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Xinjiang: Chinas inneres Ausland

Lehmhäuser und lebhafte Basare gibt es hier nicht mehr: Neue Appartments in der Nähe des Zentrums der Oasenstadt Kashgar.

Lehmhäuser und lebhafte Basare gibt es hier nicht mehr: Neue Appartments in der Nähe des Zentrums der Oasenstadt Kashgar.

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REUTERS/Carlos Barria

KASHGAR/URUMQI. -

"Alim Khan* hat mit dem Besuch nicht gerechnet. Wer komme derzeit schon nach Xinjiang? In diesen „sensiblen Zeiten“, wie die Regierung die angespannte Lage nach den Anschlägen in der fernen Westprovinz nennt? Nicht einmal die 500 Yuan, umgerechnet 60 Euro, die die Pekinger Führung jedem chinesischen Xinjiang-Touristen zahlt, locken noch jemand hierher. Groß ist die Angst der Chinesen.

Zwei von ihnen stehen dennoch auf der Terrasse von Alim Khan und schauen ihm beim Arbeiten zu. Der Mann in der zerrissenen schwarzen Hose redet nicht. Vielleicht ist ihm sein Mandarin nicht geheuer. Viele in Xinjiang sprechen – der rigiden Sinisierungspolitik des Staates zum Trotz – kein Chinesisch. Vielleicht ist er einfach nur hocherfreut, dass doch noch jemand zu ihm kommt, in seine luftige Werkstatt, ausgelegt mit gelb-roten Teppichen, multifunktional, Arbeitsstätte, Wohnzimmer und Besucherraum in einem.

Er hebt seine Schiebermütze, wischt sich über die Stirn. Es ist heiß in der Stadt, noch heißer an seinem selbst gebauten Ofen. In einer Schüssel hat er Steine und Metalle erhitzt. Der Mittvierziger rührt in der gelben Masse, später wird er damit seine Töpferware bemalen. So wie es auch sein Bruder tut, wie es Vater und Großvater getan haben, sein Urgroßvater, und ja, auch der Ururgroßvater. In der fünften Generation führt der Uigure die Mini-Werkstatt, hier im alten Teil Kashgars, in seinem Lehmhäuschen am Ende einer engen, verwinkelten Gasse.

Tassen, Krüge, Vasen türmen sich im Holzregal. Alim Khan wohnt nicht nur hier, er verdient auch das knappe Geld zum Überleben. Wie lange noch, das weiß niemand in der Stadt. Vielleicht ist sein Haus bald Bauschutt, wie er hier alle paar Meter zu sehen ist. Ein Nichts auf dem stetig dunkler werdenden Hügel, wo Bulldozer die manchmal 200 Jahre alten Häuser einreißen, wo Straßenzüge wegbrechen und in der Ferne, am See vor Alim Khans Holzterrasse, immer mehr Wolkenkratzer in den Himmel streben, in Blau und Grau, Rosa und Gelb, wie überall in China.

Strategisch wichtiges Gebiet

Kashgar, die Oasenstadt. Einst einer der wichtigsten Orte an der Seidenstraße, diesem Geflecht aus Karawanenrouten, die bis ins 16. Jahrhundert hinein Osten und Westen näher zueinander rücken ließ. Eine Stadt, in der Anfang des 20. Jahrhunderts das Emirat Ostturkestan entstand, nationalistisch, progressiv, pantürkisch. Es überlebte nicht lange und jagt Peking bis heute eine ungeheure Angst ein. Seit die KP die Region 1949 dem sowjetischen Protektorat entrissen hat, krallt sie sich an das strategisch wichtige Randgebiet, in dem einst fast nur Zentralasiaten lebten, mittlerweile aber knapp die Hälfte der Bevölkerung Han-Chinesen sind. Separatistische Bestrebungen, die es in Xinjiang durchaus gibt, bekämpft Peking mit eiserner Faust.

Kashgar, fast 4 500 Kilometer von Chinas Hauptstadt weg, dafür aber nur 200 von der Grenze zu Kirgistan und Tadschikistan entfernt, war schon immer ein Mittelpunkt uigurischen Lebens, ein architektonisches Kleinod mit einem undurchsichtigen Gassen-Labyrinth und lebhaften Basaren. Ein Stück zentralasiatischer Geschichte und Kultur, der nach und nach der Garaus gemacht wird, weil Kashgar wiederauferstehen soll – als gewaltiges Wirtschaftszentrum, voller Fabriken, Innovationszentren, Hotels, Stadien. Als pulsierende Ader des Welthandels, mitten im neu zu schaffenden „Seidenstraßen-Wirtschaftsgürtel, wo die Rauchschwaden aus der Wüste steigen“, wie Chinas Präsident Xi Jinping sein ehrgeiziges Projekt gern beschreibt.

Wären da nur nicht die Minderheiten, die Kasachen, die Tadschiken, die Kirgisen, die Usbeken, die Hui. Vor allem aber die Uiguren, das muslimische Volk, rund acht Millionen Menschen, die ihre Turksprache mit arabischen Buchstaben schreiben. Nicht, dass sie etwas gegen einen Aufschwung in ihrer als autonom bezeichneten Provinz hätten – würde er sie denn erreichen. Viele fühlen sich immer weiter abgedrängt, als Fremde im eigenen Land, nicht als chinesische Staatsbürger. Und manchmal nicht einmal mehr als Herr im eigenen Haus.

Wie die Altstadt von Kashgar in Zukunft aussieht, das sagt die Regierung. Erdbebensicher sollen die Häuser sein, resistent gegen Feuer. Straßen müssen verbreitert werden, die Lehmwände weichen Betonpfeilern. Die große Modernisierung zieht ein in die geschichtsträchtige Oase. Ein Erdbeben hat es in Kashgar nie gegeben. Aber es könnte vielleicht einmal sein. Es könnte auch ein Großfeuer geben. Eine Überschwemmung. Man will hier für alle Eventualitäten gewappnet sein. Also reißt man ab und baut teilweise neu, mit angeklebten Dekorationen aus Lehm. Hauptsache, die Kulisse stimmt. In Kashgar ist das nicht anders als anderswo im Land.

Die Renovierung an sich finden die Altstädter gar nicht schlecht. Endlich keine stinkenden Kloeimer mehr auf dem Dach, endlich Wasser im Haus. Das Geld für den Umbau aber fehlt oft, 70 Prozent der Kosten bleiben beim Hausbesitzer, der nach dem Umbau nur noch ein halber Eigentümer ist. Die andere Hälfte gehört dem Staat. Wer die Kosten nicht tragen kann, muss umziehen – in ein mehrgeschossiges Haus am Stadtrand. Der lebhafte Dorfcharakter, bei dem sich das Leben meist draußen abspielt, sei da weg, bedauern vor allem die Alten, doch sie beklagen sich nicht, wollen keinen Ärger.

Niemand will Ärger in Xinjiang. Doch er ist da, täglich, stündlich. Er entsteht, wenn ein Uigure den Preis des Zimmers falsch verstanden hat. Oder die Han-Chinesin an der Rezeption ihn falsch genannt hat. „Verstehen Sie mich?“, schreit der Uigure dann. „Nein, ich verstehe Sie nicht“, säuselt die Han-Chinesin. Sie finden buchstäblich keine gemeinsame Sprache, fühlen sich beide im Recht, beide unwohl.

Es sind Kleinigkeiten, die oft ausarten, die zu Ausgrenzung und Vorurteilen führen. „Die Han-Chinesen rauben unsere Region aus, nehmen alles, was wir haben, unser Öl, unser Gas, unsere Baumwolle“, sagen Uiguren oft. „Die Uiguren sind faul und stinken. Sie dürfen so viele Kinder haben, wie sie wollen, für sie gibt es Quoten an den Unis, in den Fabriken, das ist doch ungerecht“, sagen die Han-Chinesen.

Von bewaffneten Soldaten umstellt

Die Arbeitgeber, vor allem die kleinen Unternehmen, überlegen sich jedoch zwei Mal, ob sie einen Uiguren einstellen. Zu mühsam sei der Verwaltungskram, der Staat verlangt Berichte über jeden einzelnen uigurischen Arbeiter, Essen ohne Schweinefleisch und Gebetsräume seien auch zu bedenken. Vielen ist das zu umständlich, sie stellen lieber gleich einen Han ein.

Es gibt stets zwei Versionen und zwei Wahrheiten. Seit dem 5. Juli 2009 sind diese noch schwerer herauszufinden. Das Datum ist eine regelrechte Zäsur. Tausende Uiguren hatten vor fünf Jahren im Stadtteil Erdaoqiao von Urumqi, knapp 1 500 Kilometer nördlich von Kashgar, zunächst friedlich demonstriert. Im Süden Chinas waren zwei Uiguren bei Ausschreitungen in einer Spielzeugfabrik getötet worden – wohl wegen eines Gerüchts, sechs Uiguren hätten eine Han-Chinesin vergewaltigt. In Urumqi protestierten die Menschen daraufhin für die Aufklärung des Falls, die Regierung aber sprach sogleich vom Aufruhr. Und er begann. Am Ende gab es knapp 200 Tote und 2 000 Verletzte. Die meisten von ihnen Han-Chinesen.

Seitdem hat sich Urumqi, wie kaum eine andere Stadt in China, in einen hochgesicherten Käfig verwandelt. Gepanzerte Wagen patrouillieren durch die Stadt, Polizisten sind zu Fuß, auf E-Mofas, in mit Metall verstärkten Autos mit Radar auf dem Dach unterwegs. Kaum eine Moschee, eine Schule, ein Park, die nicht mit bewaffneten Soldaten umstellt wären. Ein Generalverdacht hat sich über die Provinz gelegt, die Suche nach Separatisten, Terroristen, Extremisten hat die KP zu einer der Hauptaufgaben erklärt. Den Kampf gegen „drei Übel“ nennt sie das, ein Einsatz für die „soziale Stabilität“.

Viele Uiguren halten den Mund und nehmen das Leben hin, wie es kommt. Mit ständigen Kontrollen, dem Herunterreißen von Kopftüchern und manchem Verbot, in die Moschee zu gehen. Einige aber rasten aus. Schnappen sich eine Axt und schlagen damit in einem Internetcafé wild um sich. Greifen zum Messer und stechen auf einem belebten Markt auf jeden ein, der ihnen in die Quere kommt. Basteln Bomben und lassen sie hochgehen. In Urumqi oder Peking, mittlerweile quer durchs Land. Mehr als 90 Tote sind es in weniger als neun Monaten. Nach Gründen zu suchen, betrachtet die KP als Sympathie für die Angreifer.

„Nur die wirtschaftliche Entwicklung in Xinjiang schafft Stabilität“, sagt Sun Hui an einem langen Holztisch in der Universität von Urumqi. Die Professorin für Wirtschaft und Verwaltung blättert durch einen Stapel ihrer Forschungsberichte, rattert Zahlen herunter. „2010 lag das Bruttoinlandsprodukt bei 10,6 Prozent, 2011 und 2012 bei 12 Prozent, 2013 bei 11,1.“ Das Wachstum ist höher als im Landesdurchschnitt.

Auch die Industriezahlen sind es. Die Autobranche ist in die Provinz gezogen, der Handel – mit Zentralasien, Iran, Saudi-Arabien, der Türkei, Indien, Pakistan und Russland – entwickele sich prächtig, die von der Regierung propagierte Seidenstraße werde noch mehr Fortschritt nach Xinjiang bringen. Doch bringt dieser Fortschritt auch die erhoffte Stabilität? Sun Hui ist plötzlich wortkarg, versteckt sich hinter den Aussagen amerikanischer Professoren, lässt durchblicken, dass Wirtschaft allein vielleicht doch nicht alles sei, dass auch die Politik eine gewisse Rolle spiele. „Aber das sage nicht ich“, fügt sie hinzu.

Die Ruhe will nicht ankommen in dieser Provinz, seit Chinas Kaiser Shunzhi sich Mitte des 17. Jahrhunderts vornahm, Frieden in das damals noch mongolische Khanat zu tragen. Bis heute leben Uiguren und Han-Chinesen wie in zwei Welten, nebeneinander, nur dort überkreuzend, wo es nötig ist. Bei der Verwaltung, der Bank, oft auch bei der Polizei.

Die Angst sitzt tief

„Die Beamten sind nutzlos, gar kontraproduktiv, weil sie jeden kleinen Streit als großen Terrorangriff interpretieren.“ Das sagt kein enttäuschter Uigure, das sagt ein Han-Chinese. Yang Xiaoyun* ist vor zehn Jahren aus einer Kleinstadt in Zentralchina nach Xinjiang gekommen. Es war wie „Auswandern in ein anderes Land, nichts wusste ich darüber“, sagt er bei einem Spaziergang durch Urumqi. Es soll nicht auffallen, was er über den Alltag zwischen der Mehrheit und der Minderheit erzählt. Die Angst sitzt tief. Deshalb will kaum jemand seinen richtigen Namen nennen, deshalb sagen selbst einige Professoren Gespräche ab, „wegen zu viel Ärger danach“. Die Polizei ist hier der „große Bruder“, der überall sein Auge drauf hat. Auf die Brotverkäufer an den Marktständen, auf öffentliche Plätze und selbst auf ausländische Journalisten, die man zur Not auch nachts aus Hotels schmeißen lässt.

Der Konflikt ist alltäglich auf den Straßen von Xinjiang. Die Tankstellen sind mit Stacheldraht überzogen und mit Wegsperren umstellt. Alle Passagiere müssen aussteigen, der Fahrer lässt seine Passdaten in ein Heft eintragen, macht den Kofferraum auf und darf erst dann zur Tanksäule fahren. Benzin und Diesel sind rationiert. Checkpoints ziehen sich durch die Städte, stehen hinter Mautstellen an der Autobahn. Die Menschen steigen aus den Bussen, aus den Autos, trotten mit den Koffern zu den Kontrollpunkten, halten ihre Ausweise an eine schwarze Säule, trotten zurück zum Wagen.

„Ich hasse das, ich hasse die Polizei, hasse die Chinesen“, sagt ein 17-jähriger Uigure, als er aus dem hochgesicherten Häuschen vor den Toren Urumqis hinaustritt. Es ist ein kurzer Moment, der klar macht, wie schnell die Energie des Jugendlichen, der gerade seine Zukunft plant, sich auch in falsche Bahnen lenken ließe. Viele in der Region radikalisieren sich, verbotene Koranschulen gewinnen an Zulauf, auf den Straßen gibt es immer mehr vollverschleierte Frauen. „Je mehr man uns verbietet, desto mehr missachten wir die Verbote“, hatte ein Uigure in Kashgar gesagt. In Urumqi sagt Yang Xiaoyun, der zugezogene Han-Chinese: „Unsere Regierung will, dass die Uiguren ihr dankbar sind – für das bessere Leben, den Aufschwung, die Jobs. Aber sie fragt gar nicht, was Uiguren eigentlich unter einem besseren Leben verstehen.“

* Name von der Redaktion geändert