blz_logo12,9

Zuwanderung: Gefahr der Verwechselung

Das sind nicht wir, das sind die Roma: Das ist in Rumänien und Bulgarien noch immer der erste Reflex, wenn etwas von den deutschen und britischen Debatten über Armutszuwanderung in die dortige Öffentlichkeit schwappt.

Mehr noch als in Deutschland ist es in Großbritannien und Frankreich verpönt, Einwanderergruppen ethnisch zu qualifizieren. Das führt dazu, dass in der britischen Presse zwar vorwiegend von „Romanians and Bulgarians“ die Rede ist, wenn es um Armutszuwanderung geht, dann aber doch der ganze reiche Assoziationshorizont für angeblich arbeitsscheue und diebische Roma eröffnet wird. Bei den Nicht-Roma unter den Südosteuropäern weckt so etwas Empörung.

Vor allem in Rumänien herrscht eine schon neurotische Furcht vor der Verwechslungsgefahr. Immer wieder versuchen Politiker, das in ihren Ohren unglückliche Wort „Roma“ im offiziellen Sprachgebrauch durch „Zigeuner“ oder wenigstens durch „Rroma“ zu ersetzen: Das Doppel-R soll verhindern, dass Englischsprecher Romanians und Roma durcheinander werfen.

Hinter den Abgrenzungsversuchen steht ein Gedanke, der sich auch in den südosteuropäischen Ländern selbst fatal auswirkt: Wer Rumänen und Roma unverwechselbar machen will, deutet das Armutsproblem der Gesellschaft zum Roma-Problem um – und sitzt damit einer viel ärgeren Verwechslung auf.

Tatsächlich ist nach der Wende fast die ganze Industrie dort zusammengebrochen. Rumänien hat heute nicht einmal halb so viele Arbeitsplätze wie 1990. Natürlich verloren nicht nur Roma ihre Arbeit. Die Nicht-Roma unter den Rumänen und Bulgaren bekamen bei der Rückgabe des vergesellschafteten Eigentums das Häuschen der Großeltern mit einer kleinen Parzelle Land. So setzte nach dem Zusammenbruch der Industrie eine enorme Flucht aus der Stadt aufs Land ein; Millionen Menschen leben heute noch dort, fast ohne Geld und unter Verhältnissen, die kaum besser sind als die der Roma.

Nur die Roma bekamen nichts zurück, weil schon ihre Großeltern nichts hatten. Sie zogen in die Elendsviertel, aus denen heute die Armutszuwanderer kommen. Das erlaubt es der deutschen wie der rumänischen Öffentlichkeit, das Armutsproblem für ein Roma-Problem zu halten – was es nicht ist. Gäbe es keine Roma, so gäbe es auch nicht mehr Arbeitsplätze.

Ebenfalls macht sich vor allem in Rumänien noch eine zweite Art von Bitternis breit, wenn Deutschland und Großbritannien die Armutszuwanderung abwehren. Beide haben für Rumänen und Bulgaren ihren Arbeitsmarkt erst am 1. Januar ganz geöffnet. Vor Jahren aber schon sind für gefragte Berufsgruppen – vor allem Ärzte und Krankenpflegepersonal – alle Barrieren gefallen. Personalagenturen werben die Medizin-Absolventen an, organisieren ihnen den Papierkram und den Deutschkurs, suchen eine Stelle und eine Wohnung. Ganze Jahrgänge gehen beinahe geschlossen nach Westen. Die Gebliebenen müssen für 200 Euro im Monat doppelt schuften. Rumänien hat die niedrigste Ärztedichte Europas und bildet für das reiche Deutschland die Mediziner aus. Das Motto ist: Die Ärzte sollen kommen, aber deren mögliche Patienten sollen bleiben, wo sie sind.

So wird aus dem Recht auf Freizügigkeit das Recht der reicheren EU-Länder, sich aus dem Potenzial der Zuwanderer die Rosinen herauszupicken – der angeblichen Einwanderung in die Sozialsysteme steht ein tatsächlicher Export des Ärzte- und Pflegermangels gegenüber. Verwechslungsgefahr besteht also auch in Deutschland.