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Wassertiere gegen Pilze: Winzige Räuber gegen gemeine Killer

Winzig klein und riesig nützlich für Amphibien: Rädertierchen wie das Fußborsten-Rädertier. Die kleinen Wassertierchen helfen gegen Pilze, die sich auf Fröschen und Lurchen ansiedeln.

Winzig klein und riesig nützlich für Amphibien: Rädertierchen wie das Fußborsten-Rädertier. Die kleinen Wassertierchen helfen gegen Pilze, die sich auf Fröschen und Lurchen ansiedeln.

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Dirk Schmeller

Drei oder vier Stunden Fußmarsch durch die Pyrenäen mögen an sich ja eine schöne Sache sein. Wenn man aber 30 bis 40 Liter Wasser von einem Gebirgssee ins Tal schleppen soll, wird es ziemlich anstrengend. Vor allem, wenn es nicht bei einem Gewässer bleibt.

Also haben Dirk Schmeller vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig und seine Kollegen für ihr Forschungsprojekt vierbeinige Hilfe angeheuert. „Einen Teil unserer Wasserproben haben wir mit Eseln und Maultieren aus den Bergen geholt und anschließend ins Labor geschafft“, berichtet der Biologe. Den Rest haben die Forscher selbst getragen und so eine Kollektion von rund 100 Proben aus mehr als 30 Seen zusammengestellt. Ein aufwändiges Unterfangen.

Doch es hat sich gelohnt. Denn in der Bergwelt der Pyrenäen ist das Team aus deutschen, französischen, belgischen und britischen Wissenschaftlern auf einen Hoffnungsschimmer für bedrohte Frösche gestoßen. Möglicherweise gibt es doch ein Rezept gegen den tödlichen Chytrid-Pilz, der weltweit zahlreiche Amphibien dahinrafft.

Dabei schien der berüchtigte Froschkiller auf seinem Siegeszug um die Erde kaum zu stoppen zu sein. Batrachochytrium dendrobatidis, von Experten kurz Bd genannt, ist mittlerweile auch in entlegenen Lebensräumen auf fast allen Kontinenten aufgetaucht und hat viele Amphibienbestände an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. „Wir haben es hier mit einer der verheerendsten Wildtierkrankheiten der Welt zu tun“, sagt Dirk Schmeller. In den Pyrenäen haben er und seine Kollegen Populationen gesehen, die in fünf Jahren von 5000 auf 3 Mitglieder geschrumpft sind.

Schon vor ein paar Jahren ist den Forschern allerdings aufgefallen, dass die Situation nicht in jedem Pyrenäen-See gleich dramatisch ist. Die Gewässer unterscheiden sich nicht nur in ihrer Vegetation und Geologie, sondern auch im Gesundheitszustand ihrer Amphibien. Wie groß die Unterschiede sein können, dokumentierten die Forscher am Beispiel der Geburtshelferkröten.

Bedrohte Geburtshelferkröten

Mit einer Art Wattestäbchen haben sie einen Abstrich von der Haut der Amphibien genommen, der dann im Labor untersucht wurde. So lässt sich feststellen, ob das jeweilige Tier infiziert ist oder nicht. Dieser Gesundheitscheck führte je nach See zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. In den meisten Gewässern hatte der Pilz höchstens fünf Prozent der Geburtshelferkröten befallen, mancherorts waren die Tiere auch ganz verschont geblieben. In neun Seen aber lag die Infektionsrate bei mehr als 90 Prozent. Woher kommen diese großen Unterschiede in relativ nahe beieinander liegenden Gewässern, die sich klimatisch kaum unterscheiden?

Um das herauszufinden, untersuchten die Forscher Wasserproben aus den einzelnen Seen im Labor. Zunächst testeten sie die Wirkung des Wassers auf die frei schwimmenden Sporen, über die sich der Pilz verbreitet. Stammte die Probe aus einem See mit wenigen befallenen Kröten, nahm die Zahl der beweglichen Bd-Sporen schon nach zwei Stunden deutlich ab. In Wasser aus stark infizierten Seen geschah das dagegen erst nach 33 Stunden.

Mit Unterschieden in der Gewässerchemie ließ sich dieser Effekt nicht erklären. Doch in einer Reihe von Experimenten fand das Team einen anderen interessanten Zusammenhang: Je mehr winzige Tierchen im Wasser schwammen, umso rascher verschwanden die Sporen und umso eher blieben die jungen Kröten von der gefährlichen Infektion verschont. Offenbar sind in manchen Seen also mikroskopisch kleine Räuber unterwegs, die unter den Erregern kräftig aufräumen.

Wer aber sind diese Pilzvernichter? Mark Blooi und seine Kollegen von der Universität Gent haben das getestet und insgesamt 15 kleine Wasserbewohner auf schwimmende Bd-Sporen angesetzt. Als effektivste Bekämpfer erwiesen sich dabei die Mitglieder einer Rädertier-Familie namens Notommatidae. Wenn sich diese Organismen im Wasser befanden, reduzierten sie nicht nur die Zahl der Sporen massiv. Als die Forscher Kaulquappen dazusetzten, zog sich kein einziges Tier eine Pilzinfektion zu. Den beiden Pantoffeltierchen Paramecium aurelia und Paramecium caudatum gelang es immerhin, die Befallsrate auf niedrigem Niveau zu halten.

Besser als Chemikalien

Können die winzigen Räuber also vielleicht helfen, das Amphibiensterben einzudämmen? Die Forscher halten das für eine vielversprechende Idee, die nicht nur in den Pyrenäen funktionieren könnte. Möglicherweise lässt sie sich auch auf andere Kontinente übertragen. Das aber wäre eine sehr gute Nachricht. Denn neue Strategien zur Bekämpfung des Erregers sind dringend gefragt. Bisher ist die Liste der zur Verfügung stehenden Waffen nämlich sehr kurz.

Es gibt zwar durchaus die Möglichkeit, Pilze mithilfe von Chemikalien abzutöten. „Das ist in diesem Fall aber keine Lösung“, meint Dirk Schmeller. Denn der Amphibienkiller gehört zu einer großen und weit verbreiteten Gruppe von Pilzen, die keineswegs nur unerwünschte Krankheitserreger umfasst. Viele ihrer Mitglieder spielen in den Ökosystemen eine wichtige Rolle, etwa beim Abbau von abgestorbenem Pflanzenmaterial. Chemikalien gegen den Chytridpilz aber würden auch diese Arten abtöten – mit unabsehbaren Folgen.

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