoffen wir schon jetzt auf zumindest nachweisbare Wirkungen auf den Tumor, auch wenn wahrscheinlich noch keine Heilung möglich ist.“

Immerhin gilt das Verfahren aber als so hoffnungsvoll, dass das Paul-Ehrlich-Institut in Langen nach intensiven Gesprächen die Erlaubnis zur ersten Virustherapie am Patienten in Deutschland erteilt hat. „Ergebnisse werden frühestens in einem Jahr vorliegen“, warnt auch Rommelaere vor vorschnellen Hoffnungen. „Wir verwenden ein Virus vom Wildtyp“, sagt er. Im Labor werde aber bereits an Modifikationen gearbeitet, um die Effizienz weiter zu steigern. Zudem sind die Viren nicht auf Gehirntumore beschränkt, sie können auch andere problematische Geschwulste angreifen, etwa Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Glioblastome sind allerdings eine besondere Herausforderung, weil die aggressiven Krebszellen extrem beweglich sind und als winzige Zellklümpchen gesundes Gehirngewebe durchwuchern. Professor Ulrich Lauer von der Uniklinik in Tübingen experimentiert bereits seit einigen Jahren mit einem abgeschwächten Masern-Impfstoff-Virus, der millionenfach geimpft wurde und als extrem sicher gilt. Da allerdings viele Menschen bereits geimpft sind oder Masern hatten, ist das Immunsystem hier besonders wachsam. Es fängt die Viren häufig ab, bevor sie bis zu den verstreuten Gehirntumoren gelangen können.

Gemeinsam mit Dr. Ghazaleh Tabatabai vom Universitätsspital in Zürich will er nun Blutstammzellen nutzen, um das Immunsystem zu überlisten. „Die Stammzellen könnten die Krebsmedikamente wie ein Trojanisches Pferd direkt zu den Tumorzellen transportieren“, erläutert Tabatabai. Die Viren vermehren sich im Tumor angelangt ungehindert und lösen das entartete Gewebe auf, während gesunde Zellen nicht betroffen sind – sie verfügen über eine intakte Virusabwehr. Soweit zumindest die Hoffnung.

Hoffnung im Labor

Weit fortgeschritten – allerdings noch im Laborstadium – sind auch die Arbeiten der Gruppe um Privatdozent Dirk Nettelbeck am Deutschen Krebsforschungszentrum und an der Universitäts-Hautklinik Heidelberg. Er will zunächst Schwarzen Hautkrebs (Malignes Melanom) mit Adenoviren bekämpfen. „Das sind Erkältungsviren, die man normalerweise über die Atemwege aufnimmt“, berichtet Nettelbeck. „Adenoviren können menschliche Zellen sehr gut infizieren, rufen aber andererseits keine hochgefährlichen Infektionserkrankungen hervor.“

Sich selbst sieht Nettelbeck als „Virus-Ingenieur“, der mit Adenoviren besonders umfangreiche Versuche planen kann. Denn Adenoviren sind wissenschaftlich außergewöhnlich gut erforscht und beschrieben, sie sind seit langem das Versuchskaninchen der Molekularbiologen.

Sie werden auch schon seit längerer Zeit für Gentherapien benutzt, quasi als Taxi in die menschliche Zelle, um dort bestimmte gesund machende Gene abzuliefern. „Auch in diesem Bereich sind inzwischen Hunderte Patienten behandelt worden“, erläutert der Heidelberger Forscher.

Für Nettelbeck bot sich zudem der Schwarze Hautkrebs an, weil in ihm besondere Genschalter vorhanden sind. Mit ihnen konnte das Virus so verändert werden, dass es sich ausschließlich in Tumorzellen vermehren kann. „Ein zweiter Weg war die Frage, ob wir gleichzeitig das Immunsystem gegen den Krebs aktivieren können“, berichtet Nettelbeck.

Er benutzt dafür Dendritische Zellen, für deren Bedeutung im Immunsystem der diesjährige Medizin-Nobelpreis an den kanadischen Forscher Ralph Steinman vergeben wurde. Steinman selbst konnte Anfang Oktober die frohe Nachricht aus Stockholm nicht mehr entgegennehmen, er war wenige Tage zuvor an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben.

„Dendritische Zellen spielen eine Schlüsselrolle bei der Immunantwort“, sagt Nettelbeck. „Wir schauen uns an, wie sie beeinflusst werden durch Adenoviren-infizierte Tumorzellen.“ Der Krebsforscher hofft, dass das Immunsystem dadurch den Tumor zusätzlich angreift.

Bedenken ausgeräumt

„Für Hautkrebs ist ein spezifisches Adenovirus entwickelt worden, das nur Melanome befällt“, sagt er. Grundsätzlich lasse sich diese Strategie aber auch auf andere Tumorarten übertragen. „Aber das ist noch ein langer und steiniger Weg.“ Denn Adenoviren dringen verschieden gut in andere Tumorarten ein. „Das wollen wir beeinflussen, indem wir die Virusoberfläche verändern“, so Nettelbeck. Er verfolgt eine Strategie, „die Viren bereits beim Zelleintritt mit einer Tumorspezifität auszustatten, so dass sie effektiv in Tumorzellen, nicht aber in gesunde Zellen eindringen“.

Die Bedenken zu Beginn, ob man Patienten mit Viren infizieren darf, sind laut Nettelbeck inzwischen ausgeräumt. „Heute wissen wir, dass die Verträglichkeit erstaunlich gut ist. Die in bisherigen klinischen Studien beobachteten Nebenwirkungen sind deutlich geringer als bei den meisten Chemotherapien“, sagt er.

Sicher würde jeder Krebspatient die Symptome einer schweren Erkältung gerne in Kauf nehmen, wenn er dadurch geheilt würde. Die Krebsforscher sind aber mittlerweile sehr vorsichtig mit ihren Prognosen. Schon mehrfach brachte die Virotherapie im Labor hervorragende Ergebnisse, die sich dann im realen menschlichen Körper nicht mehr zeigten.

Vorsichtiger Optimismus ist dennoch angebracht. „In den letzten Jahren ist die Virotherapie in der klinischen Forschung deutlich vorangeschritten“, meint der Heidelberger Krebsforscher Nettelbeck. Und in den Labors seien neue, deutlich verbesserte Viren entstanden, die schon bald an Patienten erprobt werden könnten.

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