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Wissenschaftspreis 2013: Die Anfälligkeit weiblicher Herzen

Ein Bypass (blau) überbrückt ein verengtes Herzkranzgefäß. Eine Forscherin wollte wissen, warum nach Bypass-Operationen mehr Frauen als Männer sterben.

Ein Bypass (blau) überbrückt ein verengtes Herzkranzgefäß. Eine Forscherin wollte wissen, warum nach Bypass-Operationen mehr Frauen als Männer sterben.

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BSIP/Your Photo Today

Für die Mediziner war es ein Rätsel: Nach Bypass-Operationen wegen verengter oder verschlossener Herzkranzgefäße sterben im Verhältnis mehr Frauen als Männer. Woran liegt das? Die junge Wissenschaftlerin Anne Dunkel hat sich des Problems angenommen. Für ihre Doktorarbeit an der Berliner Charité wertete sie Daten von 1 587 Patienten aus. 23,3 Prozent von ihnen waren Frauen. Sie fand heraus, dass die Ursachen nicht in der medizinischen Versorgung liegen, sondern vor allem im psychosozialen Feld. Weibliche Patienten sind zum Zeitpunkt der Operation oft älter als Männer, sie leiden häufiger unter Depressionen. Ihnen geht es insgesamt schlechter. Auch schwierige Umfelder oder fehlende Unterstützung spielen eine Rolle. Die Doktorarbeit von Anne Dunkel gibt Ärzten nun die Grundlage, solche kritischen Fälle früh zu erkennen und sorgfältiger zu begleiten.

Dafür erhält die junge Doktorin in diesem Jahr einen der Wissenschaftspreise des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI). Mit ihr werden sechs Forscherinnen und Forscher ausgezeichnet, deren Arbeiten „in besonderer Weise zur Förderung der Wissenschafts- und Wirtschaftsentwicklung der Region beitragen“. Verliehen werden die Preise am 28. Oktober im Berliner Verlag.

Der regionale Effekt der Arbeit von Anne Dunkel liegt klar auf der Hand. Er geht weit über die Wissenschaft und Wirtschaft hinaus. „Damit können Sie tatsächlich Leben retten“, sagt Peter Deuflhard, Senior Professor für Angewandte Mathematik an der Freien Universität (FU) Berlin. Er sitzt der zwölfköpfigen Jury aus Mitgliedern der beteiligten Hochschulen und des VBKI vor, die die Gewinner aus etwa 20 eingesandten Doktor- und Masterarbeiten ausgewählt hat.

Mehr Gründer aus der Uni

Berlin-Brandenburg ist eine industriell strukturschwache Region. „Wir sind darauf angewiesen, dass wir veredeln“, sagt Peter Deuflhard. Der 1879 gegründete VBKI ist einer der ältesten deutschen Wirtschaftsclubs. 20 Jahre lang hatte er einen wissenschaftlichen Europapreis vergeben. Daraus entwickelte sich der VBKI-Wissenschaftspreis, der 2012 erstmals verliehen wurde. Er soll die dringend notwendige „Veredelung“ der Ressourcen in der Region besonders fördern.

Ein Beispiel dafür sind Unternehmensgründungen aus der Wissenschaft heraus, womit sich die Unis oft schwer tun. Peter Deuflhard setzte sich als einstiger Präsident des Zuse-Instituts Berlin (ZIB) selbst für die Gründung solcher sogenannter Spin-off-Firmen ein. „In der Regel hat man ein Produkt, zum Beispiel eine Software, die in der Forschung entwickelt worden ist“, sagt er. „Wir ermutigen junge Leute und sagen: Wenn ihr wollt, gründet eine Firma.“ Am Anfang stehe das Unternehmen unter dem Schutz des Instituts. Irgendwann müsse es sich freischwimmen.

Die Psychologin Astrid Lange von der BTU Cottbus stellte in ihrer Doktorarbeit fest, dass Hochschulabsolventen mit 14 Prozent noch immer eine Minderheit unter den Firmengründern seien. Dagegen hätten 43 Prozent eine Lehre oder eine Berufsfachschule hinter sich. 30 Prozent besäßen gar keinen Berufsabschluss. Astrid Lange fragte nun, was junge Menschen „ureigen mit der Gründung eines Unternehmens verbinden“, wie sie die Chancen, Risiken und Belastung einschätzen. Die Arbeit soll Hochschulen – fußend auf der „Theorie des geplanten Verhaltens“ – eine psychologische Basis liefern, um mehr Studenten für den Job Unternehmer zu begeistern. Gerade unter Studenten sind Vorbehalte weit verbreitet. Viele glauben nicht, eine gute Idee finden und vermarkten zu können. Sie befürchten eher beruflichen Misserfolg und finanzielle Verluste. Astrid Lange gibt eine Reihe von Empfehlungen, wie man solchen Vorbehalten an der Uni begegnen kann – in der Lehre und bei der Gründungsförderung.

Markus Burger von der FU Berlin wiederum liefert eine laut Gutachten bedeutsame Dissertation für die Entwicklung der Berliner Region als einer „Weltspitzenregion im Bereich der optischen Technologien“. Er untersuchte, wie über Rahmenbedingungen Kooperationen unter Forschern und Firmen gefördert oder behindert werden. Peter Deuflhard erzählt, was er selbst erlebte: Eine der Firmen aus dem Zuse-Institut habe in Berlin mit der Infineon Technologies AG ein Unternehmen auf dem Gebiet der Nano-Optik gründen wollen. Doch die Berliner Behörden hätten drei Wochen nicht geantwortet und dann gesagt, dass sie auf E-Mails überhaupt nicht antworteten. Schließlich gründete Infineon in München sein Unternehmen – innerhalb einer Woche. Deuflhard sagt, man bräuchte in Berlin eine „One-Stop-Agency“ – eine Stelle, die Gründern alle bürokratischen Wege abnehme.

Aber in den Arbeiten geht es bei weitem nicht nur um Gründungen. Matan Beery, ein aus Israel stammender Doktorand an der TU Berlin, beschäftigte sich mit der Meerwasserentsalzung in Südkorea. Er simulierte für eine gesamte Anlage in Israel ein besonders nachhaltig und energieschonendes Verfahren, mittels eines mathematischen Tools. Obwohl Berlin-Brandenburg nicht am Meer liegt und auch keine Meerwasserentsalzung betreibt, stärkt Beery die Region. Unter anderem hat er Gelder aus dem Exist-Programm des Bundeswirtschaftsministeriums eingeworben, mit denen er eine Firmengründung vorbereitet.

Meisterwerk aus der Mathe-Stadt

„Je größer die Löcher in der Seele, umso größer müssen die Perlen in der Krone sein.“ Dieses Zitat eines Psychoanalytikers steht über der Masterarbeit von Christian Freydank an der Uni Potsdam. Sein Thema: die Kaufsucht. Darunter leiden 9,2 Prozent der Bundesbürger. Das hat oft psychische Ursachen. Freydank interessierte besonders, wie die Konsumkultur und das Marketing die Sucht fördern. So zeigte er, dass Betroffene oft emotionaler Werbung und konsumentengerichteter Verkaufsförderun unterlägen. Kreditkarten seien besonders gefährlich „für Kaufsüchtige aufgrund einer Selbstkontrollstörung“.

Wirkt hier der VBKI-Preis nicht gegen die Unternehmer-Intention, möglichst viel zu verkaufen? Peter Deuflhard entgegnet: „Wenn die Leute Kaufsucht haben, sind sie häufig hoch verschuldet.“ Und psychisch belastete, verschuldete Menschen nützten keiner Wirtschaft etwas. Freydank zeige in seiner Arbeit auf, wie man Marketing so machen könne, „dass die Leute zwar kaufen, aber nicht kaufsüchtig werden“.

Besonders am Herzen liegt dem Jury-Vorsitzenden Deuflhard auch die Arbeit eines Mathematiker-Kollegen. Ein Gutachter beschreibt sie als „Meisterwerk, das schon jetzt das Echo der Fachwelt auf sich zieht“. Berlin sei eine Hochburg in angewandter diskreter Mathematik, sagt Deuflhard. Sie beschäftige sich unter anderem mit der Spieltheorie, deren Entwicklung mit Namen wie John von Neumann oder John F. Nash verbunden ist, bekannt aus dem Spielfilm „A Beautiful Mind“ (2001).

Der junge Mathematiker Max Klimm von der TU Berlin erzielte laut Gutachter fundamentale Ergebnisse auf dem Gebiet der „Congestion Games“, der Auslastungsspiele. Hier geht es um mathematische Modelle, wie man beschränkte Ressourcen optimal auslastet und verteilt. Deuflhard geht davon aus, dass Klimms Arbeit in ein paar Jahren praktisch nutzbar sein werde. Bei der Preisverleihung im Herbst im Berliner Verlag will er konkreter werden. „Bis dahin habe ich mir ein schönes Beispiel ausgedacht.“



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