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Wolf Biermann wirft dem SPD-Politiker und Musikmanager Diether Dehm Stasi-Spitzeldienste vor: Die Verstrickung des "cleveren Doktors"

Wolf Biermann beschuldigt den Frankfurter Musikagenten und SPD-Kommunalpolitiker Dr. Diether Dehm, ihn jahrelang im Auftrag der Stasi bespitzelt zu haben. In der heute erscheinenden Ausgabe des "Spiegels" sagt Biermann, Diether Dehm habe ihm seine Stasi-Verstrickung schon lange vor dem Fall der Mauer gebeichtet. Bereits am 29. Mai 1988 habe ihm Dehm "unter vier Augen und sechs Ohren berichtet, daß er sich seit Jahren - als Mitarbeiter des MfS - um die SPD in Frankfurt gekümmert habe. Er beichtete dann, daß er mir seine Dienste als Konzertmanager im Auftrage der Staatssicherheit angetragen hatte."Diether Dehm leugnet, dem Liedermacher eine Beichte abgelegt zu haben. "Weder meine Frau noch ich haben wissentlich für die Stasi gearbeitet", sagt er. Bei all seinen Kontakten zur DDR sei es nur um kulturelle Projekte wie eine antifaschistische "Anthologie" gegangen. Angesichts der ihm vorgehaltenen Stasi-Akten-Kopien sagt Dehm: "Ich war wohl ziemlich naiv und hätte mein Maul öfter halten müssen." "Kein Zweifel" Dr. Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin war während seiner Forschungen auf die 400 Seiten starke Akte gestoßen. "Ich arbeitete im Gauck-Archiv über Versuche des MfS, Leute in Parteien einzuschleusen", sagt er gegenüber der Berliner Zeitung. "Auch wenn die Verpflichtungserklärung herausgerissen wurde, gibt es keinen Zweifel, daß es sich in der Akte um Dehm handelt." Im Werbungsvorschlag der Stasi-Offiziere stehe der volle Name. Quittungen für Geldprämien seien teilweise mit "Diether Dehm" oder dem Decknamen "Willy" unterzeichnet. Auch das ARD-Magazin "Kulturweltspiegel" beschäftigte sich gestern abend mit den Vorwürfen.Der 46jährige Diether Dehm, den Biermann einen "halsbrecherisch cleveren Doktor" nennt, ist Musikmanager, Buchautor und SPD-Politiker. Der Diplompädagoge, der 1984 seinen Doktor machte, produzierte über 400 Schlager, schrieb unter anderem Klaus Lages Hit "Tausendmal berührt" und 1988 die neue Parteihymne der SPD. Er betreut Eislaufstar Katarina Witt und ist Bundesvorsitzender der SPD-Arbeitsgemeinschaft Selbständige. Als ehrenamtlicher Stadtrat im Frankfurter Magistrat liefert "der linke Millionen-Musikant" der dortigen Kulturstadträtin Linda Reisch einen Kampf "für mehr Schwimmbäder und weniger Hochkultur". Auf unsere Anfrage hin will sich Linda Reisch nicht zu den Vorwürfen gegen Dehm äußern. "Das ist ein anderes Thema. Ich will erst einmal abwarten.""Für die alten und neuen Linken sind die jetzigen Offenbarungen keine Überraschung", sagt Tilman Fichter der Berliner Zeitung. Fichter, Referent beim SPD-Vorstand, bezeichnet Dehm als "begabten Manager, sehr geschäftstüchtig" und "besessen" von persönlichem Machterwerb. Bereits Ende der 70er Jahre sei in der linken Szene, vor allem in den Kreisen der Frankfurter "Spontis" der Verdacht lautgeworden, daß Dehm mit der Stasi zusammenarbeite. "Lerry", so sein Spitzname, dem zeitweiligen Künstlernamen "Lerryn" entlehnt, habe "große Konzerte gegen die Nachrüstung und die Atomenergie organisiert", sagt Fichter. Dehm komme aus dem "Stamokap"-Flügel der Jusos und sei für gute Beziehungen zur DDR und zur DKP eingetreten. "Ich kenne aber viele politische Freunde von ,Lerry`, die wußten, wo die Grenzen sind, und die niemals den Schritt zur Stasi gemacht hätten", so Fichter. Wenn Diether Dehm jedoch "ein paar Gläser zuviel getrunken hatte, prahlte er mitunter gefährlich über seine ,guten Beziehungen`." Da ging es dann auch schon mal um einen gemeinsamen Saunabesuch mit Markus Wolf. In einem selbstgewählten Slogan bezeichnete sich Dehm als "Hecht im Karpfenteich" unter den deutschen Liedermachern. "In der SPD war bekannt, daß man vorsichtig sein mußte", sagt Fichter. Die Stasi selbst schätzte Diether Dehms Motive als "Mischung aus Abenteuerlust, Wichtigtuerei und Selbstbestätigung" ein, so FU-Forscher Jochen Staadt.Diether Dehm wird in den Akten der Gauck-Behörde als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi-Hauptabteilung XX/5 geführt. Demnach sammelte er von 1971 bis 1978 unter den Decknamen "Dieter" und "Willy" Informationen und bespitzelte Freunde und Genossen - bei den "Falken", den Jusos, in der Frankfurter SPD und in der Universität, wie Jochen Staadt nach dem Aktenstudium mitteilt. IM "Willy" traf sich mit der Stasi an konspirativen Orten und berichtete Interna aus der südhessischen SPD. Der prominenteste "Ausgehorchte" war nach seiner Ausbürgerung aus der DDR im November 1976 Wolf Biermann. Im Februar 1977 berichtete IM "Willy" zum Beispiel der Stasi von Biermanns labilem Gemütszustand. Er wies die Stasi auf ein bevorstehendes Zusammentreffen Biermanns mit dem Marburger Marxisten Wolfgang Abendroth hin. Als sich IM "Willy" 1978 von der Stasi löste, schätzte diese im IM-"Abschlußbericht" ein, daß er und seine Lebensgefährtin IM "Christa" (Christa Desoi) "operativ wertvolle Informationen" geliefert hätten. Dennoch habe er seine Auftraggeber, so Biermann, "durch sympathischen westlinken Eigensinn" genervt. Kontakte eingestellt Biermann rät Dehm, jetzt endlich "die entwaffnende Wahrheit" zu wagen. Doch der wehrt sich. Er erzwang bereits 1990 gegen eine "Forbes"-Meldung über seine Stasi-Verstrickung eine Gegendarstellung und eine einstweilige Verfügung. Nach der Ausbürgerung Biermanns 1976 habe er alle Kontakte in die DDR genutzt, um "gegen die Position der DDR-Obrigkeit Stellung zu beziehen", so Dehm. Als das gescheitert sei, habe er die Bekanntschaften und Gespräche 1978 "vollkommen eingestellt".Das Nachrichtenmagazin "Focus" wirft Diether Dehm in seiner heutigen Ausgabe vor, in den 70er Jahren auch Kontakte zur linken Terrorszene gehabt zu haben. Unter anderem soll er der damaligen RAF-Sympathisantin Brigitte Heinrich in Frankfurt eine Wohnung vermietet haben. +++