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Zwei Jahre nach den Ereignissen von Sebnitz rollt eine MDR-Dokumentation den Fall erneut auf: Der Verdacht

Der Skandal von Sebnitz um den angeblich von Neonazis ermordeten kleinen Joseph hat die Glaubwürdigkeit der Medien nachhaltig erschüttert, sagt der Leipziger Journalistik-Professor Michael Haller. "Die Berichterstattung über den Fall war ein Debakel für den Journalismus." Wochenlang stand die 10 000 Einwohner zählende Kleinstadt am Rande der Sächsischen Schweiz vor zwei Jahren als Nazi-Hochburg am Pranger. Die ersten fünf Tage lang klang der Fall Sebnitz glaubwürdig genug, um die Schlagzeilen in den Zeitungen und die Aufmacher in den Nachrichtensendungen aller privaten und öffentlich-rechtlichen Medien zu dominieren. Nur ein Redakteur des Spiegel hatte sich geweigert, darüber zu schreiben, weil seine Zweifel zu groß waren. Das Nachrichtenmagazin berichtete dennoch sofort über den Fall. Erst via Hausmitteilung im nächsten Heft rühmte sich die Redaktion ihres skeptischen Kollegen. Alles passte perfektGeradezu perfekt passten die augenscheinlichen Fakten zum Meinungsklima im Jahr 2000. Der Kanzler hatte den Aufstand der Anständigen ausgerufen, Rechtsradikalismus in Ostdeutschland wurde thematisiert. Da meldet sich kurz vor dem Buß- und Bettag die Mutter des toten Joseph Kantelberg-Abdulla zu Wort und behauptet, Neonazis hätten ihr Kind vor drei Jahren im Freibad Sebnitz ertränkt. Keiner der Badegäste hätte geholfen. Die Bild-Zeitung bezeichnet den Badeunfall am 23. 11. 2000 als "rassistischen Mord" und beruft sich auf die Mutter, die von 15 Zeugen eidesstattliche Aussagen vorlegt sowie auf Informationen der Dresdner Staatsanwaltschaft. Denn die hatte einen Tag vor Veröffentlichung der Bild-Geschichte drei tatverdächtige Jugendliche festgenommen. Mehr als 130 Journalisten und Fernsehteams belagerten daraufhin tagelang die Stadt. Politiker aller Parteien reisten an, um der Familie beizustehen. Die Medien produzierten bei der vermeintlichen Suche nach der Wahrheit einen GAU. Welche zerstörerische Kraft die Verdächtigungen und Vorverurteilungen hatten, zeigt jetzt der MDR in seinem Film "Sebnitz: Die perfekte Story". Die Autoren Johann Feindt und Max Thomas Mehr gehen im Fall Joseph der Frage nach, warum so viele die Geschichte geglaubt haben und welche Rolle die Bild-Zeitung spielte. Journalisten und Politiker geben zu, dass sie sich nicht gewagt haben, laut zu zweifeln, weil sie auf der richtigen Seite, auf der Seite der Anständigen stehen wollten. "Menschenskinder, kann das wirklich sein?", war der erste Gedanke eines Redakteurs der Frankfurter Rundschau, als er die Geschichte hörte. "Menschenskinder", sagt auch der Sebnitzer Pfarrer kopfschüttelnd. Dem Talkmaster Erich Böhme kamen erst am Ende seines Gesprächs mit der Mutter in "Talk in Berlin" Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Einen Tag nach Böhmes Interview kippt der Fall. Die Mutter hatte minderjährige Zeugen bestochen und unter Druck gesetzt, weil sie nicht wahrhaben wollte, dass der Tod ihres Sohnes auf einen Unfall zurückzuführen ist. Der kleine Joseph war 1997 ertrunken, weil sein Herz versagte. Das bestätigten Gutachten. Die Medien verlieren das Interesse und ziehen aus Sebnitz ab. Auf der Suche nach Beweisen für die Anschuldigungen sind handwerkliche Fehler gemacht worden, sagt Michael Haller. "Statt zu recherchieren, stützte man sich auf eidesstattliche Aussagen von Zeugen, die jederzeit widerrufen werden können." In einer Diskussion nach der Vorab-Premiere der MDR-Dokumentation erinnert sich Sven Heitkamp von der Leipziger Volkszeitung: "Die Aussagen der Mutter und die Reaktionen der Polizei und Politiker sprachen dafür, dass die Sache stimmen kann." Schließlich sei Sebnitz auch in Verfassungsschutzberichten im Zusammenhang mit rechtsradikalen Straftaten aufgetaucht. Ein Kollege von der Sächsischen Zeitung verweist auf die 15 eidesstattlichen Erklärungen und deren Kraft des Faktischen. Dass die vermeintlichen Zeugen Kinder, Alkoholiker und Sonderschüler waren, hätten die meisten Journalisten in den ersten Tagen nicht gewusst, weil sie an die Betroffenen nicht herangekommen seien. Typisch deutschMehr auf ihren Glauben als auf Fakten gesetzt zu haben, wirft der Sebnitzer Oberbürgermeister Mike Ruckh heute noch den Journalisten vor. "Es gab keinerlei Beweise in der Stadt, dass ein Mord stattgefunden hat." Seiner Meinung nach hätten sich die Medien keine Chance gegeben, darüber nachzudenken, ob die Geschichte nicht doch falsch sei. Der Regisseur Volker Schlöndorff charakterisiert all die Aufregung um Sebnitz letztlich als "typisch deutsch". Zu erleben war "eine Demokratie, die sich nicht sehr sicher ist. Und das ist lächerlich".Am Ende des 45-minütigen Films bleibt manche Frage unbeantwortet. Was trieb die Mutter zur Falschaussage? Wie haben die Bild-Redakteure die Stimmung im Land für die Skandalisierung des Falles genutzt? Welche Rolle spielten Richter und Staatsanwalt in Dresden? Weder Josephs Familie noch die Justizbehörden oder die Bild-Akteure äußern sich rückblickend zum Fall. Nur im Abspann erfährt man, wie sich die Boulevard-Zeitung bei allen Sebnitzern entschuldigt hat: Sie überwies 25 000 Mark für einen Spielplatz. Und die Stadt durfte im Blatt als Erholungsregion werben. Kostenlos, versteht sich.Schicksalstage: Sebnitz - Die perfekte Story, 22.05 Uhr, MDR.In sechs Phasen // Die Sächsische Staatsregierung stellte im Mai 2001 die Studie "Ein bemerkenswerter Fall: Joseph, Sebnitz und die Presse" vor, die von der Kommunikationswissenschaftlerin Anja Willkommen verfasst wurde und das Verhalten der Medien im "Fall Joseph" analysiert.In der Studie werden unter anderem sechs inhaltliche Phasen der Berichterstattung ausgemacht: die "Anklage-Phase" (23. 11. bis 24. 11. 2000), die "Phase des Zweifels" (25. 11. bis 27. 11. ), die "Phase des Zurückruderns" (28. 11. bis 16. 12. ), die "Phase der Wiedergutmachung" (17. 12. bis 21. 12. ), die "Phase der Medienkritik" (22. bis 26. 12. ) und die "Phase der Aufarbeitung" (seit dem 26. 12. ).DDP/NORBERT MILLAUER Politiker und Journalisten fielen in die sächsische Kleinstadt ein.



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