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Zwangsarbeit in der NS-Zeit: Die Schatten der Geschichte

„Ohne Orte, an denen die Geschichte sichtbar wird, geht die Erinnerung verloren“, sagt Paulina Bozyk nach einer Besichtigung des NS-Dokumentationszentrums Schöneweide.

„Ohne Orte, an denen die Geschichte sichtbar wird, geht die Erinnerung verloren“, sagt Paulina Bozyk nach einer Besichtigung des NS-Dokumentationszentrums Schöneweide.

Foto:

AKUD/Lars Reimann

Berlin -

In der Baracke ist es kalt. Die Teilnehmer der internationalen Jugendbegegnung des Bundestags schließen die Reißverschlüsse ihrer Jacken. Zwei Dutzend Jugendliche stehen eng aneinandergedrängt in der Baracke 13 des NS-Dokumentationszentrums in Berlin Schöneweide und starren auf die unverputzten Wände.

Die Frau vom Dokumentationszentrum, die durch die Räume führt, sagt, früher sei den Häftlingen genau so kalt gewesen. Die jungen Leute berühren die rauen Wände, sie versuchen sich vorzustellen, wie es hier wohl war, 1943, als in dem Raum 16 Zwangsarbeiter in Doppelstockbetten lebten. Es ist ein kahler, dunkler Raum, nur eine Glühbirne gibt spärliches Licht. Den Jugendlichen ist die Beklemmung anzumerken. Die Beklemmung, die einen befällt, wenn man in einen Raum tritt, in dem früher einmal Geschichte stattgefunden hat.

Auch Paulina Bozyk ist anzumerken, wie nahe ihr dieser Besuch hier geht. Die 18-jährige Schülerin mit den kurzen braunen Haaren ist aus dem polnischen Kielce, zweihundert Kilometer südlich von Warschau, zu dieser Begegnung angereist.

Seit 1997 organisiert der Deutsche Bundestag jährlich eine internationale Jugendbegegnung. 80 Jugendliche zwischen 17 und 24 Jahren aus Deutschland und den Nachbarländern erarbeiten gemeinsam ein Thema rund um die Geschichte des Nationalsozialismus. In diesem Jahr geht es um Zwangsarbeit. 8,4 Millionen Menschen wurden während des Zweiten Weltkriegs in das Gebiet des Deutschen Reichs verschleppt und als Zwangsarbeiter missbraucht.

Berührende Geschichte

Die meisten stammten aus Polen und der Sowjetunion, aber auch aus Westeuropa wurden Zwangsarbeiter rekrutiert, die oft unter besseren Bedingungen lebten als die Osteuropäer. Letztere waren durch diskriminierende Sondererlasse der Willkür der Gestapo und anderer polizeilicher Dienststellen wehrlos ausgeliefert, heißt es auf den Seiten des Projekts „Zwangsarbeit 1939–1945“, das unter anderem von der Freien Universität Berlin und dem Deutschen Historischen Museum getragen wird. Demnach durften die im Nazijargon „Ostarbeiter“ genannten Menschen ihre Lager oft nur zur Arbeit verlassen und mussten entsprechende Kennzeichen („OST“, „P“) auf der Brust tragen.

Führende deutsche Unternehmen profitierten von Zwangsarbeit. Viele Zwangsarbeiter wurden bis heute nicht entschädigt und wurden obendrein in ihren Heimatländern teilweise als Kollaborateure der Deutschen diskriminiert.

Es ist kein Zufall, dass Paulina Bozyk diese Reise nach Berlin unternommen hat. Sie hat einen traurigen persönlichen Bezug zu dieser Geschichte, ihr Urgroßvater wurde von den Deutschen als Zwangsarbeiter missbraucht und musste nahe Düsseldorf in einer Möbelfabrik arbeiten, bei einem Arbeitsunfall verlor er einen Daumen. Es könnte eine Baracke wie diese hier in Schöneweide gewesen sein, in der Bozyks Urgroßvater leben musste.

Die zierliche Schülerin schaut sich um in dem kalten Raum, in dem Informationstafeln hinter Plexiglas hängen. Die große Geschichte des Nationalsozialismus und die kleine Geschichte ihres Urgroßvaters verschmelzen miteinander, auch wenn der Urgroßvater weit weg im Rheinland war. Paulina Bozyk sucht nach Kleinigkeiten, nach Überresten der Vergangenheit, um das Schicksal ihres Urgroßvaters besser zu verstehen. „Ich konnte mir bisher keine Vorstellung vom Leben der Zwangsarbeiter machen“, sagt das schüchterne Mädchen. Der Urgroßvater überlebte den Krieg und kehrte nach Polen zurück. Allerdings starb er, als Paulina noch ein Kleinkind war. Durch die Jugendbegegnung will sie ihm näher kommen.

Das Schicksal des Urgroßvaters

„Er hatte großes Glück, dass man ihn nicht in ein Konzentrationslager deportiert hat“, sagt Bozyk. Das Schicksal des Urgroßvaters habe die Familie geprägt, erklärt sie: „Bei uns war Geschichte immer ein großes Thema.“ Die Mutter ist Geschichtslehrerin und Paulina Bozyk hat bei einem Jugendprojekt in der Gedenkstätte des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz mitgearbeitet und außerdem noch andere Konzentrationslager besucht.

Über das Jugendprojekt in Auschwitz ist sie auch zur internationalen Jugendbegegnung des Bundestags gekommen. Die 80 Teilnehmer sind junge Menschen, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen oder sich gegen Antisemitismus und Rassismus engagieren.

Sechs Tage verbringen die Jugendlichen insgesamt miteinander. Vor ihrem Besuch in Berlin-Schöneweide haben die Teilnehmer bereits das ehemalige KZ Mittelbau-Dora besucht. Im Außenlager des KZ Buchenwald mussten Zwangsarbeiter unter Tage Raketen herstellen. Jeder dritte Arbeiter starb in den Stollen des Bergwerks. Dieser Ort hat bei Paulina Bozyk und den anderen besondere Beklemmung hinterlassen.

„Ohne Orte, an denen die Geschichte sichtbar wird, geht die Erinnerung verloren“, sagt Paulina Bozyk. Das NS-Dokumentationszentrum in Schöneweide ist ein solcher Ort. Stacheldrahtzäune und ausladende Baracken lassen die Trostlosigkeit erahnen, die den Alltag der einstigen Insassen geprägt haben muss. Das einzige weitestgehend erhaltene ehemalige NS-Zwangsarbeiterlager beheimatet heute eine Dauerausstellung der Stiftung Topographie des Terrors. Das drei Hektar große Areal umfasst 14 Baracken, die 1943 in zwei Reihen akkurat nebeneinander aufgebaut wurden. Mehr als 400 italienische Arbeiter waren hier untergebracht. Die Ausstellung stellt die Biografien der Menschen vor, die hier lebten und ausgebeutet wurden.

Zwangsarbeit war während des Nationalsozialismus allgegenwärtig, das zeigt die Ausstellung. Die deutsche Bevölkerung wusste Bescheid, denn das Lager in Schöneweide wurde in einem Wohngebiet errichtet. Viele Betriebe und Unternehmen in unmittelbarer Nachbarschaft beschäftigten Zwangsarbeiter.

Das wird den Jugendlichen bei einem Spaziergang durch die Nachbarschaft deutlich. Denn direkt hinter den Stacheldrahtzäunen beginnt die idyllische Wohnsiedlung – die Barackenanlage wirkt darin wie ein Fremdkörper, übersehen kann man sie nicht. Die Jugendlichen erkunden bei einem Spaziergang bedächtig die Umgebung. Nur zwei Straßen weiter befindet sich die Spree. Auf der anderen Seite des Flusses sehen Paulina und die anderen aus der Gruppe die alten Fabriken, in denen die Zwangsarbeiter ihr Werk verrichten mussten.

Gespräche mit Zeitzeugen

Während des Spaziergangs intensivieren sich die Begegnungen zwischen den Jugendlichen verschiedener Herkunft. Eine deutsche Schülerin unterhält sich mit einem russischen Altersgenossen über die deutsch-russischen Beziehungen und die politischen Verhältnisse in Russland. Es ist ein differenziertes Gespräch. Die Jugendlichen diskutieren sachlicher über den Ukraine-Konflikt als viele der involvierten Politiker.

Nach dem Spaziergang geht es an die Arbeit. In transnationalen Kleingruppen erarbeiten die Teilnehmer die Geschichte der Zwangsarbeit in Deutschland und die Geschichte des Lagers in Schöneweide. Paulina hat sich mit einigen anderen Teilnehmern in die Bibliothek der Gedenkstätte zurückgezogen, die sich im hinteren Teil von Baracke 5 befindet. Sie beschäftigen sich mit der Geschichte des „Systems der NS-Zwangsarbeit“.

Sie freue sich über den Austausch mit den Altersgenossen aus anderen Ländern, sagt Paulina Bozyk. Die Begegnung zeige, dass die Geschichte des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkriegs eine Geschichte ganz Europas sei, die man gemeinsam aufarbeiten müsse. Auch deshalb nehme sie an dem Programm teil.

Trotz des Schicksals ihres Urgroßvaters hegt sie keinen Groll gegen Deutschland. Während der Jugendbegegnung sei sie in der Bundesrepublik nur netten Menschen begegnet, habe positive Eindrücke gesammelt, erklärt sie.

In den kommenden Tagen werden die Jugendlichen mit ehemaligen Zwangsarbeitern sprechen. Am Mittwoch – dem internationalen Holocaust-Gedenktag – werden die Jugendlichen von Bundestagspräsident Norbert Lammert empfangen und nehmen an der Gedenkstunde des Bundestags teil.

Danach geht es für Paulina Bozyk und die anderen in die Heimat zurück. „Wir sollten einander nicht hassen, sondern miteinander reden“ sagt sie ruhig. Im Mai stehen ihre Abiturprüfungen an. Danach will sie Philologie studieren, vielleicht sogar in Deutschland.